Gefahr Stromausfall Wie sich die Branche für den Ernstfall wappnet

Hintergrund

Auch in Deutschland ist ein Blackout möglich. Die Branche bereitet sich längst auf einen großen Stromausfall vor – fordert aber auch klare Regeln.

Mittwoch, 28. Mai 2025, 07:40 Uhr
Karin Finkenzeller
Als in Spanien Ende April der Strom ausfiel, waren manche Ladenbetreiber auf Kerzen angewiesen. Bildquelle: picture alliance

Oje, jetzt geht es uns wie in Spanien. Als am Abend des 8. Mai im sächsischen Freiberg der Strom ausfällt, erschrickt auch Götz Leeder-Kamanda. Mit seiner Frau Ramatu betreibt er seit 2021 im pittoresken mittelalterlichen Stadtzentrum den Bioladen Querbeet. Die beiden haben viele Unverpackt-Waren im Angebot: Mehl, Getreidekörner, Linsen, Nudeln, Honig, aber eben auch Milchprodukte in Kühlschränken und eine Auswahl an Käse, von Appenzeller bis Ziegengouda. „Zum Glück blieb bei uns der Strom nicht ganz weg, es flackerte nur“, erzählt der Ladeninhaber. Und nach etwa zwei Stunden war der Spuk ja vorüber. „Aber im Nachhinein haben wir uns schon gefragt, was wir gemacht hätten, wenn es länger gedauert hätte.“ Notstromaggregate gibt es bei Querbeet nicht.

Dass der Strom lokal begrenzt für ein paar Stunden wegbleibt, kommt gar nicht so selten vor. In Freiberg war es wohl ein Kurzschluss in einem Mittelspannungskabel. Am selben Abend ließ ein Marder in einem Umspannwerk vorübergehend die Lichter in rund 10.000 Wuppertaler Haushalten ausgehen. Tags darauf kappte ein Bagger ein Kabel im hessischen Seligenstadt. Einen flächendeckenden Blackout wie auf der Iberischen Halbinsel halten Experten in Deutschland für sehr unwahrscheinlich. Dennoch treibt viele in der Branche seit dem Ereignis die Frage um: Was wäre, wenn?

Lidl-Notfallplan funktioniert

Schließlich gehört die Ernährungswirtschaft zur energieintensiven und damit kritischen Infrastruktur. Während bei der Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln häufig auch Gas zum Einsatz kommt, sind im Lebensmitteleinzelhandel Kühlsysteme die größten Stromverbraucher. Im Food-Bereich beanspruchen sie laut einer Studie des EHI 51 Prozent des Bedarfs von jährlich 284 Kilowattstunden pro Quadratmeter Verkaufsfläche. „Grundsätzlich sind für gekühlte oder tiefgekühlte Produkte kurze Stromausfälle unproblematisch“, erklärt Lidl, deren spanische Filialen dem Vernehmen nach mit Netzersatzanlagen gut durch die Krise kamen. Für den Fall eines länger andauernden Stromausfalls gebe es auch in Deutschland ein Notfallkonzept, über das man jedoch keine Angaben machen möchte. Nur so viel: „In einem solchen Notfallszenario arbeiten wir eng mit dem Bund, Ländern und den Kommunen zusammen.“ Andere Händler äußern sich ähnlich ausweichend.

Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) hat für Händler keine einheitlichen Empfehlungen. Sein Geschäftsführer Philipp Hennerkes sagt: „Aufgrund der Dezentralität des Lebensmittelhandels sind nur individuelle Lösungen passend zum jeweiligen Geschäftsmodell und Wirkungsbereich sinnvoll.“ Hier würden die Händler mit eigenen Konzepten und Strukturen ansetzen. Hennerkes sieht Energiewirtschaft und Politik in der Pflicht, „eine verlässliche und sichere Stromversorgung zu gewährleisten.“

Käme es in Deutschland zu einer schweren Störung etwa durch einen großflächigen Stromausfall, übernähme die Bundesnetzagentur die Rolle des sogenannten Bundeslastverteilers. Sie würde koordiniert – in enger Abstimmung mit den Netzbetreibern – die Priorisierung und Verteilung von Strom im gesamten Bundesgebiet übernehmen. Auch für die Trinkwasserversorgung wird viel Strom benötigt: pro Kubikmeter rund 0,5 Kilowattstunden (kWh). Milchviehbetriebe benötigen pro Kuh bis zu 400 kWh jährlich beziehungsweise 5 kWh je 100 Liter Milch.

Gas statt Strom?

Als Russland die Ukraine angriff, Gas knapp zu werden drohte und ein Strom-Blackout immerhin denkbar wurde, stemmte die Molkereigenossenschaft Berchtesgadener Land den Kauf von Notstromaggregaten für zwei Millionen Euro und sicherte sich im Hamburger Hafen einen Tank, der seither eine Million Liter Heizöl fasst. Das würde für 45 Tage reichen. Aber einen kleinen Bergbauernhof belasten Investitionen für einen womöglich nie eintretenden Tag x genauso wie die Leeder-Kamandas in Freiberg.

Ein international agierendes Großunternehmen wie Dr. Oetker wiederum muss trotz der Absicht, Pizza, Kuchen und Desserts künftig ohne fossile Brennstoffe wie Gas zu produzieren, mehrgleisig fahren. Bis 2030 sollten eigentlich schon alle Pizzen klimafreundlich vorgebacken werden, 20 Jahre später will der Lebensmittelkonzern weltweit net zero agieren. Aber: „Aufgrund des unsicheren Ausblicks beispielsweise auf die Verfügbarkeit der Energieträger kann es sein, dass wir auch noch nach 2030 mit fossilen Energieträgern produzieren müssen, um unsere Produktion abzusichern“, erklärt Christian von Twickel, Mitglied der Geschäftsführung. Für Notsituationen und Beschaffungsengpässe etwa müsse das Unternehmen wegen der besonderen Verantwortung als Nahrungsmittelhersteller vorbauen. Teil der Lösung seien unter anderem Anlagen, die flexibel sowohl mit Gas als auch mit Elektrizität betrieben werden können.

Die bisher getroffenen Vorsorgemaßnahmen der Lebensmittelbranche könnten einen Blackout aber nicht vollständig kompensieren, betont auch die seit 1. Mai amtierende Geschäftsführerin der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), Kim Cheng. Als Unterzeichnerin der Nationalen Plattform Resilienz fordert die BVE von der neuen Bundesregierung nun die schnelle Verabschiedung des noch von der Ampel-Koalition eingebrachten Gesetzes zum Schutz der kritischen Infrastruktur. Allerdings in überarbeiteter Form, mit einem „klaren finanziell tragfähigen und praxisnahen Rahmen“.

Chengs Vorgängerin Stefanie Sabet, die als Generalsekretärin zum Deutschen Bauernverband wechselt, hatte stets die Wirtschaftlichkeit der Maßnahmen für die Unternehmen und eine realistische Einschätzung der Risiken gefordert. Aber wie schnell nichts mehr gehen würde, hatten sich Unternehmer und Verbraucher auch in Spanien nicht vorstellen können.

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