Kampf um die Discount-Vorherrschaft Die Gejagten – wie Aldi den Konkurrenten Lidl doch noch abhängen könnte

Hintergrund

Aldi Nord und Süd liefern sich mit Lidl einen Endkampf um die Discount-Vorherrschaft. Wie es so weit kommen konnte. Und unter welchen Bedingungen Experten für möglich halten, dass Aldi die Lage jetzt dreht.

Montag, 11. August 2025, 06:59 Uhr
Tobias Dünnebacke
Aldi und Lidl als Rennwagen dargestellt
Früher: Grau in grau – so sah die Aldi-Nord-Zentrale 1996 aus. 
Quelle: picture-alliance / dpa
Bildquelle: Rainer Stenzel, mit KI-Unterstützung

Man kommt sich entrückt vor in der Essener Zentrale von Aldi Nord: Wer hier eintritt, steht in einem mehrere Stockwerke hohen Atrium, zwischen Wänden, die teils holzvertäfelt, teils strahlend weiß, teils grün bewachsen sind. Unter den gläsernen Dächern und an den Teichen des vor rund drei Jahren eröffneten Unternehmenscampus wirkt Aldi Nord unschlagbar. Kann es also je bessere Zeiten für das System Aldi gegeben haben?

Es kann. Aldi Nord und Süd stehen in Deutschland so sehr unter Druck wie wohl noch nie: Aldi droht die Vormachtstellung im hiesigen Discount-Geschäft zu verlieren. Lidl, einst ein Winzling im Vergleich, wird in absehbarer Zeit nach Einschätzung von einigen Analysten an Aldi gemessen am Umsatz vorbeiziehen. Im Digitalgeschäft haben Aldi Nord und Süd längst den Anschluss verloren. Im ertragreichen Non-Food-Sortiment ist der Wettbewerb durch Formate wie Action oder Temu härter denn je. Und vor allem: Lidl hält sich für stark genug, um das letzte Heiligtum der Erfinder des deutschen Discounts anzugreifen: die Preisführerschaft.

Der Handelsexperte Thomas Roeb, Professor an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, urteilt hart: „Es gibt aus heutiger Sicht keine logische Begründung mehr, warum Aldi noch als führender Discounter gelten sollte.“ Allerdings: Im Frühjahr gewannen die beiden Aldis Marktforschungsdaten zufolge an Momentum – was Lidl darin bestärkt haben dürfte, mit seiner aufwendig inszenierten Preissenkungswelle auf sich aufmerksam zu machen. Manche Analysten sehen die beiden deutschen Discount-Gruppen vor diesem Hintergrund in einer Art Endkampf um die Vorherrschaft auf dem Heimatmarkt. Die Frage, wer diesen gewinnt, betrifft die ganze Branche: Setzt in Zukunft noch Aldi die Preise für Butter, Kaffee und anderes? Sind günstige Preise und voller Fokus auf das stationäre Geschäft noch das Mittel zum Erfolg? Oder setzt sich das Prinzip Vertikalisierung der Lidl-Mutter Schwarz-Gruppe durch – die zeitweise zulasten der eigenen Marge etwa Lebensmittelfabriken, IT-Unternehmen und Entsorger in den Konzern integriert? Zeit also, einen Zwischenstand zu ermitteln.

Seit einiger Zeit spricht viel für das Prinzip Schwarz – vor allem die Entwicklung von Lidl, an die sich etwa Carsten Kortum erinnert. Der Professor an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn war von 1994 bis 2012 bei Lidl angestellt, zuletzt als Geschäftsführer Einkauf für das Non-Food-Sortiment. „Anfangs lagen wir noch weit hinter Aldi zurück, sowohl umsatzmäßig als auch in der Filialanzahl. Viele kannten Lidl nicht einmal und hielten es für einen Baumarkt“, so seine Erinnerung an die frühen 1990er-Jahre. Insbesondere Aldi Süd sei für das Lidl-Management bei der Produktqualität, den Ladenkonzepten und einer effizienten Kostenstruktur die Benchmark gewesen.

Preislich konnte es Lidl mit dem Marktführer hingegen lange nicht aufnehmen. Aldi hatte weniger Artikel, das machte den Kassiervorgang effizient. „Die Kassierer lernten die Artikelnummern auswendig, was eine beeindruckende Leistung war“, sagt Kortum. Den Kostennachteil versuchte der Herausforderer mit einem breiteren Sortiment inklusive Herstellermarken auszugleichen. Offenbar mit Erfolg: Laut NIQ Tradedimensions erwirtschaftete Lidl im vergangenen Jahr in Deutschland einen Umsatz von knapp 32 Milliarden Euro bei einem Marktanteil von 10 Prozent. Die beiden Aldis kamen zusammen auf einen Bruttoumsatz von knapp 36 Milliarden Euro und einen Marktanteil, der noch immer auf dem Niveau von 2016 liegt (11,2 Prozent).

