Die Aldi-Filiale im Aalsterweg im niederländischen Eindhoven wirkt auf den ersten Blick unspektakulär – ein typischer Discounter in einer ruhigen Wohngegend mit gut gefülltem Parkplatz. Doch der Markt ist besonders. Hier testet Aldi Nord den kassenlosen Betrieb in einer umgebauten Filiale mit vollem Sortiment. Bereits im Eingangsbereich machen Hinweisschilder den Kunden deutlich, dass sie hier anders einkaufen als bisher üblich: „Shop & Go – schnell und einfach einkaufen“, steht in großen Lettern neben der Eingangsschiebetür. Was auf den ersten Blick schlicht klingt, ist Aldis jüngster Vorstoß in Richtung kassenlose Zukunft – und das mit strategischer Präzision und gewohnt hoher Kostendisziplin.
Die umgebaute Filiale bietet alles, was Aldi-Kunden erwarten. Rund 1.800 Artikel umfasst das Sortiment – von frischen Lebensmitteln über Drogeriewaren bis hin zu den Aktionsprodukten aus den Nonfood-Warengruppen. Der eigentliche Unterschied zu konventionellen Märkten zeigt sich erst beim Bezahlvorgang. Der Check-out-Prozess erfolgt vollständig automatisiert, überwacht von Hunderten kleinen Kameras an der Decke und Sensoren unter den Regalen, die genau registrieren, was die Kunden in ihren Einkaufswagen legen. Drei Merkmale machen den Unterschied zu sonstigen kassenlosen Stores aus: Der Kunde muss sich nicht mehr identifizieren, bevor er einkauft. Und er kann uneingeschränkt aus dem kompletten Sortiment eines Aldi-Nord-Marktes wählen. Zudem: Im Unterschied zum Self-Scanning entfallen mögliche Fehlerquellen.
Aus dem „Labor-Versuch“ Utrecht gelernt
Rückblick: Im Jahr 2022 eröffnet Aldi Nord in Utrecht einen Testmarkt auf kleiner Fläche mit stark reduziertem Sortiment. Dieser smarte Aldi erwies sich jedoch als technisch kompliziert und wenig kundenfreundlich. Die Kunden mussten zum Betreten eine spezielle App installieren, sich registrieren und eine Kreditkarte hinterlegen – das hielt sie vom Einkauf in Utrecht ab, weil das in den Niederlanden auch eher unüblich ist. Zudem gab es technische Probleme, wie etwa bei der Pfandrückgabe. „Der Test in Utrecht war laborähnlich und zeigte viele Hürden auf“, erläutert Prof. Carsten Kortum, Handelsexperte von der Dualen Hochschule in Heilbronn (DHBW). Doch statt das Projekt vollständig aufzugeben, entschied Aldi, die gewonnenen Erkenntnisse zu nutzen und das Konzept deutlich zu verbessern. In Eindhoven testet der Discounter nun unter realen Bedingungen und mit vollem Sortiment. Hier ist das Ziel nicht mehr eine vollständige Automatisierung, sondern eine intelligente Kombination bewährter Discount-Prozesse mit modernen Technologien, um Komplexität und Kosten im Rahmen zu halten.
Lebensmittel Praxis testet den kassenlosen Aldi
Die Lebensmittel Praxis sammelte vor Ort in Eindhoven eigene Testerfahrungen. Das Check-out-System erschien ausgereift und fast schon narrensicher, beim Erstbesuch gab es nur ein kleines Orientierungsproblem: Wer sich nicht exakt auf die markierten Fußabdrücke vor dem Bezahlsystem stellt, der kann den Bezahlvorgang nämlich nicht auslösen. Glücklicherweise ist der Aldi nur kassenlos, und eine Mitarbeiterin war sofort zur Stelle. Kaum war die richtige Position vor dem Terminal eingenommen, zeigte der Bildschirm schon genau die Artikel an, die im Einkaufswagen lagen. Die Bezahlung erfolgte anschließend per Kreditkarte. Smartphone und EC-Karte wären auch möglich gewesen. Erst nach erfolgreicher Buchung öffnet ein QR-Code auf dem Kassenbon die Ausgangstür – ein nahezu diebstahlsicheres Konzept.
