Einige Nachhaltigkeitsregulierungen werden aktuell in Teilen zurückgefahren. Werden Finanzinstitute und Investoren die neuen Treiber der nachhaltigen Transformation?
Die Politik hat lange versucht, das Thema Nachhaltigkeit in die Köpfe der Menschen zu bringen. Viele finden nachhaltige Produkte toll, aber wenn sie mehr kosten, kauft sie kaum jemand. Wenn es an die eigene Freiheit oder den Geldbeutel geht, wird Nachhaltigkeit oft hintenangestellt. Irgendein schlauer Mensch hat erkannt, dass, wenn man politisch nicht weiterkommt, es über den Kapitalmarkt versuchen muss. Seit 2022 müssen Banken bei der Geldanlage fragen, ob das Geld nachhaltig angelegt werden soll. Anfangs wollten das circa 80 Prozent der Menschen, aber als klar wurde, dass es etwas Rendite kostet, blieben nur rund 20 Prozent dabei. Letztlich haben nur die, die wirklich überzeugt waren, nachhaltig investiert. Die anderen nicht, weil es Geld kostet. Man stellte fest, dass das auch nicht den gewünschten Effekt hatte und Unternehmen nicht wirklich zu nachhaltigem Handeln zwingt. Nunmehr hat man sich entschieden, auf der Kreditvergabeseite das Thema Nachhaltigkeit zu platzieren. Damit wird nun deutlich mehr Wirkung erzielt und Finanzinstitute werden tatsächlich zum Treiber der nachhaltigen Transformation.
Bei Nachhaltigkeitsinvestitionen geht es in der Lehre um Risikominimierung und zukunftssicheres Wirtschaften. Warum fällt die Rendite dann geringer aus, für Nachhaltig wird also wieder ein Aufpreis gezahlt?
Nehmen wir an, ein Unternehmen führt Mülltrennung ein oder investiert in neue Technologien, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren, oder baut eine neue Produktionsstraße. Diese Maßnahmen bedeuten anfangs höhere Kosten, sei es durch Abschreibungen oder direkte Ausgaben. Die Erkenntnis, dass sich Nachhaltigkeit langfristig auszahlt, war vor vier, fünf Jahren noch nicht weit verbreitet. Mittlerweile ändert sich das, da nachhaltige Investitionen zunehmend anerkannt werden und durch CO2-Bepreisung die Nebenkosten sinken, was die Rendite verbessert.
Wie stark beeinflussen ESG-Kriterien und neue Nachhaltigkeitsziele den Alltag einer Bank?
Ich würde das in zwei Bereiche unterteilen. Erstens: Was bedeutet das für uns als Institut? Die Aufsicht erwartet inzwischen, dass wir Nachhaltigkeit in unsere Strategie integrieren und konkrete Ziele definieren. Wir müssen also unseren eigenen CO₂-Ausstoß senken, uns mit Wasserverbrauch und Abfallmanagement beschäftigen – Tierwohl ist für eine Bank weniger relevant, soziale Aspekte dagegen schon. Unser CO₂-Verbrauch ist nicht riesig, wir sind ja kein Produktionsunternehmen, aber unsere Mitarbeitenden kommen teils mit dem Auto, das zählt auch. Der zweite Bereich ist unser Kreditportfolio. Wenn wir ein Stahlwerk finanzieren, das CO₂-neutralen Stahl herstellt, schlägt sich das auf unseren Fußabdruck nieder. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht schaut also: Was tun wir intern – und wie gehen wir mit unseren Kunden um? Diese beiden Perspektiven müssen wir sauber managen.
Seit wann ist das Pflicht?
Ende 2020 erschien ein 40-seitiges Merkblatt der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht BaFin- zum Thema Nachhaltigkeit, das klarstellte, was von uns erwartet wird. Es ging darum, sowohl unseren eigenen CO₂-Ausstoß als auch die Risiken bei unseren Kunden zu bewerten, wie zum Beispiel Immobilien in Überschwemmungsgebieten. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht BaFin hat inzwischen Prüfungen durchgeführt und festgestellt, dass die Vorgaben aus dem Merkblatt nicht ausreichend umgesetzt wurden. Da es sich jedoch nur um ein Merkblatt handelte, konnten bisher keine Sanktionen verhängt werden. Deshalb wurden die Vorgaben in die siebte MaRisk-Novelle (MaRisk =Mindestanforderungen an das Risikomanagement für Kreditinstitute) aufgenommen, die nun verbindlichen Charakter hat. Die Aufsicht führt sog bankaufsichtliche Prüfungen nach § 44 KWG durch, bei denen Banken jederzeit auf ihre Einhaltung der Vorschriften überprüft werden können. Wenn Banken die Anforderungen nicht erfüllen, drohen Konsequenzen. Dabei reicht es nicht zu sagen, dass wir als Sparkassen nachhaltiger werden wollen. Wir müssen das operationalisieren und konkrete Ziele sowie Kennzahlen benennen.
