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Bio-Fachhandel Ende der Kuschel-Ära

Bettina Röttig | 09. Februar 2012
Bio-Fachhandel:  Ende der Kuschel-Ära

Bildquelle: Hoppen

Der Bio-Fachhandel hat im vergangenen Jahr ein Rekordergebnis erzielt. Die Branche setzt weiterhin auf Flächenexpansion und verschärft den Wettbewerb in den eigenen Reihen - vor allem in Bezug auf fachkundige Mitarbeiter.

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Das Jahr 2011 war erneut ein erfolgreiches für die Bio-Branche. Rund 2,1 Mrd. Euro setzte der Fachhandel 2011 mit Naturkost und Naturkosmetik um – netto. Der Bruttowert liegt bei knapp 2,3 Mrd. Euro. Damit erzielte die Branche nach Angaben des Bundesverbandes Naturkost Naturwaren (BNN) ein Nettoumsatzplus von knapp 9 Prozent gegenüber Vorjahr.

Zurückzuführen ist die Entwicklung nicht nur auf den wachsenden Appetit der Bundesbürger auf ökologisch erzeugte Lebensmittel, sondern vor allem auf die steigende Zahl der Bio-Märkte. „Es gibt gut 2.500 Naturkostfachgeschäfte bundesweit. Der Markt wächst seit Jahren im hohen einstelligen Bereich“, so Elke Röder, Geschäftsführerin des Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) Herstellung und Handel e.V. Insbesondere die Filialisten, allen voran Alnatura und Denn’s Biomarkt, beschleunigten 2011 das Expansionstempo der Branche. Vor allem in den Großstädten München, Berlin und Hamburg wird der Wettbewerb zusehends härter.

Das Bio-Handelsunternehmen Alnatura, das bisher das Ranking der Bio-Filialisten anführte, erweiterte im Geschäftsjahr 2010/11 (30. September) sein Filialnetz um 12 neue Standorte auf 65 SuperNaturMärkte in 38 Städten, verteilt auf neun Bundesländer. Rund die Hälfte des Umsatzplus von 16 Prozent (auf 464 Mio. Euro; rund 50 Prozent entfallen auf das Filialgeschäft) wurde durch die Expansion erzielt. Im aktuellen Geschäftsjahr sollen zehn weitere Filialen hinzukommen.

Die neue Nummer eins unter den Filialisten, Denn’s Biomarkt, eröffnete 2011 deutschlandweit 23 neue Bio-Supermärkte, 2010 waren es 13 Neueröffnungen. Aktuell kommt die Tochtergesellschaft des Bio-Grossisten Dennree nach eigenen Angaben auf 79 Standorte in Deutschland und elf in Österreich und will noch weiter wachsen. Das Unternehmen sucht nach neuen Immobilien in beiden Ländern. Besonderes Augenmerk liegt auf der Verdichtung des Filialnetzes im Norden und Osten Deutschlands, vor allem in Berlin und Hamburg.

„Insgesamt haben wir es im Bio-Markt mittlerweile mit einem Kampf zweier Systeme zu tun und einem deutlichen Trend hin zum aggressiven Verdrängungswettbewerb, der zu Lasten anderer Marktteilnehmer geht“, kommentiert Stephan Paulke, Vorstandschef der Bio-Supermarktkette Basic AG, das Kopf-an-Kopf-Rennen von Alnatura und Denn’s Biomarkt.

Auch Basic (24 Märkte in Deutschland, zwei in Österreich) zeigt sich trotz des wachsenden Wettbewerbs auch vor der eigenen Haustür erneut in Expansionslaune. Gesucht wird nach neuen Standorten in Städten mit mindestens 200.000 Einwohnern, insbesondere in Hamburg, Berlin, Düsseldorf/Köln, Frankfurt, München und Wien.

