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Es ist längst kein Thema nur für Grüne, Linke und andere Weltverbesserer. Städtische Grünflächenämter haben den Einsatz des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat, das unter hunderten von Markennamen und von verschiedenen Herstellern auf dem Markt ist, verboten. Baumärkte haben Produkte aus den Regalen genommen. Verbände begrüßen die Einschränkungen beim Einsatz, und Agrarexperten vom Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen (Julius-Kühn-Institut) befassen sich bereits damit, wie der komplette Verzicht auf Glyphosat in der deutschen Landwirtschaft aussehen könnte. Wie unheimlich vielen Verbrauchern das Mittel geworden ist, zeigt eine repräsentative Umfrage von TNS Emnid im Auftrag der Bürgerbewegung Campact (siehe Grafik auf Seite 20): Fast drei Viertel der Befragten sind der Meinung, die EU sollte den Einsatz von Glyphosat verbieten. Die Forderung wird von Anhängern aller im Bundestag vertretenen Parteien gleichermaßen unterstützt.
Das macht die Nachricht, die Mitte Februar öffentlich wurde, zumindest aus Konsumenten-Sicht dramatisch: Anscheinend hat es die EU-Kommission nach der hitzig geführten Debatte der letzten Monate ziemlich eilig, für die Neuzulassung von Glyphosat zu sorgen – ein „Hauruck-Verfahren“ befürchtet der grüne EU-Abgeordnete Martin Häusling. Schon Anfang März soll der zuständige Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebens- und Futtermittel für die kommenden 15 Jahre entscheiden – bisher war nur von zehn Jahren die Rede gewesen. Und das unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Mit einer Analyse von Urinproben aus der Umweltprobenbank hatte jüngst das Umweltbundesamt (UBA) die Diskussion um das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel in Deutschland neu befeuert. Noch werden die Analyse-Ergebnisse ausgewertet, doch die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass die Glyphosat-Belastung seit dem Jahr 2001 deutlich angestiegen sei. In den Jahren 2012 und 2013 wurde in 60 Prozent der Proben Glyphosat nachgewiesen, in den Jahren 2014 und 2015 in 40 Prozent der Proben. Da derzeit über die weitere Zulassung von Glyphosat in der EU diskutiert werde, habe man über diesen Trend vorab informieren wollen, heißt es aus dem UBA: „Im Rahmen der Diskussion um die Zulassung von Glyphosat können diese Daten eine wichtige Rolle spielen, und das UBA hätte es nicht verantworten können, diesen Trend erst bekannt zu machen, wenn die Diskussion im ersten Halbjahr 2016 abgeschlossen ist.“ Endgültige Ergebnisse werden also noch etwas auf sich warten lassen – u nd womöglich zu spät kommen.
Schwere Vorwürfe
Auch andere Wissenschaftler haben die Diskussion angeheizt: Fast 100 Experten aus 25 Nationen, darunter renommierte deutsche Forscher aus der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Heidelberger Krebsforschungszentrum und der Leibniz-Gemeinschaft, wandten sich Ende November 2015 in einem Offenen Brief an EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis und erhoben schwere Vorwürfe gegen die EU-Genehmigungsbehörde EFSA und das deutsche Bundesamt für Risiko-Bewertung (BfR). Diese Institutionen hatten den Auftrag, die vorliegenden Studien zu beurteilen und damit die Grundlage für die Neuzulassung – oder das Verbot – von Glyphosat zu schaffen. Stattdessen hätten sie eine fehlerhafte Bewertung abgeliefert, so die Wissenschaftler, die verworfen werden müsse. Dringend appellieren sie an den EU-Kommissar, für eine transparente, offene und glaubwürdige Überprüfung der wissenschaftlichen Literatur zu sorgen.