Was folgte bisher aus ersten Prüfungen?
Spezielle Teams schauen sich an, ob wir die Nachhaltigkeitsvorgaben umsetzen. Selbst Institute, die viel getan haben, bekommen noch eine Menge Mängel angekreidet. Wer da schlecht wegkommt, muss mehr Eigenkapital für sein Kreditportfolio hinterlegen – und unser geschäftlicher Spielraum schrumpft. Das ist ein ziemlich scharfes Schwert. Im schlimmsten Fall, auch wenn das selten vorkommt, könnte einem Vorstand die Qualifikation als Geschäftsleiter aberkannt werden.
Was bedeutet das auf Kundenseite?
Früher haben wir nur Bilanz, Cash-flow und Geschäftsmodell geprüft. Heute stellen wir jedem Firmenkunden zehn ESG-Fragen, und es werden mehr. Stark gewichtet ist der CO₂-Ausstoß, dann Wassereinsatz, gefährlicher Abfall pro Bruttowertschöpfung, Kreislaufwirtschaft, Klimarisiken wie Hochwasser oder Sturm. Dazu soziale Punkte: Anteil Leiharbeit, Gender Pay Gap, Menschenrechte in der Lieferkette. Außerdem Governance: Gibt es ordentliche Strukturen oder laufen Strafverfahren? Aus den Antworten entsteht ein ESG-Rating. Dabei betrachten wir auch die Branche, die ebenfalls einen Nachhaltigkeitsscore hat.
Wie gehen Sie vor, wenn ein Kunde keine Daten liefern kann?
Dann bleibt nur das Branchenrating - und das ist oft mau. Das Branchenrating stuft die Branche von A – E ein, wobei A besonders nachhaltig ist. Beispiel Landwirtschaft: Bis vor Kurzem Kategorie D, - also nicht so nachhaltig, gleich neben der Energieerzeugung. Wir haben uns dafür eingesetzt, die Branche auf C hochzustufen, weil sie essenziell für unsere Ernährung ist. Massentierhaltung bleibt allerdings schlecht. Wir individualisieren: Kann der Landwirt belegen, dass er besser ist als der Durchschnitt, steigt sein Score. Ohne Nachweise bleibt es bei C oder D.
Werden die Branchen bei allen Instituten gleich bewertet?
Nein, die KPIs sind individuell.
Hat der Score schon Einfluss auf die Kreditkonditionen?
Noch nicht flächendeckend, aber das kommt. Es gibt bei Banken schon Kreditvereinbarungen („Covenants“), die Anreize setzen. Zum Beispiel: Wenn ein Kunde seinen CO₂-Ausstoß bis zu einem bestimmten Jahr um 10 Prozent reduziert, erhält er einen Zinsbonus. Das bedeutet, dass der Kunde bei Erreichen des Ziels nicht z.B. 5 Prozent Zinsen zahlt, sondern nur 4,9 oder 4,95 Prozent. Das summiert sich bei großen Unternehmen. Die grundsätzliche Idee wäre, dass ein schlechtes Nachhaltigkeitsrating das Kreditrisiko erhöht. Dann muss die Ausfallwahrscheinlichkeit für diesen Kredit ermittelt werden. Wenn wir annehmen, dass ein Unternehmen, das sich nicht nachhaltig aufstellt, ein höheres Ausfallrisiko hat, dann würde sich die Ausfallwahrscheinlichkeit entsprechend erhöhen. Erste Stufe: Schlechter Score, der Kredit wird teurer. Zweite Stufe: Manche Vorhaben oder Projekte werden nicht mehr finanziert. Dritte Stufe: die Bank trennt sich von Kunden, die den Transitionspfad verweigern. Ich glaube, wir reden über maximal fünf Jahre, bis das sichtbar und spürbar wird.