Bei dem Rennen um Platz eins will Paulke jedoch nicht mitmachen. Er setzt auf Qualität vor Geschwindigkeit, will nur dann neue Märkte eröffnen, wenn er von den Standorten hundertprozentig überzeugt ist (vgl. Interview S. 20). „In den nächsten drei, vier Jahren bleiben wir im niedrigen einstelligen Bereich. Unsere Investitionen pro Markt sind in etwa doppelt so hoch wie die des Wettbewerbs – bedingt durch Fläche, Sortimentsumfang und Investition in kompetente Mitarbeiter. Daher können wir uns keine Flops leisten und setzen uns mit jedem einzelnen Standort sehr kritisch auseinander.“

Von einem Verdrängungswettbewerb im Bio-Fachhandel will Michael Radau, Vorstandsvorsitzender der SuperBioMarkt AG, Münster, noch nicht sprechen. „Sicherlich tummeln sich hier mittlerweile einige bundesweit agierende Filial- und Großhandelsunternehmen. An manchen Orten kommt es zu einer Häufung und die ist sicherlich manchmal wirtschaftlich schwer nachvollziehbar. Hier wäre Augenmaß sinnvoll und angesagt“, mahnt Radau. Auch bei den Münsteranern stehen die Zeichen auf Flächenwachstum – allerdings moderat. Aktuell betreibt das Unternehmen 16 Filialen, sechs davon am Stammsitz in Münster. „Wir werden in unserem Kerngebiet NRW auch in den nächsten Jahren wachsen und wollen vor allem an bestehenden Standorten verdichten. Da wir dies nur mit gutem, fachkundigem Personal erfolgreich machen können, sehe ich nicht mehr als drei bis fünf Märkte pro Jahr. Aber wenn es nur zwei sind, ist das auch in Ordnung.“

Doch das Thema kompetentes Personal ist genau der Knackpunkt. Allein Alnatura erhöhte seine Mitarbeiterzahl im vergangenen Geschäftsjahr um rund 300 auf 1.660 (darunter 140 Lehrlinge), im aktuellen Geschäftsjahr sollen noch einmal rund 290 hinzukommen.

SuperBioMarkt AG und Basic AG legen ihren Fokus auf Frischetheken, bieten Käse, Wurst, Fleisch, Backwaren, sowie z. T. auch Fisch in Bedienung an. Entsprechend hoch ist der Bedarf an gut ausgebildetem Fachpersonal – und das fällt nicht vom Himmel. Gerade in Ballungsgebieten sei ein Mangel an Fachpersonal zu erkennen, sagt Elke Röder. Der verschärfte Wettbewerb wird so zusehends zu einem Kampf um kompetente Mitarbeiter. Wie sich dieser bemerkbar macht, erläutert Paulke. Man habe die Erfahrung machen müssen, dass der Wettbewerb seine Expansionspläne gerne mit Hilfe der gut ausgebildeten Mitarbeiter von Basic verwirklichen wolle. „Employer branding wird auch bei Bio-Supermärkten ein ganz wichtiger Faktor“, betont Radau. „Die Kunden sind immer qualitätsbewusster geworden und wünschen sich dieses Niveau auch beim Personal. Ich bin sehr froh, dass der SuperBioMarkt hier gut aufgestellt ist und aktiv an das Thema geht.“

Veranstaltungstipps BioFach
  • „So stark ist der Naturkostfachhandel in Deutschland“: Vortragsveranstaltung zu Volumen, Potenzial und Struktur des Bio-Fachhandels auf Basis eines BÖLN-Projektes zur Erhebung der Markt- und Umsatzstruktur; Termin: Mittwoch, 15. Februar 2012, 16.00 bis 17.30 Uhr, CCN Ost (Raum Schanghai)
  • „Gutes Personal braucht fundiertes Wissen“: Unter der Moderation von Elke Röder (BNN) sprechen Branchen-Experten wie Michael Radau (SuperBioMarkt AG), Reiner Plum (Neuform), Frank Stieldorf (Voelkel) u.a. über Personal- und Ausbildungsfragen sowie die Zusatzqualifikation „Berater/in Naturkost und Reformwaren“; Termin: Donnerstag, 16. Februar 2012, 11.00 bis 12.30 Uhr, Halle 9 (Fachhandelsforum)