Supermarché Massen Luxemburg Für Lebensmittel-Liebhaber

Heute ist zwar beinahe alles „Manufaktur“, und der Begriff wird stark strapaziert, aber im nördlichen Luxemburg findet sich ein Supermarkt, der das handwerkliche Angebot mit Sortiments-Vielfalt und edlem Laden-Design kombiniert.

Donnerstag, 20. Oktober 2016 - Ladenreportagen
Reiner Mihr
Artikelbild Für Lebensmittel-Liebhaber
Bildquelle: Architekturbüro Kinzel

Inhaltsübersicht

Daten und Fakten
  • Adresse: Op der Haart 24, L 9999 Wemperhardt
  • Design: Architekturbüro Kinzel
  • Ausführung: Korte Einrichtungen
  • Fläche Supermarkt: mehr als 5.000 qm
  • Davon Bedienungsfläche:  1.100 qm
  • Verkaufsfläche Shoppingcenter: 18.000 qm
  • Überbaute Gesamtfläche Shopping Center: rund 61.000 qm
  • Öffnungszeiten: 7 Tage/Woche, Montag bis Sonntag, 7.30 bis 19 Uhr
  • Mitarbeiter: 350 Vollzeit/ mehr als 400 gesamt
  • Artikel im Supermarkt: 35.000
  • qm-Umsatz: 10.000 Euro
  • Durchschnitts-Bon: 58 Euro

15 Metzger in der 35 Köpfe starken Fleischabteilung, 17 Bäcker und Patissiers, 40 Köche… da dürfte manchem Lebensmittelhändler in Deutschland ein wenig schwindlig angesichts der Personalkosten werden. Aber in Wemperhardt im nördlichen Luxemburg scheint das machbar zu sein. Und dabei werden dort ganz andere Gehälter gezahlt als in Deutschland. „Probleme, qualifizierte Mitarbeiter zu finden, haben wir hier nicht“, sagt Arséne Laplume, der die Geschäfte zusammen mit Fernand Massen führt. Das habe aber nicht nur mit Luxemburg-typischer Bezahlung zu tun, sondern vor allem mit guten Arbeitsbedingungen: 4o-Stunden-Woche, moderne Einrichtung, Werkzeuge, Geräte. Zum Vorteil gerieten natürlich auch die geringen Lohnnebenkosten in Luxemburg. 326 Menschen arbeiten hier in Vollzeit, mit Teilzeitkräften sind mehr als 400 beschäftigt.

Und so ist im „Massen Einkaufszentrum“ ein Supermarkt möglich, der den Manufakturgedanken tatsächlich lebt. „Frische ohne Kompromisse“ lautet das Motto. Darunter versteht Laplume, „geballte Fleischkompetenz“, Fisch und Käse in außergewöhnlicher Tiefe und Breite, ein exzellentes Backwaren- und Patisserieangebot und natürlich Bedienung. 1.100 qm der mehr als 5.000 qm Verkaufsfläche werden von Bedienungsangeboten eingenommen.

Die Fleischabteilung soll vor allem den Manufakturcharakter zeigen. „Der Metzger gehört hinter die Theke“, ist Laplume überzeugt, er könne am kompetentesten über die Ware aufklären. Und habe am ehesten die Abschriften im Griff, weiß er. Beispiel Dry-aged. In diesem Schrank hängen Black Angus, Galloway, Sirloin und weitere edle Fleischsorten bis hin zu Wagyu/Kobe. Das Highland-Cattle stammt aus eigener Zucht. Wurst und Fleischspezialitäten werden selbst hergestellt. Auch bei Fisch und Backwaren ist die Eigenproduktion überdeutlich. Eigenproduzierten Artikel werden auch in den unterschiedlich positionierten Restaurants angeboten. „Das schafft Profil“, sagt Fernand Massen, der in der 2. Generation hier arbeitet. Sein Vater legte den Grundstein für das Einkaufszentrum.

Fakten im Fokus
  • Verkaufsfläche: 5.000 qm plus 1.000 qm Getränkemarkt
  • Mitarbeiter: 400 davon 350 in Vollzeit
  • Artikel: 35.000
  • Durchschnitts-Bon 58 Euro

Und so steuern die Frischeabteilungen 20 Prozent zum Umsatz bei. Tendenz weiter steigend. Und das im für Deutsche hochpreisigen Umfeld. Nicht alles ist Eigenproduktion. Das „Ergänzungssortiment“ liefert die belgische Alvo-Gruppe (Colruyt) und die Pirmasenser Wasgau. Massen kann in allen Sortimentsbereichen eine enorme Tiefe ausweisen. So ist der Markt auch bekannt für sein Spirituosenangebot. Hier gibt es alles, und die Preise gehen bis zu 2.500 Euro für eine Flasche Whisky. 1.100 verschiedene Spirituosen sind hier zu haben, ergänzt durch 900 Weine. Insgesamt hat der Markt 35.000 Artikel inklusive Frische – nicht mal viel im Vergleich zu deutschen Supermärkten. Aber die Luxemburger konzentrieren sich auf das Wesentliche und schaffen immerhin einen Durchschnittsbon von 58 Euro sowie eine Quadratmeterleistung von 10.000 Euro (ohne Getränkemarkt und ohne die immer noch wichtige Warengruppe Zigaretten). Dabei hilft natürlich die Öffnung am Sonntag – außer Heiligabend ab 16 Uhr, am ersten Weihnachtstag sowie am 1. Januar.

