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Produktion knapper Güter Flexible Hersteller

Lebensmittel Praxis | 25. März 2020
Produktion knapper Güter: Flexible Hersteller
Bildquelle: Paul Hartmann AG

In Zeiten der Corona-Pandemie kurbeln einige Hersteller ihre Produktion an. Oder sie stellen sie komplett um – und produzieren knappe Güter.

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Normalerweise ändern Lebensmittelhersteller ihre Produktion höchst ungern. Die heiligen Hallen hüten Geheimnisse. Veränderung bedeutet eigentlich Gefahr oder zumindest Risiko – normalerweise. Aber es ist nichts mehr normal.

Während für vieles der Absatz wegbricht, können die Hersteller mancher Lebensmittel und Drogeriewaren gar nicht schnell genug produzieren, so enorm ist die Nachfrage. Gleichzeitig sind viele Arbeitskräfte nicht verfügbar oder arrangieren sich mit dem Arbeiten im Home-Office.

Allmählich wirkt sich die Corona-Pandemie in Deutschland auf die Produktion aus – noch nur wenig, bald schon dramatisch mehr. Nachdem die Logistik-Branche an ihren Grenzen angelangt ist und quasi auf der letzten Rille fährt, drohen unter anderem schon deshalb Engpässe.

Der Nestlé-Konzern hat schon reagiert und produziert verstärkt Produkte, die aktuell besonders nachgefragt werden, so beispielsweise Fertiggerichte, Tiefkühlgerichte, Flaschenwasser oder Babynahrung. „Aktuell produzieren wir an allen Werksstandorten“, sagt Alexander Antonoff aus der Konzern-Kommunikation. „Alle Mitarbeiter arbeiten mit Hochdruck daran, die Versorgung mit Lebensmitteln in Deutschland sicherzustellen.“

Tobias Metten, geschäftsführender Gesellschafter von Metten Fleischwaren, registriert in den letzten vier Wochen einen sehr starken Anstieg der Nachfrage aus dem Handel. Zunächst nur bei der Bockwurst in der Konservendose („Dicke Sauerländer“), dann aber auch im Frische-Bereich, sowohl für geschnittene Produkte als auch für Bedientheken-Artikel. Metten hat schon seit Wochen auf den „Weihnachtsmodus“ umgestellt. Die Kapazitätsgrenzen sind erreicht. Mit weniger Leuten mehr Ausstoß zu schaffen, geht nur durch Mehrarbeit beim bestehenden Personal, Sonderschichten und Wochenendarbeit sowie durch zusätzliche Aushilfen, etwa aus dem Bereich der Gastronomie, berichtet Tobias Metten. Und weiter: „In der Produktion haben wir die Hygieneregeln und Vorsichtsmaßnahmen Ende Februar nochmals erhöht. Generell gilt, dass jeder Abstand halten muss. Jeglicher Austausch zwischen Produktion und Verwaltung sowie zwischen den Abteilungen untereinander wurde auf das Mindestmaß beschränkt. Im Büro arbeiten wir aktuell aus Sicherheitsgründen mit einer Homeoffice-Quote von mindestens 50 Prozent. In der Beschaffung haben wir unsere Bestände von Hilfs- und Betriebsstoffen teilweise deutlich erhöht, um auch in den nächsten Tagen und Wochen über die Vielzahl der Artikel lieferfähig zu bleiben.“

Desinfektionsmittel: Andere wie BASF oder Beiersdorf produzieren jetzt selbst Desinfektionsmittel. Der Hanes-Brands-Inc.-Konzern, bekannt für die Fein- und Strickwarenmarke Nur Die, fertigt seit Kurzem textile Schutzmasken.

Die Hartmann-Gruppe beginnt ebenfalls nun bei ihrer Tochterfirma Kneipp das begehrte Desinfektionsmittel „Sterillium“ zu produzieren (Foto). Am Standort in Ochsenfurt/Würzburg läuft auch die Produktion von Hände-Desinfektionsgel an, erklärt Britta Fünfstück, CEO der Hartmann-Gruppe.

Henkel plant auch, an einigen Standorten Desinfektionsmittel herzustellen. Die Produkte sollen öffentlichen Einrichtungen und Berufsgruppen im Kampf gegen das Corona-Virus helfen. Außerdem spendet Henkel zwei Millionen Euro an verschiedene Hilfsfonds und Organisationen, um die Bekämpfung der Pandemie zu unterstützen. Henkel prüft zudem, für kleinere und mittelgroße Friseursalons verbesserte Zahlungsbedingungen anzubieten, um sie in dieser herausfordernden Situation zu unterstützen. Seit Ausbruch der Krise sind bei Henkel nationale, regionale und globale Krisenmanagement-Teams im Einsatz. Sie sollen die Sicherheit von Mitarbeitern, Kunden und Geschäftspartnern gewährleisten und den Betrieb aufrechterhalten, so Carsten Knobel, Vorstandsvorsitzender von Henkel.

Jägermeister stellt der Apotheke des Klinikums Braunschweig 50.000 Liter Alkohol zur Verfügung. Diageo (Johnnie Walker, Smirnoff, Guinness) liefert zwei Millionen Liter reinen Alkohol für die Herstellung von Desinfektionsmitteln, verteilt auf mehrere Länder. Beck’s produziert nun selbst Desinfektionsmittel, teilte der weltgrößte Brau-Konzern AB Inbev mit, zu dem Beck’s gehört. Zum Einsatz komme dabei auch der überschüssige Alkohol aus der Entalkoholisierung der alkoholfreien Biere , sagt Jason Warner, Europa-Chef von AB Inbev.

Mehl-Hersteller Good Mills Deutschland (Aurora, Diamant, Gloria) hat umfassende Maßnahmen zur Produktions- und Versorgungssicherheit sowie für einen etwaigen Notbetrieb getroffen. „So stellen wir die Versorgung mit Mehlprodukten auch dann sicher, sollten die aktuellen Maßnahmen und Einschränkungen weiter anhalten“, erklärt Christoph Klöpper, Geschäftsführer Good Mills Deutschland. Durch die neun Produktionsstandorte in Deutschland sowie gute Rohstoff-Reserven könne man auch in Krisenzeiten eine hohe Zuverlässigkeit in Produktion und Lieferung sicherstellen. Rund 90 Prozent des Getreides erhält das Unternehmen laufend aus deutschen Lagerbetrieben. Die Anlieferung des Getreides i kann also sowohl per LKW, Bahn oder Schiff erfolgen.

Wer zwischen den Zeilen liest, der kann die Unsicherheit spüren. Normal ist nichts mehr, und jeden Tag kann alles ganz anders werden.