„Drogen“ aus dem Supermarkt Partyspass wird zum Problem

Lachgas-Missbrauch durch Minderjährige beschäftigt Medizin und Politik. Den „Stoff“ dafür gibt es auch im LEH in Form von Sahne-Kapseln.

Montag, 10. Juni 2024 - Management
Thomas Klaus
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Lachhaft ist das Thema nicht – alles andere als das. Denn Lachgas entwickelt sich europaweit und auch in Deutschland immer mehr zu einer gefährlichen Partydroge. Der Lebensmitteleinzelhandel betätigt sich dabei ungewollt als einer der „Dealer“.

Der wissenschaftliche Name Distickstoffmonoxid klingt ähnlich bedrohlich wie die von Lachgas ausgehenden Gefahren. Seitens des Bundesdrogenbeauftragten, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und der Deutschen Hirnstiftung ist unter anderem die Rede von schweren Schädigungen des Nervensystems bis hin zu dauerhaften Lähmungen. Die drohten bei einem häufig wiederholten Gebrauch. Ebenfalls realistisch seien Blutbildstörungen und Hirnschäden, so die Experten. Eine Überdosierung könne im schlimmsten Fall bereits beim ersten Mal Bewusstlosigkeit oder sogar Atemstillstand auslösen.

Dr. Rainer Thomasius sind sogar Todesfälle bekannt. Der Mediziner leitet das Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Und Professor Dr. Volker Limmroth, Chefarzt am Klinikum Köln-Merheim, berichtet von dramatisch steigenden Fallzahlen und fühlt sich an eine Seuche erinnert.

„Das Gas macht einen komplett zum Zombie“

Wer den Rausch per Lachgas sucht, kann im Internet oder in zahlreichen Kiosken und „Spätis“ schön bunte Kartuschen erwerben. Die enthalten Lachgas, das in Luftballons gepumpt und über diese inhaliert wird: Die Wirkung hält lediglich zwischen 30 Sekunden und maximal drei Minuten an; der Wunsch nach Wiederholung des Rausches und somit eine psychische Abhängigkeit ist da häufig programmiert.

Im niedersächsischen Gifhorn und im bayrischen Regensburg versorgen sogar Verkaufsautomaten neben Snacks und Süßigkeiten mit Lachgasflaschen. Eine zusätzliche Variante, um sich den „Kick“ zu verschaffen: Im Supermarkt werden Kapseln zum Aufschäumen flüssiger Sahne gekauft. Denn die stecken voller Lachgas. Zum vermeintlichen Glück fehlt dann nur noch ein Luftballon.

Besonders brisant: Eine Altersbeschränkung gibt es nicht; der Verkauf ist völlig frei und ungeregelt. Das macht Lachgas für Kinder und Jugendliche besonders leicht erreichbar. Wenn der Nachwuchs im Internet nicht bestellen kann oder will, einen anderen Wohnort als Gifhorn oder Regensburg hat oder im Kiosk abblitzen sollte, bleibt ihm immer noch der Gang in den Lebensmitteleinzelhandel. LP-Nachfragen in mehreren Landesteilen bestätigen bereits jetzt ein auffallend größeres Interesse junger Kunden an Sprühsahne-Kapseln.
Zusätzlich gepusht wird der Zugang durch populäre Influencer und Rapper, die ihre Erfahrungen mit Lachgas verherrlichen. Der bekannte Rapper „Haftbefehl“ (719.000 Follower auf TikTok und 886.000 Follower auf Instagram) zählt nicht mehr zu diesem Kreis: Nach eigenem Bekunden konsumierte er jahrelang bis zu 50 Flaschen am Tag. 2022 musste er ein Konzert unter massivem Lachgas-Einfluss abbrechen. Danach warnte der Rapper: „Das Gas macht einen komplett zum Zombie.“ Inzwischen fordert „Haftbefehl“ ein Verbot des freien Lachgas-Verkaufs.

Politik wird wahrscheinlich eingreifen

Ob die Politik in Deutschland so weit gehen wird? Auf jeden Fall stoßen Reglementierungen mittlerweile auf immer größere Zustimmung. So will Niedersachsens Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD) Lachgas per Bundesratsinitiative als eine Gefahr für die Gesundheit als achte Stoffgruppe in das „Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz“ aufnehmen lassen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach möchte zumindest den Automaten-Verkauf schnellstmöglich untersagen. Vorbilder für Eingriffe könnten die Niederlande, Dänemark und Großbritannien sein. Dort ist unter anderem der Verkauf von Lachgas an Minderjährige verboten. In Großbritannien ist sogar der Besitz von Lachgas generell verboten. Hier drohen Wiederholungstätern Haftstrafen. Ausnahmen gelten jeweils für Gastronomie und Lebensmitteleinzelhandel. Auch Andreas Philippi stellt klar: „Gleichwohl muss es natürlich weiterhin möglich sein, Lachgas für Narkosezwecke einzusetzen. Und auch die Sprühsahne will niemand verbieten.“
Sollten staatliche Eingriffe den Lachgas-
Bezug anderweitig erschweren, könnte der LEH also mehr Sahne-Kapseln verkaufen. Allerdings mit einem bedenklichen Hintergrund, wenn er dadurch „Drogenabhängige“ unterstützt.