Wie wirkt sich das bei Investitionen in der Ernährungswirtschaft aus?
Stellen Sie sich zwei Schweinehalter vor. Der eine baut einen emissionsarmen Stall, der andere Standard. Wenn unser Limit für „braune“ Landwirtschaft erreicht ist, finanzieren wir den nachhaltigen Stall, nicht den anderen. Am Ende wird Nachhaltigkeit zur Zugangsvoraussetzung.
Wie sind Sie für Ihre Sparkasse das Thema angegangen und wie unterstützen Sie Ihre Kunden?
Auf der Suche nach einer Beratung sind wir auf die Fjol GmbH aus Münster gestoßen, die uns mit ihrem IT-Tool unterstützt hat. So haben wir große Fortschritte gemacht und uns als erstes Kreditinstitut in Deutschland nach dem ZNU-Standard zertifizieren lassen. Wir haben für Kunden die Software von Fjol angepasst und weiterentwickelt. Das Tool heißt nun „Nawisio“ und wird deutschlandweit von Sparkassen genutzt und Kunden zur Verfügung gestellt. Unternehmen hilft das zu sehen: Wo stehe ich, wo will ich hin? Die großen Konzerne haben eigene Teams dafür, die die Software zur Strukturierung nutzen, kleinere Unternehmen brauchen auch die vielen Anleitungen in der Software zur Unterstützung.
Wer trägt die Beratungskosten?
Am Ende ist der Weg zu mehr Nachhaltigkeit nicht nur für die Bank wichtig. Es sichert Wettbewerbsfähigkeit. Die Kosten tragen die Kunden. Software-Lizenz und externe Beratung zahlen sie selbst, das Onboarding von Nawisio ist gratis. Uns geht es darum, belastbare Daten zu bekommen. Ist ein Unternehmen zusätzlich ZNU-zertifiziert, wissen wir: TÜV oder Dekra haben geprüft, das schafft Vertrauen.
Stichwort Green Asset Ratio – was heißt das für Banken?
Seit 2024 veröffentlichen wir im Rahmen der jährlichen CSR-Berichterstattung die Anteilshöhe der grünen Kredite am Gesamtportfolio. Das kann dazu beitragen, dass Banken transparenter miteinander verglichen werden können. Allerdings gibt es derzeit keine festen Vorgaben, welche Quote eine Bank erreichen muss. Heute ist es also eine reine Meldung, morgen kann es perspektivisch eine Untergrenze geben. Dann müssen Banken aktiv handeln, wie die Quote verbessert werden kann.
Welche Ziele haben Sie sich gesteckt?
Wir haben eine Limitierung für die sogenannten schlechten Branchen vorgenommen. In den Branchen D und E des S-ESG-Scores wollen wir maximal einen bestimmten Prozentsatz an unserem Gesamtkreditportfolio haben. Wir haben klare Ausschlusskriterien festgelegt. Die Tabakindustrie finanzieren wir gar nicht mehr. Bis vor kurzem haben wir auch die Rüstungsindustrie ausgeschlossen, aber das hat sich geändert. Streubomben und andere unethische Waffen sind weiterhin ausgeschlossen.
Welche Effekte sehen Sie bereits in der Ernährungswirtschaft?
Die großen Lebensmitteleinzelhändler haben ihre Lieferanten früh gezwungen, nachhaltig zu handeln und dieses auch zu dokumentieren. Ansonsten gibt es keine Listung. Das hat in keiner anderen Branche diese Wucht. Beim Konsumenten ist es auch hier anders: 80 Prozent sagen „grün“. Wenn klar wird, dass es Geld kostet, bleiben vielleicht 20 Prozent der Kunden bei nachhaltigen Produkten. Deshalb kommt jetzt der Kapitalmarkt bei der Nachhaltigkeit ins Spiel– Geld wirkt schneller als Appelle.
Ihr Fazit für Lebensmittelhandel und Ernährungswirtschaft?
Nachhaltigkeit ist kein Sprint, aber auch kein ferner Traum. Banken, Aufsicht und Handel drehen denselben Hebel. Wer heute valide Daten und klare CO₂-Ziele vorweisen kann, bekommt Geld, Mitarbeitende und Regalplatz. Wer abwartet, zahlt mehr – oder bleibt außen vor.
