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Interview Harsch - dm Tarife besser strukturieren

Lebensmittel Praxis | 27. August 2010

Der Chef der Drogeriemarktkette dm, Erich Harsch, zu angemessenen Löhnen und der Überarbeitung der Tarifstrukturen durch HDE und Verdi.

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Herr Harsch, was bedeutet für Sie angemessener Lohn?
Erich Harsch: Zunächst müssen Menschen vernünftig von ihrem Lohn leben können. Das bedeutet, dass das Einkommen, das erwirtschaftet wird, für die Abdeckung der persönlichen Bedürfnisse hinreichend sein muss. Was das für den Einzelnen bedeutet, ist natürlich individuell. Das ist jedoch keine Frage eines Mindestlohns. Für die meisten wird dieser nicht ausreichen. Uns ist es wichtig, dass der Fokus auf die Strukturen und auf die Entwicklungsmöglichkeiten gerichtet wird, die in den Entgelttarifen eigentlich verankert sind.

Nachhaltigkeit wird in Ihrem Unternehmen groß geschrieben. Was bedeutet Entlohnung in Bezug auf Nachhaltigkeit?
Nachhaltigkeit wird in der Öffentlichkeit meist rein unter dem ökologischen Aspekt verstanden, obwohl es ja eigentlich um die drei Aspekte Ökologie, Ökonomie und Soziales geht. Es geht um nachhaltiges Wirtschaften und um soziale Verhältnisse, die den Menschen gerecht werden. Dazu gehört natürlich ein vernünftiges Einkommen, denn es ist mit Voraussetzung für die Zufriedenheit der Menschen. Die Entlohnung muss jedoch als Bestandteil, nicht als Hauptteil gesehen werden. Ein mindestens genauso wichtiger Bestandteil ist, dass die Menschen erleben, dass sie gestalten und sich entwickeln können.

Sie bezahlen Ihre Mitarbeiter im Verkauf nach Tarif. Wie sieht es in anderen Bereichen aus?
Wir bezahlen alle unsere Mitarbeiter mindestens nach Tarif.

Welche übertariflichen Leistungen bieten Sie Ihren Mitarbeitern in Deutschland?
Wir halten es für wichtig, unsere Mitarbeiter an besonderen Erfolgen zu beteiligen. Unsere Filialen setzen sich selbst Ziele. Auf diesen Zielen wiederum basiert unser Plan. Wenn es dann besser läuft als erwartet, wird dies pro einzelne Filiale berechnet und es folgt eine Beteiligung der Mitarbeiter. Das kann ganz unterschiedlich sein, bei der einen Filiale vielleicht 50 Euro, bei der anderen 300 und bei der dritten möglicherweise gar nichts. Die Beteiligung wird nach der Arbeitszeit berechnet, nicht nach dem Einkommen oder der Position der einzelnen Mitarbeiter. Darin erkennen Sie unsere Philosophie: Weg von der Fremdsteuerung hin zur Selbststeuerung, weg von der Fremdzielsetzung hin zur Selbstzielsetzung, vom Anschubsen zur Eigeninitiative.

dm ist auch in anderen Ländern tätig, vor allem in Osteuropa. Wie sieht die Bezahlung dort aus?
Jedes Land hat seine individuellen Rahmenbedingungen und Marktverhältnisse, die selbstverständlich dann auch für die jeweiligen Verantwortlichen in den dm-Ländern maßgeblich sind.

Wie bewerten Sie die angekündigte Überarbeitung der Tarifstrukturen von HDE und Verdi?
Es ist zumindest der Anfang in die richtige Richtung. Wenn es nur um das Basis-Entgelt geht und nicht um die Perspektive und die Entwicklungsmöglichkeiten, dann ist der Fokus zu sehr nach unten gerichtet.

Wo sehen Sie konkret Verbesserungsbedarf?
Für mich ist beispielsweise nicht ganz nachvollziehbar, warum in den alten Bundesländern das Tarifniveau zum Teil niedriger ist als in den neuen Bundesländern, obwohl die strukturelle Wirtschaftskraft eher gegenteilig ist. Aber ich würde nicht für eine einheitliche Lösung für ganz Deutschland plädieren.

Bild

Erich Harsch spricht sich gegen gesetzliche Mindestlöhne aus.