Die Verhandlungen über ein weltweites Abkommen zur Reduzierung der Plastikverschmutzung gehen in die entscheidende Phase. In Genf treffen sich Vertreter von mehr als 160 Staaten, um bis zum 14. August über verbindliche Regeln zu verhandeln, wie das UN-Umweltprogramm mitteilte. Deutschland ist mit einer Delegation vor Ort vertreten, die Verhandlungen für die EU-Mitgliedsstaaten führt aber die Europäische Union.
Die Dringlichkeit des Problems zeigt sich in aktuellen Zahlen: Die Menschen nutzten im vergangenen Jahr weltweit 500 Millionen Tonnen Plastik – fast doppelt so viel wie vor 25 Jahren. Davon werden nach Angaben des UN-Umweltprogramms etwa 400 Millionen Tonnen schnell zu Müll. Ohne Gegenmaßnahmen droht sich die Müllmenge bis 2060 zu verdreifachen. Ein Viertel des Plastikmülls in Flüssen und Meeren stammt von Plastiktüten und -flaschen. „Plastikmüll zerstört Lebensräume, gefährdet Tiere und Menschen und vergiftet Ökosysteme“, warnt die Umweltstiftung WWF.
Die Verhandlungen gestalten sich schwierig. Mehr als 100 Länder, darunter die EU-Staaten sowie viele afrikanische, asiatische und lateinamerikanische Staaten, setzen sich für einen starken Vertrag mit klaren Auflagen zur Begrenzung der Produktion ein. Diese Gruppe repräsentiert allerdings nur 30 Prozent des Marktanteils und ein Viertel der Weltbevölkerung. Vor allem die Ölstaaten wie Iran, Saudi-Arabien und Russland bremsen die Verhandlungen. Sie wollen lediglich über Müll und Recycling sprechen. Auch die Position der USA erschwert die Verhandlungen. Die Vereinigten Staaten sind neben China der größte Plastik-Hersteller weltweit. In Europa ist Deutschland der größte Produzent.
US-Forscher warnen vor gesundheitlichen Risiken
Die gesundheitlichen Folgen der Plastikverschmutzung sind gravierend. US-Forscher haben im vergangenen Jahr in Gehirn und Leber von Toten deutlich mehr Nano- und Mikroplastik gefunden als noch 2016. „Mikro- und Nanoplastik gelangen schon im Mutterleib über die Plazenta an das ungeborene Baby“, zitierte das UN-Umweltprogramm den Geoökologen Stefan Krause von der Universität Birmingham. Die Partikel können demnach Additive im Körper freisetzen, die das Hormonsystem beeinflussen und teilweise krebserregend sind. Besonders belastend können nach Angaben der Experten Laminat- und Teppichböden für krabbelnde Kinder sein.
Das geplante Abkommen soll die gesamte Wertschöpfungskette von der Produktion über das Design bis zur Entsorgung von Plastik umfassen. „Es ist Zeit für Mut, nicht Kompromisse“, fordert Florian Titze vom WWF. „Ein Abkommen auf kleinstem gemeinsamen Nenner wird die Plastikkrise nicht lösen.“ Sollten sich die Staaten in Genf einigen, könnte im nächsten Jahr eine diplomatische Konferenz zur Unterzeichnung des Abkommens stattfinden. Die anschließende Ratifizierung in den einzelnen Ländern dürfte mehrere Jahre in Anspruch nehmen.