Der Kritik zugrunde liegt eine Bewertung des Internationalen Krebsforschungszentrums IARC der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die hatte die Analyse des BfR ins Wanken gebracht – und in die Öffentlichkeit. Glyphosat sei als „wahrscheinlich krebserregend“ einzustufen, so die WHO-Forscher. Studien wiesen unter anderem einen Zusammenhang zu bösartigen Lymphomerkrankungen (Non-Hodkin-Lymphom) nach, zu Chromosomenschäden bei Anwohnern nach Sprüheinsätzen mit Flugzeugen, zu seltenen Krebserkrankungen. Das BfR musste sich den Vorwurf gefallen lassen, sein Urteil vor allem auf Studien der Chemie-Industrie zu stützen und unabhängige Forschungsarbeiten nicht in gleicher Weise zu berücksichtigen. Außerdem sei mit zweierlei Maß gemessen worden und bei den kritischen Studien besonders intensiv nach methodischen Fehlern gesucht worden, so die Kritiker. „Unabhängig vom Ausgang des aktuellen Zulassungsverfahrens sollten Lehren aus dem Fall Glyphosat gezogen wer den“, sagt Julia Sievers-Langer vom Forum für Internationale Agrarpolitik. Das Beispiel Glyphosat zeige auch, dass das System der Zulassung und Kontrolle von Pestiziden mit extrem hohen Kosten verbunden sei, ohne dass ein angemessener Schutz der Verbraucher vor toxischen Chemikalien gewährleistet werden könne.
Schleichend vergiftet?
300 Kühe hat ein Landwirt aus dem Vogtland nach Recherchen der Umweltjournalistin Ute Scheub verloren, 400 ein anderer in Niedersachsen, 1.000 Hochleistungskühe verendeten in einem Stall in Schleswig-Holstein. Auch die Bauern selbst und ihre Familien wurden krank. Lang hat es gedauert, bis Veterinäre die Fälle in Zusammenhang brachten und sie unter dem Stichwort „chronischer Botulismus“ untersuchten. Botulismus ist eine von Bakterien ausgelöste Vergiftung, die unter anderem zu Muskellähmungen führt. Mit den möglichen Ursachen der mysteriösen Krankheitsfälle hat sich unter anderem die Leipziger Professorin Monika Krüger intensiv befasst. Sie untersuchte erkrankte Menschen und Tiere – und stieß auf erhöhte Glyphosat-Werte im Urin der Bauern und im Futter der Tiere. Sie vermutet, dass Glyphosat zumindest ein Mitverursacher der Krankheitsfälle ist. Das Gift im Verdauungssystem habe fatale Folgen auch beim Menschen: Der Organismus würde mit dem Keime n wie den Botulismus-Bakterien im Darm nicht mehr fertig, außerdem können die erkrankten Tiere bestimmte Spurenelemente nicht mehr aufnehmen und leiden an Mangelernährung, Leber- und Nierenschäden.
Die Wissenschaftler aus Leipzig untersuchten in einer Peer-Review-Studie verschiedene Tier- und Menschengruppen auf Glyphosat. Unter anderem fanden sie heraus, dass chronisch kranke Menschen deutlich höhere Glyphosatwerte aufwiesen als gesunde. Auch hier liege die Vermutung nahe, so die Leipziger Wissenschaftler, dass durch den erhöhten Glyphosatspiegel Mangelerscheinungen entstehen, die chronische Krankheiten auslösen oder sie verstärken können.
Verbraucherschutz ist das Thema
Sich der Aufnahme von Glyphosat mit der Nahrung zu entziehen, scheint jedoch kaum möglich zu sein. Immer wieder gibt es Analysen, die Glyphosatspuren in Lebensmitteln nachweisen, selbst in Bio-Produkten. Ein Grund, warum Bio-Händler Stephan Paulke (siehe Seite 18) sich mit seiner Basic AG der Initiative „Ackergifte Nein danke!“ anschloss und in seinen 33 Märkten Glyphosat-Testsets auslegen ließ, die seine Kunden an ein Labor einschicken konnten. Automatisch nahmen sie damit an einer ersten repräsentativen Erhebung in Deutschland teil, die ermitteln soll, in welchem Maße die Bevölkerung mit Glyphosatrückständen belastet ist. „Wir werden in dem Thema ‚Schutz unserer Gesundheit vor Pestizidbelastungen‘ faktisch unmündig gehalten und das ist absolut inakzeptabel“, findet Paulke. Wenn demnächst die Ergebnisse von über 1.500 Proben vorliegen, will er weitere Schritte planen.
