Finanz-Startup Landbanking Group Wenn Biodiversität den Kreditzins senkt

Hintergrund

Unternehmen, die der Umwelt helfen, sollen das zu Geld machen können – glaubt das Finanz-Startup Landbanking Group. Das Unternehmenverhilft etwa zu besseren Kreditkonditionen.

Dienstag, 16. September 2025, 07:40 Uhr
Hedda Thielking
Die Landbanking Group verspricht, jedem Hektar auf der Erde ein Naturkapitalkonto zuweisen zu können. Bildquelle: Getty Images

Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft und Ernährung ist längst kein Nischenthema mehr. Viele Unternehmen haben bereits Projekte gestartet, um Böden fruchtbarer zu machen, Wasser besser zu speichern oder die Artenvielfalt zu fördern. Doch immer wieder stellte sich die Frage: Lohnt sich das wirtschaftlich? Denn oft bedeutet Nachhaltigkeit zunächst höhere Kosten, was sich auf die Preise auswirkt. Aber höhere Rohstoffpreise wirken wie ein Wettbewerbsnachteil – zumindest auf den ersten Blick. Viele Finanzchefs argumentieren daher, dass sich solche Maßnahmen nicht rechnen. Dabei kann Nachhaltigkeit Anbaurisiken durchaus reduzieren. Die Kunst besteht also darin, diesen Wert sichtbar und messbar zu machen – und ihn so in der Unternehmenswelt anerkennen zu lassen.

Genau hier setzt das Konzept von The Landbanking Group an. „Statt Nachhaltigkeit nur als Imagethema zu sehen, verstehen wir sie als Naturkapital. Damit sind die Leistungen gemeint, die Böden, Pflanzen und Wasser für Unternehmen erbringen. Das sind Fruchtbarkeit, Feuchtigkeit, Kohlenstoffspeicherung und Biodiversität. Wir möchten zeigen, dass mit Investitionen in ökologische Anbaumethoden ein Unternehmenswert entsteht, der zu besseren Kredit- und Versicherungskonditionen führt“, bringt es Tobias Bandel, Co-Founder von The Landbanking Group, auf den Punkt. „Mit dieser Idee haben wir zunächst Banken und Wirtschaftsprüfer gefragt, welche Belege und Daten sie benötigen, um Unternehmen, die in Nachhaltigkeit investieren, mit besseren Kredit- oder Versicherungskonditionen zu belohnen.“

Naturkapital als Bilanzposten

Nach internationalen Rechnungslegungsstandards müssen diese Daten klar einer Fläche zuzuordnen sein. Zudem sind kontinuierliche Messungen und Dokumentationen erforderlich und die Ergebnisse müssen prüfbar und vergleichbar sein. „Dann können Investitionen in die Natur von reinen Kosten zu handfesten Vermögenswerten werden. Unternehmen können sie in ihre Bilanz aufnehmen und dadurch bessere Finanzierungen erhalten“, beschreibt Tobias Bandel den Vorteil. Die Landbanking Group hat die Naturkapitalmanagement-Plattform landler.io daraufhin erstellt. Sie bewertet vier zentrale Aspekte der Natur: Boden, Kohlenstoff, Biodiversität und Wasser.

Doch wie misst die Landbanking Group die „Natur“? „Dank zahlreicher Satelliten, die alle paar Tage Radarbilder von der Erde aufnehmen, lässt sich zum Beispiel die Bodenfeuchtigkeit auf jedem Hektar messen“, beschreibt Tobias Bandel eine Methode. Zudem lässt sich im sichtbaren und infraroten Licht erfassen, wie stark Pflanzen Fotosynthese betreiben und wie sich Kulturen entwickeln. Ergänzend können auch Kameras und Mikrofone für die Erkennung von Vogelstimmen zum Einsatz kommen. „Mit diesen Methoden können wir im Prinzip jedes Fleckchen Erde nach den genannten Kriterien analysieren, und das bis auf eine Entfernung von zehn Metern. Nach vier bis sechs Wochen liegen die Ergebnisse vor, egal ob es sich um zwei oder 2.000 Flächen handelt“, so der Mitgründer des jungen Unternehmens.

Zu den Kunden der Landbanking-Group zählen vor allem Lebensmittel- oder Agrarunternehmen wie Ritter Sport, Edeka, dm, aber auch Konzerne aus dem Energie- und Bausektor. Sie schließen mit der Landbanking Group einen Vertrag für die Dienstleistungen ab. Dann lädt jeder Produzent, Verarbeiter oder Rohstoffhändler seine Landwirte beziehungsweise Industriestandorte ein, an der Plattform landler.io teilzunehmen. Sie müssen nur ihre Feldkoordinaten hochladen, den Rest übernehmen Messsysteme. Jedes Feld bekommt ein eigenes Naturkapitalkonto – ein digitales Dashboard, das anzeigt, wie sich Boden, Kohlenstoff, Wasser und Biodiversität im Laufe der Zeit entwickeln, sowohl aktuell als auch in den letzten fünf Jahren.

Bares Geld wert

„Diese Daten sind nicht nur spannend für Nachhaltigkeitsabteilungen in den Unternehmen, sondern auch bares Geld wert“, weiß Tobias Bandel und nennt Ansätze für die Monetarisierung. „Wenn Böden selbst in Trockenzeiten Feuchtigkeit halten, sinkt das Risiko von Ernteausfällen und Lieferengpässen. Kosten, die durch Überflutungen oder Bodendegradation entstanden wären, lassen sich beziffern – und den Präventionsmaßnahmen gegenüberstellen.“ Und er fährt fort: „Die Landbanking Group selbst legt keinen festen Preis pro Einheit fest, sondern bietet die Transparenz und Infrastruktur, um aus diesen Investitionen ein finanzmarktfähiges Produkt zu machen.“ So haben bereits einige Transaktionen stattgefunden. Die Beträge liegen zwischen etwa 100 und 270 Euro pro Hektar und Jahr. Diese Zahlungen sind unabhängig vom Rohstoffpreis und stellen laut Tobias Bandel eine Investition in die Flächenresilienz dar.

Auch Banken reagieren. Ein Beispiel: Wenn ein Lebensmittelunternehmen beispielsweise eine Investition von 200 Millionen Euro plant, zahlt es für einen Kredit einen bestimmten Zinssatz. Die Bank weiß jedoch, dass die Mühle stark von einer funktionierenden Natur abhängt, was ein Kreditausfallrisiko birgt. Kann das Unternehmen jedoch nachweisen, dass es eine Risikoanalyse durchgeführt und eine Strategie entwickelt hat, wie es das Risiko reduzieren kann, kann dies das Kreditausfallrisiko der Bank senken und die Bank kann einen günstigeren Kreditzins gewähren. „Wenn wir es schaffen, diese Investitionen so zu dokumentieren, dass sie nicht mehr als Kosten, sondern als Vermögenswerte in der Bilanz erscheinen, können Unternehmen bessere Kreditkonditionen erzielen und einen echten Unternehmenswert schaffen“, sagt Tobias Bandel.

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