Professor Stephan Rüschen (DHBW) bewertet als ausgewiesener Experte für Smart Stores den Markt ausgesprochen positiv. Sein Fazit: „Aldi bietet dort eine gute Customer Journey.“ Besonders überzeugt ihn, dass Kunden die Möglichkeit haben, die einzelnen Artikel nochmals zu kontrollieren, bevor der Einkauf abgerechnet wird. Während eines seiner Besuche bemerkte er zudem, dass keine Kasse von einem Mitarbeiter besetzt war. „Das scheint tatsächlich keinen der Kunden gestört zu haben“, stellt Rüschen überrascht fest. Seiner Ansicht nach deutet das auf eine hohe Akzeptanz und Funktionalität des Systems hin.
Doch was treibt Aldi strategisch an, ein solches Konzept in Eindhoven zu testen? Rüschens Kollege Kortum unterstreicht: „Aldi testet Innovationen meist zuerst in kleineren europäischen Märkten, um Risiken gering zu halten.“ Dieses Vorgehen erlaubt es Aldi, Neuerungen möglichst „unter dem Radar“ und risikominimierter auszutesten. Erst wenn sich zeige, dass eine Technologie messbare Ertragssteigerungen oder eine nachhaltige Verstärkung der Kundenbindung bringe, denke Aldi über eine breitere Einführung nach.
Über allem steht aber auch bei Aldi die Personalknappheit, die ab 2030 laut Handelsexperten in voller Stärke zum Tragen kommt. Strategische Kosteneffizienz bedeutet für Aldi zum einen, Personalkosten langfristig zu reduzieren, aber auch der zunehmend dramatisch werdenden Personalknappheit zu begegnen. Dabei kommt dem Check-out-Bereich eine besondere Bedeutung zu. Durch technologische Lösungen müssen hier Stellen freigeschaufelt werden, die künftig bei der Warenverräumung dringender benötigt werden. Der kassenlose Check-out könnte künftig eine notwendige Lösungen sein, um diese Herausforderung zu meistern. Kassenarbeitsstellen waren bei Aldi einst die wichtigsten Positionen, weil sich nur wenige Menschen Woche für Woche neue Preise im Kopf einbrennen und in hoher Schnelligkeit den manuellen Kassiervorgang ausführen konnten. Das ist längst vorbei. Kortum selbst bevorzugt für langfristige Lösungen derzeit eher sogenannte smarte Einkaufswagen mit intelligenten Anwendungen, die Produkte automatisch erkennen und die anders als kamerabasierte Systeme in der Implementierung deutlich weniger Aufwand bedeuten (siehe Kasten).
Smarte Einkaufswagen verdrängen Kassen
In intelligenten Einkaufswagen, die automatisch Produkte erkennen, sieht Prof. Carsten Kortum langfristig die kosteneffizienteste Lösung, verglichen mit aufwendigen kamerabasierten Systemen, wie sie auf kassenlosen Flächen getestet werden. Smarte Einkaufswagen testet Hofer seit dem vergangenen Jahr. Kamera und Sensoren erkennen automatisch, welche Produkte eingeladen werden, und zeigen den Warenkorb auf einem Display an. Der Wagen hat eine Waage integriert. Das Bezahlen ist direkt am Wagen möglich. Edeka testet mit Wanzl ebenfalls einen Einkaufswagen mit Display und integrierter Kamera. Das Ziel: schnelleres, bequemeres Einkaufen ohne klassische Kasse.
Aldi bleibt seiner Strategie zur Kosteneffizienz treu
Es ist nicht neu, dass Aldi intern daran arbeitet, Strukturen zu verschlanken, Gesellschaften zusammenzulegen und zentrale Kosten radikal zu reduzieren. „Für Aldi ist es entscheidend, dass neue Technologien einen wirtschaftlichen Nutzen bringen“, betont Kortum. Dabei schrecke Aldi auch nicht davor zurück, Projekte konsequent einzustellen, wenn sie nicht den erwarteten Return on Investment lieferten, wie zuletzt beim eingestellten Onlineshop deutlich geworden sei.
