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Verpackung Kleinere Verpackungen – geringere Verluste?

Udo Mett | 07. Mai 2012

Politik und Praxis streiten darüber, ob kleinere Verkaufsverpackungen den Lebensmittel-Abfall-Berg reduzieren können.

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Seitdem die Studie des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) zum Volumen und zu den Ursachen von Lebensmitteabfällen veröffentlicht worden ist, spart Ministerin Ilse Aigner nicht mit Vorschlägen, Ratschlägen und Appellen, wie sich Lebensmittelverschwendung über alle Distributionsstufen hinweg vermeiden oder zumindest reduzieren lassen.

Im Fokus stehen hierbei Empfehlungen an die Privathaushalte, den Handel und an die Lebensmittelindustrie. Dazu gehört auch Aigners Forderung nach mehr kleineren Verpackungseinheiten: „Die Hersteller sollten stärker auf die Bedürfnisse der Verbraucher eingehen und kleinere Portionen anbieten. XXL-Packungen passen nicht mehr in die Zeit.“ Die CSU-Politikerin begründet dies mit der wachsenden Zahl von Single-Haushalten. „Die brauchen einfach nicht so große Mengen von Lebensmitteln. Viele Verbraucher kaufen auch deshalb die größere Packung, weil sie im Vergleich günstiger erscheint als die kleine, werfen später aber die Hälfte in den Müll“, so Aigner weiter.

Auf dieser Linie liegt auch die Verbraucherzentrale Bundesverband : „Statt auf Jumbo-Packungen und Angebote wie ‚Nimm 3, zahl 2’ zu setzen, sollten Packungsgrößen an die Bedürfnisse der Verbrauchergruppen angepasst und frische Waren einzeln und nicht nur in verpackten Einheiten abgegeben werden.“

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Dem hält der Bundesverband des Deutschen Lebensmitteleinzelhandels (BVL), entgegen, dass die kürzlich vom BMELV vorgelegte Studie (siehe Kasten) nicht erkennen lässt, dass die Verpackungsgrößen einen wesentlichen Einfluss auf die Menge weggeworfener Lebensmittel in Privathaushalten haben. BVL-Sprecher Christian Böttcher: „Schaut man sich in den Geschäften um, stellt man fest, dass der Handel bereits heute die Waren in vielen verschiedenen Verpackungsgrößen anbietet.“ Böttcher nennt beispielhaft die unterschiedlichen Becher- und Gebindegrößen bei Molkereiprodukten: „Vom 150 g- bis zum 500 g-Joghurtbecher, vom Einzelbecher bis zum 6er- oder 8er-Gebinde ist alles dabei.“ Und im Segment Obst und Gemüse, auf das laut BMELV-Studie mit 44 Prozent der Löwenanteil der vermeidbaren Verluste entfällt (siehe Grafik S. 33), werde die Ware ohnehin vielfach bereits in loser Form angeboten und lasse sich somit individuell und bedarfsgerecht portionieren. Böttchers Fazit: „Für den Lebensmittelhandel steht die Frage der Verpackungsgrößen hinsichtlich der Lebensmittelverschwendung deshalb nicht im Vordergrund.“ Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) nimmt die Kritik von Verbraucherministerin Aigner an XXL-Verpackungen grundsätzlich positiv auf. tent> BVE-Geschäftsführer Peter Feller verweist aber darauf, dass die Industrie die durchschnittliche Anzahl von unterschiedlichen Packungsgrößen pro Warengruppe in den vergangenen Jahren bereits deutlich erhöht hat und führt als Beispiel eine Getränke-Warengruppe an, in der der Verbraucher im Durchschnitt die Wahl zwischen sieben unterschiedlichen Packungsgrößen habe.

Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) stellte bereits 2008 in einer Studie fest, dass die Verbraucher von diesem Angebot auch adäquaten Gebrauch machen, d. h. kleinere Haushalte kaufen mehr kleine, große Haushalte kaufen mehr große Packungen. Feller: „Ein Trend hin zu großen Packungsgrößen lässt sich im Bereich der im klassischen Handel angebotenen Produkte nicht feststellen.“ Vielmehr könne man von einem breiten Angebot an bedarfsgerechten Verpackungsgrößen sprechen, womit Industrie und Handel einen maßgeblichen Beitrag dafür leisteten, den Umfang von Lebensmittelabfällen auf Verbraucherseite zu reduzieren. „De facto sparen die Verbraucher dadurch auch Geld“, hebt Feller hervor.

Dass die Bereitstellung kleinerer Verpackungseinheiten die Produktionskosten und damit möglicherweise auch den Endverbraucherpreis je Mengeneinheit erhöht, will Verbraucherministerin Aigner nicht bestätigen. Fest stehe, dass der Verbraucher von kleineren Verpackungseinheiten nur profitieren könne, selbst wenn er eventuelle Mehrkosten zu tragen habe. Aigner: „Familien-Portionen und XXL-Packungen locken zwar auf den ersten Blick mit günstigen Preisen, jedoch sind sie unterm Strich teuer, wenn ein Teil schließlich im Müll landet.“ Vor diesem Hintergrund, so Aigners Appell an die Konsumenten, sollte jeder selbst entscheiden, ob er sein Geld in die Tonne werfe oder planvoll mit Lebensmitteln umgehe. Der Mehrkostenaspekt spielt auch für BVL-Sprecher Böttcher nur eine Nebenrolle: „Verbraucher, die sich für kleinere Verpackungen entscheiden, tun dies in der Regel bewusst, da sie ja vor dem Hintergrund ihres eigenen Konsumverhaltens so bedarfsgerecht wie mög lich kaufen wollen.“ Dieses Kriterium bewerteten Kunden in der Regel höher als einen ggf. höheren Preis pro Mengeneinheit.