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Filialen betreiben Aldi Nord und Aldi Süd weltweit, vor allem in Europa, den USA, Australien und China.
Quelle: Aldi

Mit 77

Milliarden Euro Umsatz erwirtschafteten die Discounter 2024 in Deutschland fast ein Drittel mehr Erlöse als fünf Jahre zuvor.
Quelle: Yougov

Auf 38

Prozent bauten die Discounter ihren gemeinsamen Marktanteil in Deutschland im Jahr 2024 aus. Quelle: Yougov

13,5 

Milliarden Euro betrug der Markenwert von Aldi Süd 2024 (weltweit Rang 14 der Handelsunternehmen).
Quelle: Brand Finance

Zu viel gespart?

Wie konnte es passieren, dass die Erfinder des Discount-Formats es nicht geschafft haben, den Wettbewerber auf Abstand zu halten? Professor Roeb glaubt, dass Aldi falsch auf die Konkurrenz reagiert hat: „Statt klug zu investieren, wurde eine völlig verfehlte Sparpolitik betrieben“, sagt der Handelsexperte. Ganz ähnlich urteilt Christoph Krauss von der Unternehmensberatung Prof. Roll & Pastuch: „Aldi hat hohe Investitionen lange aufgeschoben und dann recht spät in eine Aktualisierung der Filialen sowie in die IT investiert. Hinzu kommen Rechtsstreitigkeiten seitens der Inhaber, die Fokus kosten und für lange Entscheidungszyklen sorgen“, so der Analyst. Aldi Nord und Aldi Süd kaufen zudem noch immer nicht konsequent gemeinsam ein – was Volumenvorteile kostet.

Dass die beiden Aldi-Schwestern bald mithilfe einer gemeinsamen Holding fusionieren könnten, wird in der Branche schon lange erwartet. Bisher blieb es bei unbestätigten Spekulationen. Aldi Süd gehört zu 100 Prozent der Siepmann-Stiftung, die von den Kindern des 2014 verstorbenen Aldi-Gründers Karl Albrecht, Karl Albrecht jr. und seiner Schwester Beate Heister, kontrolliert wird. Im Norden halten die Familienstämme von Theo und Berthold Albrecht das Zepter. Warum das Geschäft Anfang der 1960er-Jahre aufgeteilt wurde, darum ranken sich viele Mythen – wie so oft im verschwiegenen Aldi-Universum. Eine verbreitete Erzählung geht so, dass es zwischen den Brüdern Theo und Karl Albrecht einen Streit über den Verkauf von Zigaretten gegeben habe.

Aldi Nord ist bis heute umsatzmäßig kleiner als Aldi Süd, weil diesem Teil des Discounters der in Sachen Kaufkraft schwächere Norden und Osten Deutschlands zugeschrieben wurde. „Bei einer gemeinsamen Holding kann nicht jeder 50 Prozent bekommen. Die Familie von Aldi Süd würde das nie akzeptieren, da sie einen höheren Unternehmenswert einbringt. Das ist meiner Meinung nach der Hauptgrund, warum es keine Fusion geben wird“, ist Professor Kortum überzeugt.

Ungute Umstände behindern zuweilen das Geschäft bei Aldi. So sieht es auch ein früherer Manager aus der Zentrale von Aldi Süd. Er berichtet von vergleichsweise einfachen Entscheidungen, die nach seinen Worten fünf Freigabestufen durchlaufen mussten. Der Ex-Manager erzählt auch von schwerfälligen Prozessen in der Buchhaltung und der Personalabteilung. „Das multipliziert den Aufwand, und es gab kaum Bestrebungen, das zu ändern. Technisch war da nicht viel los“, behauptet er. Offensichtlich denkt Aldi Süd nun aber recht radikal um: Das Unternehmen gab jüngst bekannt, bis Anfang des nächsten Jahres rund 100 Arbeitsplätze in der Verwaltung in Mülheim an der Ruhr abzubauen. Betroffen sind laut dem Händler „automatisierbare Jobs im Bereich Accounting/Buchhaltung“. Angeblich sollen Tätigkeiten nach Indien und Rumänien ausgelagert werden, was das Unternehmen aber nicht bestätigt.

