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Zwei Seiten Ganz ohne Verpackung?

Susanne Klopsch | 19. September 2014
Zwei Seiten: Ganz ohne Verpackung?

Verpackungen für Lebensmittel sind maßgeblich für Abfallberge verantwortlich. Dann lieber gleich ganz auf Verpackungen verzichten? Die Meinungen gehen auseinander.

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„Größerer Gesamtnutzen für die Gesellschaft“

16 Mio. t Verpackungsmüll jährlich allein in Deutschland: Für uns war das Anlass, umzudenken. Schließlich hat jede Salatgurke schon eine natürliche Umverpackung, was soll da die zusätzliche Plastikumhüllung? Deswegen haben wir Original Unverpackt in Angriff genommen, das erste Supermarkt-Konzept, das auf Einwegverpackungen verzichtet. Seit November 2012 arbeiten wir mit unserem Team an der Realisierung des ersten Ladens in Berlin-Kreuzberg. Wir glauben, dass Einkaufen nach jetzigem Modell nicht zukunftsfähig ist. Denn ein Wandel zu unverpacktem Einkaufen ist auf Dauer umweltschonender und hat den größeren Gesamtnutzen für die Gesellschaft. Die Idee richtet sich daher nicht nur an Kunden, die großen Wert auf bewusstes Konsumieren legen, sondern an alle, die selbst bestimmen wollen, wie sie einkaufen. Unser Konzept beinhaltet gute, wertige Ware statt billiger Masse. Neben Bio-Artikeln bieten wir auch konventionelle Produkte an. Auch eine breite Auswahl an naturbelassenen Drogerie-Artikeln (zum Nachfüllen) steht in unserem Laden zum Verkauf. Wir sind kein regelmäßiger Wochenmarkt; bei uns findet man alles, was man zum Leben braucht. Viele unserer Produkte, die in Mehrwegbehältnissen oder umweltfreundlichen Papieren angeliefert werden, stammen aus der Region Berlin-Brandenburg. Original Un verpackt ist kein Global Player aus der Nahrungsmittelbranche, soll jedoch langfristig eine echte Alternative zu herkömmlichen Super- und Biomärkten sein. In unserem Store finden sich keine endlos langen Regale mit Überangebot und buntem Verpackungstamtam. Unverpacktes Einkaufen bedeutet erheblich weniger Müll und weniger Lebensmittel, die weggeschmissen werden, da sich jeder abfüllen kann, was er an Menge benötigt.

Sara Wolf, Gründerin Original Unverpackt, Berlin-Kreuzberg

contra

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„Für Kunden ein Verlustan Auswahl und Vielfalt“

Der Handel bietet allein im Lebensmittelsortiment rund 1.500 bis weit mehr als 15.000 Artikel. Dieses Angebot müsste in seiner Breite und Tiefe erheblich reduziert werden, um unverpackt angeboten werden zu können. Für die Kunden wäre es ein Verlust von Auswahl und Vielfalt, den sie nicht akzeptieren werden. Das Lebensmittelsortiment zeichnet sich heute durch einen hohen Convenience-Grad und eine große Verarbeitungstiefe aus. Verzehr- beziehungsweise kochfertige Produkte in unterschiedlichen Portionsgrößen und in großer Vielfalt kann man ohne Verpackung nicht anbieten. Ohne die Bereitschaft der Verbraucher, die gewonnene Bequemlichkeit wieder gegen mehr Zeit in der heimischen Küche einzutauschen, wird es ein Konzept, das vor allem auf Monoprodukte setzt, schwer haben, sich in der Breite zu behaupten. Der Verkauf nahezu ausschließlich unverpackter Ware stellt hohe Anforderungen an die Ablauforganisation in den Märkten. Ein Supermarkt hat im Schnitt einige tausend Kunden — pro Tag. Allein die zahlreichen Wiegevorgänge dürften in einem vollen Geschäft für lange Schlagen an den Kassen und damit für Unmut bei den Kunden sorgen. Und dennoch: Die Idee ist gut, denn oft sind es die radikalen Lösungen, die Entwicklungen in der Breite voranbringen. Elemente dieses umfassenden Ansatzes, der an bestimmten Standorten für eine bestimmtes Kundenklientel funktionieren kann, haben sich in den Supermärkten bereits seit Jahren bewährt (Obst- und Gemüseabteilung, Bedientheken). Es spräche daher natürlich nichts dagegen, den Anteil unverpackter Ware zuerhöhen – es muss jedoch vom Kunden gewollt und für den Handel leicht umsetzbar sein.

Christian Böttcher, Leiter Public Affairs und Kommunikation, BVLH