„Wir stehen am Anfang einer neuen Phase des Einkaufens“, sagt Paul Anderie, Managing Partner bei KPS. Er meint damit eine Ära, in der Künstliche Intelligenz den Alltag so durchdringt, dass sie zum selbstverständlichen Einkaufsbegleiter wird. Ein KI-Assistent könne bald aus wenigen Sätzen erkennen, was Konsumenten wollen – etwa wenn jemand schreibt: „Ich plane eine Gartenparty mit 20 Gästen, drei davon sind Veganer, das Essen soll bio und günstig sein.“ Die KI erstellt daraufhin Einkaufslisten, sucht nach passenden Rezepten und berücksichtigt Sonderangebote in der Umgebung. „Das reduziert Komplexität im Alltag und spart Zeit“, erklärt Anderie.
Doch die Anwendungen gehen weit über den privaten Alltag hinaus. Bei Globus, einem langjährigen KPS-Kunden, testet das Unternehmen KI-basierte Agenten, die in der internen IT Fragen automatisiert beantworten. „Das System lernt aus bereits beantworteten Supportanfragen und kann so auch neue, ähnlich formulierte Fragen zuverlässig lösen“, sagt Anderie. Der Nutzen: schnellere Antworten, entlastete Mitarbeiter, zufriedenere Teams.
Technisch setzt KPS dabei auf das Sprachmodell Gemini von Google Cloud. Datenschutz spiele bei solchen Projekten eine zentrale Rolle, betont Anderie: „Unternehmensdaten dürfen nicht für das Training anderer Systeme verwendet werden. Mit Enterprise-Modellen lässt sich das sauber trennen.“ Europäische Anbieter wie Aleph Alpha aus Deutschland oder Mistral aus Frankreich arbeiteten ebenfalls an datenschutzkonformen Lösungen.
Was das für Konsumenten bedeutet, zeigt sich in der Vision des sogenannten „Agentic Commerce“ – also einem Einkauf, bei dem KI-Agenten selbstständig Produkte vorschlagen, bestellen und bezahlen. „Wir werden in den nächsten Monaten einen extremen Wandel im Einkaufserlebnis sehen“, prognostiziert Anderie. Sprachmodelle wie ChatGPT oder Gemini können bereits heute Flüge oder Hotels buchen. „In naher Zukunft wird das auch für den Lebensmitteleinkauf gelten“, so Anderie.
Er rät Händlern, sich frühzeitig vorzubereiten. Wer eine App betreibt, müsse verstehen, dass Google mit seinem „AI Mode“ die Kundenschnittstelle verschiebt. „Wenn Konsumenten über KI suchen, statt Websites zu besuchen, braucht jeder Händler eine Antwortstrategie“, sagt Anderie. Denkbar sei etwa, eigene KI-Modelle zu entwickeln, die mit Kundendaten wie Einkaufsgewohnheiten oder Bonusprogrammen verknüpft sind. „So bleibt der Händler relevant und nah am Kunden.“
In den USA ist das bereits Realität. Dort ermöglicht ein Supermarkt über ein eigenes KI-System, Zutaten für eine Pizza individuell zu bestellen – von glutenfrei bis zuckerarm. Albertsons Companies, Inc. - Powering the Future of Grocery: Albertsons Companies' Digital Inno…
In Deutschland, schätzt Anderie, werde das innerhalb der nächsten zwei Jahre ebenfalls möglich sein.
Ein zentrales Hindernis bleibt der Zahlungsprozess. Noch gibt es keine einheitlichen Standards für KI-gestützte Zahlungen. „Keiner will seine Kreditkartendaten in ein Chatfenster tippen“, sagt Anderie. Google arbeite jedoch an einem sogenannten Payment-Protokoll, das sichere Authentifizierung ermögliche – ähnlich wie beim Online-Shopping mit Zwei-Faktor-Verfahren.
Für Händler sieht Anderie darin eine doppelte Chance: Wer frühzeitig diese Standards integriert, bleibt sichtbar – auch im neuen KI-Suchumfeld. „In der Google-Suche werden künftig weniger Klicks nötig sein. Händler müssen entscheiden, ob sie ihre Inhalte für KI öffnen oder blockieren.“ Die Balance zwischen Sichtbarkeit und Datenschutz werde zur strategischen Frage.
Eines ist für Anderie klar: Die Geschwindigkeit der Veränderung nimmt zu. „Die nächsten 24 Monate werden entscheiden, wer im digitalen Handel die Nase vorn hat“, sagt er. Und vielleicht auch, wie selbstverständlich wir in Zukunft sagen: „Hey, bestell doch bitte Butter.“