Künftig ohne Online-Shop

Aldi Nord und Aldi Süd geben ihren Online-Shop für Non-Food-Artikel auf. „Während die Schwarz-Gruppe auf ein Marktplatz-Modell setzt und sich damit und mit ihren IT-Dienstleistungen in Konkurrenz zu dem mächtigen Wettbewerber Amazon begibt, hält sich Aldi zurück“, ordnet Prof. Otto A. Strecker von AFC  Consulting ein. Unbestätigten Informationen zufolge soll aber Aldi Süd Pläne in der Schublade haben, um es noch einmal im Online-Geschäft zu versuchen.

 Heiligtum Preisführerschaft

Ob Effizienzmängel Aldi zögern ließen, selbst einen Preiskampf anzustoßen? Nicht ausgeschlossen – denn eigentlich war eine Preissenkungsrunde im Frühjahr absehbar. „Die Händler geben die Preisspielräume weiter, die bei ihren Lieferanten zum Beispiel aufgrund nachgebender Energiepreise entstanden waren“, sagt Professor Otto A. Strecker von dem auf die Lebensmittelwirtschaft spezialisierten Beratungsunternehmen AFC Consulting. Nicht Aldi, sondern Lidl nutzte das für einen Marketing-Coup, meldete die „größte Preissenkung der Unternehmensgeschichte“. Dabei ist das Image des Preisführers für die beiden Aldis existenziell. „Als Erfinder des Discounts in Deutschland steht und fällt die Wahrnehmung von Aldi aus Kundensicht mit den Kosten für den Wocheneinkauf“, sagt Strecker. Aldi gibt sich auf dem Feld denn auch nicht geschlagen: „Aldi beansprucht weiterhin die Preisführerschaft im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Im Gegensatz zu vielen Wettbewerbern machen wir unsere Preissenkungen auch transparent sichtbar“, erklärt ein Sprecher von Aldi Nord gegenüber der Lebensmittel Praxis.

Lidl wächst stärker

Kortum von der Dualen Hochschule Heilbronn hat die Daten mit Smhaggle, dem Anbieter einer Preisvergleichs-App, ausgewertet und sieht beide Discounter mittlerweile preislich wieder auf Augenhöhe. Bei Aldi Nord und Süd seien die Preise etwas stärker gefallen, weil die Händler weniger Markenprodukte im Sortiment haben. Im Grunde habe sich die Entwicklung wieder ausgeglichen. Die Wahrnehmung aber hat sich verändert: „Aus meiner Sicht wird Aldi beim Thema Preisführerschaft zunehmend von Lidl herausgefordert“, urteilt der Experte. Dr. Robert Kecskes, Analyst beim Marktforschungsunternehmen Yougov, spricht von einem „deutlich verschärften Konkurrenzkampf“ zwischen den beiden führenden Discountern.

Ein Kampf, der trotz allem eben noch nicht entschieden ist. In Branchenkreisen heißt es, dass insbesondere Aldi Nord im ersten Halbjahr 2025 eine gute Performance hingelegt habe. Die Rede ist von einem Umsatzwachstum über dem Schnitt aller Discounter, den Kecskes bei rund 4 Prozent verortet. Im April soll das flächenbereinigte Umsatzwachstum von Aldi Nord sogar einen zweistelligen Prozentwert erreicht haben und damit stärker ausgefallen sein als bei Aldi Süd und Lidl. Aldi selbst bestätigt dies. Auch Kecskes sieht anhand der Yougov-Zahlen, die per Haushaltspanel erhoben werden, Aldi wieder einen Gang höher schalten. „In den ersten fünf Monaten des Jahres 2025 hat sich das Bild gewandelt. Sowohl Aldi Nord als auch Süd sind erfolgreich, es gibt also kein Nullwachstum“, sagt der Yougov-Analyst. Aldi Nord hat nach Einschätzung von Kortum seine Hausaufgaben gemacht, die Sortimente überarbeitet und in Preise sowie Obst und Gemüse investiert.

Auch außerhalb Deutschlands läuft es vielerorts für die beiden Aldis: Nach Zahlen der Wirtschaftsprüfer von Deloitte ist die Aldi-Gruppe jüngst mit einem Umsatz von rund 124 Milliarden US-Dollar zwei Plätze im internationalen Ranking der weltweit größten Händler aufgestiegen – vom neunten auf den siebten Platz. Aldi Nord, lange recht unglücklich im Ausland, meldete jüngst Erfolge auf dem wichtigen Markt Frankreich. Unter anderem gesenkte Preise und ein höherer Eigenmarkenanteil hätten zu einer positiven Umsatzentwicklung beigetragen, heißt es bei Aldi Nord. Ohne konkrete Zahlen zu nennen, sieht sich der Discounter in Frankreich „auf Augenhöhe mit Leclerc und Lidl“. Noch besser läuft das Auslandsgeschäft von Aldi Süd. Der Händler ist neben Europa besonders erfolgreich in Australien, den USA und China.