Eigene Produkt-Kontrollen
Auch die Rewe Group hat das Thema als kritisch erkannt. „Durch regelmäßige Kontrollen im Rahmen des Qualitätsmanagementsystems stellen wir sicher, dass unzulässigerweise mit Glyphosat belastete Produkte nicht in den Verkehr gelangen“, teilt Pressesprecher Marco Sandner auf Anfrage mit. Zudem habe sich die Rewe bereits frühzeitig und nachdrücklich für den Verzicht von Glyphosat in der Landwirtschaft zur Vorerntebehandlung (Sikkation) eingesetzt. Damit ist gemeint, dass durch das Spritzen der Reifeprozess beschleunigt wird und störende Unkräuter nicht in die Ernte gelangen. Auch genverändertes Soja als Futtermittel ist den Rewe-Nachhaltigkeitsexperten ein Dorn im Auge: „Der Anbau derartiger Kulturen kann unter Missachtung einer guten landwirtschaftlichen Praxis in sehr engen Fruchtfolgen bewerkstelligt werden. Als Konsequenz sind oftmals im Zeitlauf steigende Aufwandmengen von Glyphosat notwendig, die wiederum auch zu Resistenzen bei den zu bekämpfend en Unkräutern führen“, so Sandner. Die Rewe strebe daher grundsätzlich die GVO-freie Fütterung für alle tierischen Veredelungsprodukte ihrer Eigenmarken an. Die Produkte seien entsprechend gelabelt.
Auch andere Handelsunternehmen wie etwa Aldi Nord oder die Metro Group haben das Thema für sich erkannt, verweisen aber auf die gesetzlichen Bestimmungen und die Einhaltung der Regeln der guten landwirtschaftlichen Praxis, die vom jeweils unternehmenseigenen Qualitätsmanagement überprüft werden. Eine Herangehensweise, der sich auch Armin Rehberg, Vorstandsvorsitzender der Erzeugergenossenschaft Landgard, anschließen kann: Im Rahmen der kontrolliert-integrierten Produktion erfolge der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in hoher Verantwortung für den Verbraucherschutz. „Aufgrund unseres internen Qualitätsmanagementsystems mit internem Rückstandsmonitoring können wir einen umfassenden Verbraucherschutz gewährleisten“, ist sich Rehberg sicher. Alexandra Weber, Leiterin der Abteilung Qualität und Umwelt von Tegut, berichtet, das Unternehmen sichere gemeinsam mit den Produzenten die Einhaltung der Grenzwerte und beobachte die Diskussion sehr genau. Und bring t es auf den Punkt: „Der Einsatz jeglicher Pflanzenschutzmittel ist immer kritisch zu bewerten und muss auf ein Minimum reduziert werden. Unser Ziel ist immer eine nachhaltige Landwirtschaft, die den Schutz des Ökosystems gewährleistet.“
Glyphosat und Gen-Saat
Glyphosat ist nur einer von weit über 200 Wirkstoffen, die in Deutschland als Pestizide verwendet werden. Doch es ist einer der weltweit am häufigsten eingesetzten. Bekannt wurde das Mittel in den 1970er- Jahren unter dem Markennamen Roundup der USHerstellers Monsanto. Ein Wundermittel der modernen Landwirtschaft,das heute seine volle Wirkung vor allem in Kombination mit Glyphosatresistentem Saatgut entfaltet. 1996 drang Monsanto mit einer genetisch veränderten Sojabohne ins Biotechnologie- Zeitalter vor; in den Folgejahren entwickelten die US-Forscher auch Raps, Mais, Zuckerrüben, Baumwolle und Alfalfa, die aufgrund von Manipulationen in ihrem Erbgut den Herbizid-Regen überstehen und so die Landwirtschaft revolutionieren sollen. Vor allem aber revolutionierte Monsanto die Zulassungsmethoden in den USA: Im allgemeinen Biotech-Hype hätten Zulassungs be - schränkungen al technologie - feindlich gegolten. In der Folge gilt für genveränderte Organismen (GVO) in den USA bis heute das „Prinzip substanzieller Äquivalenz“ – also die gleichen Regeln wie für die Zulassung herkömmlich gezüchteter Pflanzen und – anders als in Europa – keine spezifischen aufsichtsrechtlichen Bestimmungen für GVO. Somit werden Produkte, die aus genveränderten Rohstoffen bestehen, auch bis heute nicht gesondert gekennzeichnet. Die Gen-Soja- Bohne „Roundup Ready“ trat ihren Siegeszug durch Amerika an. Heute sind 90 Prozent der in den USA angebauten Sojabohnen her bi zidresistent, und auch auf den großen südamerikanischen Plantagen wachsen Roundup-Ready- Sojabohnen fürden europäischen Futtermittelmarkt. Aktuell versuchen sowohl Monsanto als auch der deutsche Biotechnologie- Konzern Bayer Crop - Science, EUZulassungen für transgene, herbizidresistente Sojabohnen zu bekommen.