Mit Hinweis auf ihre im März vorgelegte Studie widerspricht Ministerin Aigner der Annahme, dass mit dem wachsenden Angebot kleinerer Verpackungsgrößen auch das Verpackungsmüllvolumen in den Privathaushalten zunehme: „Die Bereitstellung kleinerer Verpackungsgrößen steht nicht in direktem Zusammenhang mit einer Erhöhung des Verpackungsabfall-Volumens.“ Unabhängig davon, welche Verpackungsgröße der Verbraucher wähle, werde man Verpackungsmüll jedoch nicht vermeiden können. Insgesamt sei es schwierig, eine Umweltbilanz zu ziehen, denn durch kleinere Verpackungen würden letztlich auch Energie gespart und kostbare Ressourcen geschont. Ob am Ende mehr Verpackungsmüll entsteht, kommt laut BVL-Sprecher Böttcher wesentlich auf das Verpackungsmaterial an. Fraglich sei, „ob es sich dabei überhaupt um Müll handelt, da die Materialien ja in der Regel recycelt und damit einem gut funktionierenden Wertstoffkreislauf zugeführt werden.“ Diese Einschätzung teilt auch BVE-Geschäftsführer Feller: „Zwar ist das Verhältnis von Verpackungsmaterial und Inhalt bei den Portionspackungen weniger gut als bei den Großpackungen, jedoch wird dadurch das Aufkommen von Lebensmittelabfällen reduziert. Andererseits ist zu berücksichtigen, dass durch die zunehmende stoffliche Verwertung von Verpackungen positive ökologische Effekte erzielt werden.“

Abfall vermeiden
  • Information/Aufklärung/Beratung über Wert und Haltbarkeit (MHD, VD)/Lagerung von Lebensmitteln
  • Hilfsmittel/Services (Einkaufsplaner, Rezepte für die Resteküche)
  • Veranstaltungen : z. B. Resteküche-Kochkurse
  • Bevorzugung regionaler Lieferanten/Produkte
  • Befeuchtungsanlage für Obst & Gemüse
  • Kundenbefragungen (z. B. Bedarf für mehr kleinere Verpackungseinheiten, regionale Produkte)
  • Marketing verändern, um den Absatz von optisch nicht einwandfreien Produkten zu fördern
  • Weiterverarbeitung /Veredelung optisch nicht einwandfreier Waren bzw. Waren mit kurzem Rest-MHD
  • Verkauf von Produkten mit kurzem Rest-MHD zu reduzierten Preisen oder in einer „Happy hour“ kurz vor Ladenschluss
  • Abgabe von nicht mehr verkaufstauglichen Fleisch-/Wurstwaren an Tierhalter
Hohe Vermeidungs-Potenziale
Die Universität Stuttgart hat im Auftrag des Bundesverbraucherministeriums (BMELV) eine Studie über Volumen und Ursachen von Lebensmittelabfällen durchgeführt. In der Ende März vorgelegten Untersuchung kommen die Experten zu dem Ergebnis, dass Industrie, Handel, Großverbraucher und Privathaushalte zusammengenommen jährlich knapp 11 Mio. t Lebensmittel als Abfall entsorgen. Der größte Teil dieser Lebensmittelabfälle (61 Prozent oder 6,7 Mio. t, davon 4,34 t vermeidbare Abfälle) entsteht hiernach in Privathaushalten (siehe Grafik oben), gefolgt von Großverbrauchern wie Gaststätten oder Kantinen sowie der Industrie (jeweils rund 17 Prozent). Direkt dem Handel (Einzel- und Großhandel, inkl. Abgabe an karitative Einrichtungen) zugeordnet ist lediglich eine Abfallmenge von 550.000 t oder 5 Prozent des Gesamtvolumens, wobei 500.000 t auf den Einzelhandel entfallen. In diese Schätzung sind Zahlen des EHI Retail Institute eingeflossen, wonach das im Einzelhand el entstehende Abfallvolumen bei etwa 310.000 t/Jahr liegt.
Nach den Mengen der von den Privathaushalten entsorgten Lebensmittel wirft jeder Bundesbürger pro Jahr 82 kg Lebensmittel weg. 65 Prozent davon sind laut BMLEV-Studie völlig oder zumindest teilweise vermeidbar. Der Wert der vermeidbaren Lebensmittelabfälle wird pro Kopf auf jährlich 235 Euro geschätzt. Bei einem Vier-Personen-Haushalt summiert sich der Betrag im Schnitt pro Jahr auf rund 940 Euro. Auf Deutschland hochgerechnet ergibt sich hieraus eine Summe von bis zu 21,6 Mrd. Euro pro Jahr.