Der Standort Eindhoven ist ideal, um moderne Technologien unter praxisnahen Bedingungen zu testen und weiterzuentwickeln. Für Aldi ist technischer Fortschritt kein Selbstzweck; er muss konsequent dem Discount-Modell dienen. Dessen Prinzipien stehen fest: niedrige Kosten, hohe Effizienz und eine kompromisslose Ausrichtung auf wirtschaftlichen Erfolg. Für den Test heißt das: Wenn sich der kassenlose Betrieb als profitabel und kundenfreundlich erweist, könnte dies einen bedeutenden Einfluss auf die künftige Filialgestaltung haben. Allerdings: Aldi rollt auch weiterhin nur dann Neuerungen aus, wenn sie eindeutig dem Geschäftsmodell und der Effizienzstrategie dienen. Das ist sicher.
Aldi testet in Belgien Kundentreue
Aldi Nord testet den Schritt in Richtung digitale Kundenbindung: Der Discounter hat in rund 70 belgischen Filialen ein eigenes, rein digitales Loyality-Programm ausgerollt. Eigentlich ist Aldi für seine starke Kundenbindung bekannt. Dennoch überrascht der Versuch in Belgien nicht, wie Prof. Carsten Kortum betont. Der Handelsexperte vermutet, dass Aldi sehr genau prüfe, ob sich mit einer solchen App tatsächlich neue Kunden gewinnen ließen oder bestehende Kundenbindung wirtschaftlich sinnvoll verstärke.
Über die Aldi-App können die Kunden Punkte sammeln, wenn sie beim Einkauf ihren QR-Code an der Kasse scannen. Bereits bei der Registrierung erhalten Nutzer einen Willkommensbonus von 500 Punkten. Die gesammelten Punkte lassen sich gegen Gratisprodukte oder Rabatte eintauschen. Zusätzlich bietet die App digitale Kassenbons und eine smarte Einkaufsliste. Damit unterstützt Aldi sehr smart die Auswahl seiner Eigenmarken. Das Pilotprojekt zeigt: Wenn auch Aldis hohe Kundenloyalität nicht zwingend eine Loyality-App zur Stützung benötigt, reagiert der Discountprimus doch auf den Wettbewerbsdruck und den Trend zu digitalen Treueprogrammen in der Branche. Die Ziele sind gleich: die Kundenbindung stärken, und gleichzeitig geht es um wertvolle Einblicke in das Einkaufsverhalten der eigenen Kunden.
Teo macht sich selbstständig
Die autonomen Mini-Supermärkte Teo agieren jetzt unabhängig von Tegut. Die Migros, Mutterkonzern von Tegut, hat die innovativen Smart Stores in eine eigene Gesellschaft ausgelagert: die Smart Retail Solutions GmbH, die das Teo-Konzept künftig als Franchisesystem im Markt anbieten soll. Damit öffnet sich Teo nach Angaben von Smart-Retail-Solutions-Geschäftsführer Sören Gatzweiler auch für andere Händler. „Das ist ein wichtiger Schritt, der die schnelle Verbreitung unseres Konzepts vorantreiben soll“, betont er im Gespräch mit der Lebensmittel Praxis. In Fulda wurde dazu der erste Teo umgeflaggt. Der Tegut-Charme ist verflogen, der Franchise-Teo zeigt sich in einer frischen Mintfarbe offen für neue Abnehmer – auch für Quereinsteiger außerhalb des Handels. Unter dem neuen Slogan „Teo – Dein Markt für jetzt“ richtet sich das Konzept gezielt an eine urbane, digital-affine Kundschaft. Aber auch für den eher ländlichen Teo sowie für hochfrequente Bereiche wie Bahnhöfe gibt es ein neues Sortimentskonzept.
Die Teo-Märkte bieten rund um die Uhr ein Sortiment von etwa 950 Produkten auf nur 50 Quadratmetern – vollständig personalfrei. Derzeit betreibt Teo bereits 41 Standorte und plant nun auch die Expansion in neue Regionen. Um die Herausforderungen eines autonomen Einkaufserlebnisses zu meistern, setzt Teo auf Technologien wie Zutrittskontrollen, automatische Personenzählungen und Videoüberwachung. Künftig soll kamerabasierte Warenkorberkennung besonders Franchisenehmern die Sorge vor Verlusten nehmen. Handelskenner sehen die Ausgliederung als entscheidenden Schritt, um die weitere wirtschaftliche Entwicklung des autonomen Ladenkonzepts zu fördern. Teo gilt als Vorreiter und könnte eine treibende Kraft der Digitalisierung im deutschsprachigen Einzelhandel bleiben.