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Umgang mit Risiken Nach der Krise ist vor der Krise

Brigitte Oltmanns | 05. August 2011

Lebensmittelskandale wie EHEC werfen in diesem Jahr wieder mal ein Schlaglicht auf das Risiko- und Krisenmanagement von Politik und Wirtschaft. Der Handel drängt jetzt zum wiederholten Mal auf eine bessere Kommunikation und mehr Mitspracherecht in der Zusammenarbeit mit den Behörden.

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Im Nachgang der EHEC-Krise: Sprossen verkaufen, das dürfte für den Handel noch eine Weile schwierig sein – wenngleich die Verzehrwarnung Ende Juli aufgehoben wurde. Auch für die zunächst und unschuldig unter Generalverdacht geratenen Tomaten und Gurken ist das Verbrauchervertrauen noch nicht wieder voll hergestellt, bilanzieren Einzelhändler beim Blick auf die Abverkäufe der vergangenen Wochen. Zwar ist die EHEC-Krise vorbei. Doch: Nach der Krise ist vor der Krise. Auch für den Lebensmitteleinzelhandel – als Schnittstelle zwischen Erzeugern und Verbrauchern – haben die immer wieder auftretenden Lebensmittelskandale häufig dramatische Konsequenzen. Hohe Umsatzausfälle gehen mit einem stark erschütterten Verbrauchervertrauen einher. Mit finanziellen Entschädigungen kann der LEH nicht rechnen, das hat Agrarministerin Ilse Aigner im Fall EHEC bereits deutlich gemacht.

Im Gefolge solcher Krisen stellt sich immer wieder die Frage: Wie lassen sich Gefahrenquellen künftig schneller erkennen und Risiken besser minimieren? Und ist der Skandal bereits eingetreten: Wie kann der Handel für sich und gemeinsam mit anderen Partnern entlang der Versorgungskette dazu beitragen, die Auswirkungen schnellstmöglich einzudämmen? Jedes Unternehmen setzt natürlich im Fall einer Krise seine eigenen Notfallpläne in Kraft, um Schaden von sich und seinen Kunden abzuwenden, erklärt Christian Böttcher, Sprecher des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels (BVL). Für die Branche koordinieren HDE und BVL das Krisenmanagement. Telefonkonferenzen unter Beteiligung der Qualitätssicherer, aber auch Kommunikationsverantwortlicher der Unternehmen und Verbände halten alle Beteiligten auf dem Laufenden.

„Sowohl bei der Dioxin- als auch bei der EHEC-Krise haben wir uns mit den Handelsunternehmen regelmäßig über die aktuelle Lage ausgetauscht, in der Hochphase sogar täglich“, berichtet der BVL-Sprecher. Eine wichtige Informationsquelle für den Handel sind dabei die Qualitätssicherungssysteme der Wirtschaft. Eigenkontrollen liefern laufend aktuelle Informationen zu den in der Prozesskette durchgeführten Beprobungen. Aber auch die Behörden sind für den Handel wichtige Ansprechpartner. Über die Internetseite des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hat jeder Zugriff auf die anonymisierten Informations- und Warnmeldungen des Europäischen Schnellwarnsystems für Lebensmittel und Futtermittel (RASFF).


Gerade die Informationspolitik der Behörden und die Zusammenarbeit mit ihnen sorgte jedoch bei den jüngsten Skandalen im Handel für Unmut. Rewe-Vorstand und HDE-Chef Josef Sanktjohanser nannte das Krisenmanagement in einer Pressemitteilung schlicht „unzureichend“ und forderte künftig mehr Mitspracherecht des Handels. Bereits in der Dioxin-Krise hätten die Händler eine bessere Verzahnung staatlicher und privater Kontrollen gefordert, heißt es aus Berlin und: „Die Informationspolitik der Behörden in Richtung Händler muss dringend verbessert werden.“ Der Handel verfüge über „ein riesiges Netz an Instrumenten“, um sicherzustellen, dass nur einwandfreie Lebensmittel auf den Markt kommen. Deshalb sei ein vernünftiges Krisenmanagement nötig – unter Einbeziehung der Einzelhandelsunternehmen. Sanktjohanser stellt sich dabei „eine Art ständiger Krisenstab aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und beteiligter Wirtschaft“ vor, der im Ernstfall so fort aktiviert werden könne.

Damit steht er nicht allein: Schon seit Jahren fordern Experten eine Instanz, die im Seuchenfall als übergeordnete Task Force schneller und gezielter agieren kann – über ein wahres Labyrinth der Zuständigkeiten unterschiedlicher Bundesländer, -ministerien, -ämter und -institute hinweg. Man glaubt es kaum, aber Presseberichten zufolge sollen Behörden wichtige Nachrichten immer noch per Postweg austauschen! Jetzt müsse „das Meldeverfahren an die modernen Kommunikationsmöglichkeiten angepasst werden“, damit die Informationen schneller verfügbar seien, forderte denn auch Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr Anfang Juli. Eine schnelle und effiziente Kommunikation zwischen allen Beteiligten muss Teil eines funktionierenden Krisenmanagements sein; das sollten Politik und Behörden spätestens jetzt begriffen haben. Wenn sich Agrarministerin Ilse Aigner allerdings öffentlich fragt, was der Handel denn an Know-how und Erkenntnissen in das Krisenmanagement einbringen könne, scheinen große Zweifel daran berechtigt.