Anzeige

Pläne der Politik Maßvoller Genuss – maßvolle Gesetzgebung?

Tobias Dünnebacke | 18. August 2013

Es gibt kaum Waren, die so im Fokus politischer Restriktionen stehen wie Alkohol und Tabak. Aktuelle Zahlen sprechen aber dafür, den Status Quo beizubehalten.

Anzeige

Als die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) vor Kurzem ein Studienergebnis zum Rauchverhalten von Jugendlichen bekannt gab, waren viele Kommentatoren verblüfft: Die Zahl jugendlicher Raucher hat sich in zehn Jahren mehr als halbiert, nämlich der Anteil der Raucher in der Gruppe der 12- bis 17-Jährigen von 27,5 Prozent im Jahr 2001 auf 12 Prozent im Jahr 2012. Mit anderen Worten: 71,7 Prozent der heutigen Teenager haben laut diesen Ergebnissen noch nie an einer Zigarette gezogen. Gerade die Branche, die derzeit wie kaum eine andere im Fokus politischer Restriktionen steht, bekommt so unverhofft Rückendeckung.

„Als Einzelhandelsverband setzen wir uns mit unseren Mitgliedern für einen umfassenden Jugend- und Nichtraucherschutz ein. Die gesundheitlichen Risiken des Tabakkonsums sind heute allgemein bekannt“, sagt Rainer von Bötticher, Präsident des Bundesverbands des Tabakwaren-Einzelhandels (BTWE), und spielt damit auf die aktuelle Diskussion zur Tabak-Produkt-Richtlinie an. Zur Diskussion stehen beispielsweise kombinierte Bild- und Textwarnhinweise auf mindestens 75 Prozent der Front- und Rückseite, ein Verbot des offenen Ladenverkaufs und ein Verbot sogenannter charakterisierender Aromastoffe, wie sie in Menthol-Zigaretten und Schnupftabak enthalten sind. Was von diesen Maßnahmen am Ende umgesetzt wird, bleibt abzuwarten, aber die Hersteller laufen Sturm: So hat Philip Morris (u. a. Marlboro) die Online-Aktionsplattform „Was noch?!“ ins Leben gerufen, bei der erwachsene Bürger die Möglichkeit haben, sich noch vor den abschließenden Beratungen über die neue EU-Tabakprodukt-Richtlinie im Europäischen Parlament (aktueller Stand: 9. bis 11. September) mit E-Mails Gehör bei den deutschen Europa-Abgeordneten zu verschaffen.

Was die Branche will, ist Selbstregulierung. Dazu zählt beispielsweise die Jugendschutzinitiative von British American Tobacco (BAT, u. a. Lucky Strike). Ziel der Initiative ist es, die politische Entscheidung von 2007, das Abgabealter für Tabakwaren auf 18 Jahre zu erhöhen, im Handel konsequent durchzusetzen. Durch das E-Learning-Tool werden Tipps gegeben, wie im alltäglichen Geschäft Jugendschutz effizient gewährleistet werden kann. Inwiefern solche brancheninternen Mechanismen tatsächlich zur Verringerung der Anzahl junger Raucher geführt haben, lässt sich nur schwer abschätzen. Trotzdem gilt: Die Zahlen der BZgA sprechen eigentlich nicht für eine weitere Regulierung.

In einer ähnlichen Situation wie die Tabakbranche befinden sich die Hersteller alkoholischer Getränke. Wobei auch hier mediale Wahrnehmung und Wirklichkeit auseinander zu klaffen scheinen. So stehen auf der einen Seite Berichte über Flatrate-Partys mit überzogenem Alkoholkonsum. Auf der anderen Seite zeigen die Statistiken beispielsweise für Spirituosen: Der Pro-Kopf-Verbrauch war seit den 1960er-Jahren nicht mehr so gering wie heute. Den Höhepunkt erreichte er 1980 mit 8 l pro Kopf (Ifo-Institut, siehe Grafik). Im internationalen Vergleich des Pro-Kopf-Konsums von Spirituosen belegt Deutschland laut BSI im Jahr 2011 gerade mal Platz 32. Der Verbrauch pro Kopf aller alkoholhaltigen Getränke (Bier, Wein, Sekt und Spirituosen) betrug im Jahr 2012 135,3 Liter. Tendenz: leicht fallend.

Auch der Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure (BSI) setzt lieber auf Selbstregulierung als auf weitere gesetzliche Intervention. Dazu zählen die Präventionsinitiativen „Klartext reden!“, „Don’t drink and drive“ sowie die „Schulungsinitiative Jugendschutz“. Mit einem Video, das betrunkene Personen in peinlichen Situationen zeigt, macht Diageo junge Menschen auf die negativen Auswirkungen von übermäßigem Alkoholkonsum aufmerksam. Aber die Hersteller gehen noch weiter und binden Aufklärung zum maßvollen Genuss auch in die Vermarktung ein. So nutzen derzeit 82 Prozent der BSI-Mitgliedsunternehmen freiwillig einen Verbraucherschutz-Hinweis (z. B. „Maßvoll genießen!“) – in der Werbung. „Durch den Einsatz des Hinweises und die begleitende Website massvoll-geniessen.de wird der Konsument umfassend zum Thema ‚verantwortungsbewusster Konsum von alkoholhaltigen Getränken’ informiert“, erklärt Angelika Wiesgen-Pick, Geschäftsführerin des Verbandes, der umsatzmäßig rund 90 Prozent der Spirituosenhersteller und -Importeure in Deutschland vertritt.