Amazon fresh Gefahr im Verzug? - Amazon fresh: Teil 3

Für die einen ist Amazon der Angstgegner, für die anderen der neue Partner und Wachstumsgarant. Was gilt es zu fürchten und welche Chancen eröffnen sich im Online-Handel?

Montag, 17. April 2017 - Management
Bettina Röttig
Artikelbild Gefahr im Verzug? - Amazon fresh: Teil 3
Bildquelle: Amazon, Martin Kämper, Santiago Engelhardt

Inhaltsübersicht

Vor allem jedoch verärgerten fragwürdige Suchergebnisse. So ist Käse derzeit bei Prime Now gleichbedeutend mit Frischkäse, der geforderte Brie war unauffindbar. Tegut hätte zusätzlichen Umsatz gemacht, wäre der eigene Wein unter den Schlagwörtern „Wein“ (61 Vorschläge) oder „Tegut Wein“ zu finden gewesen. Zu spät wurde er über Umwegen beim Durchstöbern des gesamten Tegut-Sortiments entdeckt. Abenteuerlich auch die Bestellung von Eiern und Naturjoghurt: Hier schlug die App den ungenießbaren Leifheit Eierschneider Duo bzw. ATA Scheuermilch vor. Für einen echten Treffer und gratis Lachyoga sorgte die Suche nach Bananen: Die Liste führten Bio-Bananen aus fairem Handel an, gefolgt von Sniffys Unisex Ganzkörper-Bananenkostüm und dem Mundpflegeset für Babys mit Apfel-Bananen-Zahnpasta. Pluspunkte sammelte der Dienst in Sachen Qualität der Waren: Bis auf extrem unreife Tomaten waren alle Waren unbeschädigt und in der richtigen Temperatur geliefert worden. Als sehr kulant zeigte sich der Händler bei der Reklamation, erstattete den Betrag der Produkte zurück, während die Testerin die Ware behalten durfte. Enttäuschung hingegen beim Leergut. Kunden müssen dieses bei einem Partner-Getränkemarkt oder anderen Annahmestellen abgeben. Eine Chance für den stationären Supermarkt, wo man gleichzeitig die Lebensmittel einkaufen kann, die Amazon nicht liefern konnte.

Amazon Fresh in der Kritik
Um einiges besser hatte Amazon Fresh abgeschnitten, als die Lebensmittel Praxis den Service vor rund zwei Jahren in den USA testen ließ. Dabei überzeugte Fresh z. B. in den Punkten Auswahl, Lieferung und Produktqualität. Minuspunkte gab es für das komplizierte Registrierungsverfahren und hohe Gebühren. Rund 500.000 Produkte des täglichen Bedarfs umfasst das Angebot laut Website in den USA. Die Besonderheit: Lokale Geschäfte und Restaurants können mit Amazon kooperieren. Dass nicht alles so glatt läuft, zeigt ein Blick in Internet-Foren und Bewertungsportale. Unverhältnismäßig viel Verpackungsmaterial und die Verwendung von vielen einzelnen Einkaufstaschen für jeweils wenige Artikel kommen beim Kunden sowohl aus Nachhaltigkeitsaspekten als auch aufgrund ihrer platzraubenden Aufbewahrung nicht gut an. Behälter und Verpackungsmaterial, das von Amazon zurückgenommen werden soll, bleibt zum Teil tagelang vor der Tür liegen, ohne dass ein Fahrer es abholt. Moniert wurde in der Vergangenheit immer wieder, dass es technisch noch immer nicht möglich sei, das gewählte Lieferfenster zu ändern, ohne die Bestellung komplett stornieren und noch einmal neu vornehmen zu müssen. Immer häufiger erreichen unvollständige Lieferungen die Kunden – ohne Vorwarnung oder Nachfrage, welches Produkt möglicherweise als Alternative gewünscht wird. Das Ergebnis: Bequemlichkeits- und Zeitfaktor sind dahin, der Kunde muss doch in den nächsten Supermarkt.

Den größten Minuspunkt vergaben die User ebenso wie unsere Tester für den Kostenfaktor, weshalb Amazon immer wieder mit neuen Pricingmodellen experimentiert. Neben dem Ärgernis über die Erhöhung des Mindestbestellwertes (zwischenzeitlich von 35 auf 50 USD, aktuell auf 40 USD) und steigenden Produktpreisen, wird vor allem Kritik an der Gebühr für den Service geübt. Zu der regulären Prime-Gebühr von 99 USD kommen aktuell 14,99 USD pro Monat (zuvor 200 USD zusätzliche Jahresgebühr), in Großbritannien wird zusätzlich zu den 79 GBP für das Prime-Jahresabo eine monatliche Fresh-Gebühr von 6,99 GBP fällig. Im preisorientierten Deutschland werden die Kosten ein entscheidender Faktor für die Akzeptanz sein. Hier zahlen Prime-Mitglieder weniger als in den USA, die Gebühr wurde jedoch kürzlich von 49 Euro auf 69 Euro pro Jahr bzw. 8,99 Euro/Monat angehoben.

In einigen Punkten scheint die hiesige Konkurrenz schon weiter zu sein. So macht es Allyouneed Fresh beispielsweise seinen Kunden möglichst einfach, jederzeit und von überall aus Produkte des täglichen Bedarfs in ihren Einkaufskorb zu legen. „Dafür bieten wir von Erinnerungsfunktionen über Messenger wie WhatsApp und SimsMe bis hin zu neuen Technologien wie dem intelligenten Mülleimer, der weggeworfene Produkte scannt und nachbestellt, oder der Bestellung per Spracheingabe mit Alexa oder Google Home eine Vielzahl an Optionen“, erklärt Sprecher Thinius. AllyouneedFresh sei auch der einzige Online-Supermarkt, der die verfügbaren MHDs der angebotenen Lebensmittel beim Bestellprozess anzeigt. „Und wir sind führend mit unserem Lieferkonzept mit Mehrwegboxen bei dem so gut wie gar keine Versandverpackung für den Kunden anfällt. Er erhält nur die Tüten.“ Stellt sich die Frage, ob sich Amazon hiervon eine Scheibe abschneiden wird oder sich den ganzen Kuchen einverleiben möchte.