Anzeige

Corona Getreide ist gefragt

Markus Wörmann | 27. Mai 2020
Corona: Getreide ist gefragt
Bildquelle: Getty Images

Erst Dürrejahre, jetzt Corona. Über mögliche Auswirkungen für den Getreidemarkt und was dies für die Verbraucherpreise bedeutet, sprachen wir mit Agrarexperte Jan Peters.

Anzeige

Zwei Dürrejahre in Folge, jetzt die Corona-Krise. Wie sehr sind die Rohstoffmärkte in Bewegung?
Jan Peters: Die Preise an den Weltmärkten für Getreide tendieren fortgesetzt fest, bewegen sich also weder signifikant nach oben oder unten. Dies ist so, obwohl die Weizensilos nach dem letzten USDA-Bericht (US-Landwirtschaftsministerium) weltweit gut gefüllt sind. Die Analysten schätzten zum Ende der Saison 2020/21 Endlagerbestände von 293 Millionen Tonnen, im Vorjahr waren es nur 277 Millionen Tonnen. Insbesondere die deutsche Landwirtschaft profitiert von der hohen Nachfrage am Weltmarkt.

Woher kommt die stabile Nachfrage?
Viele typische Käuferländer in Nordafrika und dem Nahen Osten bauen nach der Corona-Pandemie eigene Lagerbestände auf. Die Exporte in den Häfen der Nord- und Ostsee laufen deshalb auf einem hohen Niveau. Die Stimmung im Handel ist gut. Mit derart hohen Verschiffungen aus Deutschland hat Anfang des Jahres 2020 noch niemand gerechnet. Die Nachfrage kommt wie gesagt aus Nordafrika, aber auch Käufer aus dem Fernen Osten sind engagiert. So schauen sich gerade Einkäufer aus Japan in Europa um, um 120.000 Tonnen Futterweizen und 200.000 Tonnen Gerste für die Verschiffung im Juni 2020 zu kaufen. Die historisch niedrige Anbaufläche für Weizen in den USA und die Probleme aufgrund der großen Buschfeuer in Australien stehen einer größeren Anbaufläche beim Weizen in Russland in diesem Jahr gegenüber.

Was bedeutet das für den deutschen Markt mit Blick auf den Weizen, der weltweit an Börsen gehandelt wird?
Ich sehe auch das Exportgeschäft für die kommenden Wochen aus Sicht der Landwirte freundlich, da der deutsche Weizen preislich und qualitativ gut konkurrenzfähig ist. Deutlich nachgebende Preise für Weizen und damit für Mehl und andere Nachprodukte sehe ich derzeit nicht.

Welche Länder sind mit Blick auf den Getreideanbau von Dürre und der Corona-Krise besonders betroffen?
In Russland und der Ukraine bereitet die anhaltende Trockenheit zunehmend Sorgen. Unseren Informanten zufolge könnte die Weizenernte 2020 dadurch beeinträchtigt werden. Gleichzeitig lassen Exportbegrenzungen in Russland und der Ukraine die Preise am Weltmarkt steigen. Der Free-on-Board-Preis für Weizen an der russischen Schwarzmeerküste in Rostow am Don liegt aktuell bei 225 US-Dollar pro Tonne, das ist ein Plus von drei US-Dollar je Tonne zum vergangenen Monat. Die stagnierende Wirtschaft in beiden Ländern haben die Währungen Rubel und Griwna zudem stark abgewertet. Dies führte zu hohen Exporten. Gleichzeitig stiegen die Lebensmittelpreise in den Ländern und insbesondere die Mehl- und Brotpreise stark an.

Jetzt verschärft die Corona-Krise auch in Russland die Situation, sodass die Regierung mit der Einschränkung der Exporte die Notbremse gezogen hat.

Wie ist die Lage außerhalb des europäischen Kontinents?
Die Corona-Pandemie dürfte gerade Brasilien dazu bewegen, in dieser Saison noch mehr Weizen als sonst üblich zu importieren. Brasilien ist auch in normalen Jahren bei Weizen ein Netto-Importeur. Der Großteil der Lieferungen stammt üblicherweise aus Argentinien.

Die Pandemie hat allerdings die Nachfrage der brasilianischen Verbraucher nach Brot und anderen Mehlprodukten erhöht. Gleichzeitig veranschlagt der staatliche Ernteschätzer Conab Brasiliens Weizenbestände 2020 auf lediglich 170.000 Tonnen und damit auf den niedrigsten Stand aller Zeiten. Die Weizenimporte des Landes sollen demzufolge 2020 auf den Rekord von 7,3 Millionen Tonnen steigen.

Welche Rolle spielt der Weizenanbau generell in Deutschland?
Beim Ackerbau in Deutschland ist Weizen mit einem Anteil von 26 Prozent an der gesamten Ackerfläche von rund 16,7 Millionen Hektar die wichtigste Fruchtart. Der Ertrag wird je nach Qualität, insbesondere dem Proteingehalt, und den Marktpreisen entweder als Nahrungsmittel oder als Futtermittel verwendet.

Welche regionalen Unterschiede sind festzustellen?
Die großen Anbauflächen für Getreide befinden sich in den östlichen Bundesländern, die großen Veredelungsregionen eher im Westen, beispielsweise in Südoldenburg, im Münsterland und im Süden Deutschlands, vor allem Niederbayern. Entsprechend führen die Logistikwege für Getreide grob betrachtet hauptsächlich in Ost-West-Richtung. Bevorzugtes Verkehrsmittel für die nationalen Transporte ist das Binnenschiff, mit dem etwa zwei Drittel des Frachtaufkommens befördert werden. Der Rest verteilt sich auf Straße und Schiene.

Wie viel Weizen wird in Deutschland geerntet und was passiert damit in der Regel?
Ein Großteil der Ernte – gut 24,5  Millionen Tonnen Weizen waren es im vergangenen Jahr – verbleibt nicht hierzulande. Auch 2020 werden aus Deutschland, das neben den baltischen Staaten und den USA eine wichtige Exportnation ist, mehr als acht Millionen Tonnen Weizen ausgeführt. Wichtigste Umschlagplätze sind die Überseehäfen Rostock und Hamburg, über die rund 80 Prozent der Ausfuhren gehen. Allein beim Weizen werden pro Jahr durchschnittlich etwa 5,5 bis 6  Millionen Tonnen, der Großteil als Schütt- und Sauggut, über die deutschen Häfen exportiert. Verladen werden stets große Mengen, angefangen bei 25.000 bis rund 60.000 Tonnen Ware pro Schiff. Vielfach kommen inzwischen Panamax-Großschiffe zum Einsatz. Auch hier geht der Trend zu immer größeren Schiffen. Die Zwischenlager spielen dabei im Binnenland eine wichtige Rolle.

Was passiert mit dem Getreide für den deutschen Markt?
Das Getreide, das in Deutschland verbleibt, wird zum Großteil vom Erfassungshandel, zum Teil auch bei den größeren Landwirten selbst zwischengelagert, bevor es verkauft wird. In der Regel veräußern die Landwirte etwa ein bis zwei Drittel der Ernte, bevor diese überhaupt eingeholt wird. Außerdem sind die Erzeuger das ganze Jahr hindurch mit den Händlern im Gespräch. Schließlich kann beispielsweise Weizen, sofern er höchstens 13 bis 15 Prozent Feuchtigkeit enthält sowie vor Licht und Wärme geschützt ist, problemlos über fünf bis zehn Jahre gelagert werden.