Insbesondere das Geschäft in den Vereinigten Staaten überrascht viele Beobachter. Mit derzeit rund 2.500 Filialen ist der Discounter nach Berechnungen des Immobiliendienstleisters Jones Lang Lasalle gemessen an den Verkaufsstellen der am schnellsten wachsende Lebensmittelhändler in den USA und platziert sich hinter Walmart und Kroger auf Rang drei. Mit der Übernahme der Supermarktketten Harveys Supermarket und Winn-Dixie sowie der entsprechenden Umflaggung Hunderter Märkte auf Aldi Süd wird dieses rasante Wachstum aller Voraussicht nach weitergehen. Lidl kann mit weniger als 200 Filialen hauptsächlich an der US-Ostküste nicht mithalten.

Im Ausland läuft es – sogar in China

Für Erstaunen sorgt außerdem das China-Geschäft. Dort startete Aldi Süd 2017 als reiner E-Commerce-Anbieter. Heute betreiben die Deutschen bereits rund 60 Filialen rund um Shanghai. Vor Kurzem wurden erstmals zwei neue Standorte außerhalb der Metropole eröffnet, einer in Wuxi und ein weiterer in Suzhou. Für das internationale Geschäft seines ehemaligen großen Wettbewerbers hat Carsten Kortum nur lobende Worte: „Sollte man wirklich auf Länder wie Portugal oder Griechenland setzen statt auf die größten Märkte der Welt, also die USA und China?“, fragt er rhetorisch. Lidl hat seine Aktivitäten in China 2019 nach nur zwei Jahren wieder eingestellt.

Internationale Schwergewichte

Aber wie nur rettet Aldi in Deutschland die eigene Marktführerschaft? Viele Experten sind sich einig: Eine Zusammenführung von Aldi Nord und Süd sei aus Kostengründen unumgänglich. Christoph Krauss von der Unternehmensberatung Prof. Roll & Pastuch glaubt, dass Aldi das Image des Preisführers unbedingt verteidigen müsse. Robert Kecskes von Yougov ist überzeugt, dass eine gewisse Risikobereitschaft bei Innovationen wichtig sei, um langfristig Erfolg zu haben. Der Lidl-Mutterkonzern schließlich sei mittlerweile in Geschäftsfeldern aktiv, die vielleicht noch nicht profitabel seien, aber definitiv Zukunftspotenzial hätten. „IT und Cloud-Dienste sind da nur zwei Beispiele“, sagt Kecskes.

Die Schwarz-Gruppe investiert mittlerweile sogar in Containerschiffe. „Aldi würde nie auf die Idee kommen, eigene Schiffe zu kaufen“, sagt Kortum, der aber noch kein abschließendes Urteil darüber fällen will, welcher Ansatz der bessere ist: „Das wird sich in 20 Jahren zeigen.“ Für unverzichtbar hält er aber mehr Engagement von Aldi beim Thema Kundenbindung. Loyality-Programme seien zwar teuer. Aber: „In Belgien testen sie das bereits, und ich denke, sie werden erkennen, dass es sich lohnt. Langfristig wird Aldi nicht um ein Kundenbindungsprogramm herumkommen“, ist Kortum überzeugt.

Handelsprofessor Roeb rät den beiden Aldis dazu, die Gewinne aus den Vereinigten Staaten zu nutzen, um das Deutschlandgeschäft „wieder auf Vordermann“ zu bringen. Und er stellt die Marketing-Strategie der deutschen Discount-Erfinder infrage. „Was ist der Werbespruch von Aldi? Im Gegensatz zu Lidl, dessen Slogan ‚Lidl lohnt sich‘ einprägsam ist, fällt mir der von Aldi gar nicht ein“, sagt Roeb.

„Es ist mit weiteren Preisspiralen zu rechnen“ Pricing-Experte Christoph Krauss im Interview
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Bilder zum Artikel

Bild öffnen Früher: Grau in grau – so sah die Aldi-Nord-Zentrale 1996 aus. 
Quelle: picture-alliance / dpa
Bild öffnen Heute: Die Gebäude auf dem „Campus“ von Aldi Nord formen ein A.
Quelle: picture alliance / ZB/euroluftbild.de

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