Hochwertige Sortimente können nur in ansprechendem Ambiente verkauft werden. In den 80er-Jahren hatten sich Massen und Laplume entschieden, auf Klasse statt Masse zu setzen und das Unternehmen 1987 bis 1989 rasant saniert (siehe S. 25). Schon damals wurde auf 2.500 qm Verkaufsfläche ausgebaut und auf Eigenproduktion gesetzt. Danach wurde mehrmals umgebaut, 2006 hatten die Betreiber um den Supermarkt eine Reihe anderer Geschäfte und Restaurants gruppiert.

Und jetzt wurde erneut umgebaut. „Wir müssen eine gewisse Zeitlosigkeit erreichen“, sagt Laplume. Auch in zehn Jahren solle das Geschäft noch aktuell sein. Dazu wurde das Laden-Layout komplett neu gedacht. Deutlich wird, dass sich der Ladenbau komplett dem Manufaktur-Gedanken anpasst. Ob natürliche Materialien, anspruchsvolle Fotos oder edle Einrichtung – stets soll die Herstellung für die Kunden transparent sein. Dazu gibt es natürlich breite Gänge, Niedrigregale und viel Platz zum Verweilen. Massen und Laplume dürften sich um die Zukunft des Supermarkts kaum Sorgen machen – er wird auf Jahre Kern und Anziehungspunkt des Centers bleiben.

Dieses bietet mittlerweile 32 Läden (Textil bis Reisebüro), zehn Restaurants und Bistros, Hotel, Business-Center mit aktuell 800 qm, zwei Tankstellen und Waschstraße. Alles in allem wird eine Verkaufsfläche von mehr als 40.000 qm bespielt, 1.100 Parkplätze stehen zur Verfügung, 1,8 Mio. Kunden werden 2016 erwartet.


Schnell gelesen

Supermarché Massen, Op der Haart 21,  9999 Wemperhardt,  Luxemburg

  • Manufaktur in Reinkultur
  • Ladendesign und eingesetzte Materialien unterstützen den Manufaktur-Charakter
  • Transparenz in allen Bereichen
  • Öffnungszeiten von Montag bis Sonntag (!) 7.30 bis 19 Uhr
  • Hoher Frischeanteil
  • Kaufkräftige Kundschaft
  • Personalintensiv
  • Offene, handwerklich Herstellung im Markt
  • Durchschnittsbon von 58 Euro
  • Eröffnung „Retail-Park“ im November 2016

Abgeschlossen ist das alles noch nicht. Laplume und Massen wollen das Einkaufszentrum weiter ausbauen: Ein eigenes Hotel eröffnet im November 2016, der zusätzliche „Retail-Park“ startet ebenfalls im November diesen Jahres, und ab Ende 2017 kommt ein Business-Center von 4.200 qm hinzu.

Natürlich fühlen sich Massen und Laplume gut gerüstet für die Zukunft. Luxemburger Kunden leisten sich eher hochwertige Lebensmittel. Dennoch ist der Einkaufstourismus im nördlichen Luxemburg immer noch ein Erfolgsfaktor. Belgien, die Niederlande und Deutschland sind nicht weit, und viele nehmen den Weg auf sich, um hier einzukaufen. Mehr als 50 Prozent der Kunden kommen aus Belgien. Deutsche machen immerhin 5 Prozent der Kunden aus. „Unsere deutschen Kunden kommen auch immer noch wegen Kaffee und Zigaretten“, gibt es einen kleinen Seitenhieb auf sparsame deutsche Konsumenten.

Geschichte
Wemperhardt liegt nördlich der Hauptstadt Luxemburg zwischen Belgien und Deutschland, aber auch die Niederlande und Frankreich sind nicht weit. Hier wurde schon immer gehandelt, manche sagen auch „geschmuggelt“. Luxemburg war früher für viele Deutsche, Belgier und andere ein Anziehungspunkt, um günstig zu tanken und nebenbei Zigaretten und Kaffee einzukaufen. Entlang der E421 und N7 bauten viele Betreiber ihre Tankstellen aus, boten Kaffee und Zigaretten an. Josef Massen, genannt Jos, Vater von Fernand,war in den 6oer- und 70er-Jahren ein erfolgreicher Landmaschinen- Händler, der auch eine Tankstelle betrieb und am Geschäft mit Kaffee und Tabak einfach nicht vorbei kam. Arsène Laplume stieß 1977 zum Unternehmen, weil er sich für Trekker, Eggen und Ackermaschinen interessierte. Massen hatte Mitte der 80er mehrere Tankstellen und mehr als 100 Mitarbeiter. Aber das Wachstum verlief unkoordiniert, die Differenzierung zu anderen Betreibern war schwierig. Dann kam der radikale Schnitt: Massen setzte auf den Einzelhandel und dabei auf Klasse statt Masse. Das brachte den Erfolg. Schon 1988 hatte der Supermarkt 2.500 qm mit Eigenproduktion in Bäckerei, Metzgerei, Brasserie. In mehreren Schritten erfolgte dann der Ausbau zum heutigen Shoppingcenter.

„Transparenz schafft vertrauen“

Fragen an die Architektin Valentina Kinzel

Was sind aus ladenbaulicher Sicht die auffallendsten Unterschiede zwischen einem Supermarkt in Deutschland und diesem Supermarché in Luxemburg?
Valentina Kinzel: Der Supermarché Massen in Luxemburg setzt neben hochwertigen Produkten auf frische Zubereitung und eigene Produktion von Waren wie Fleisch, Convenience, Backwaren, Nudeln und Eis. Die Gestaltung des Marktes unterstützt nicht nur diesen Manufakturcharakter, sondern gibt dem Kunden auch die Möglichkeit, zu sehen, was hinter den „Kulissen“ passiert.

Was bedeutet das für den Kunden?
Der Kunde kann sehen, woher seine Ware kommt und wie sie zubereitet wird. Mit seinem Design bietet ihm der Markt höchste Transparenz und stärkt so sein Vertrauen in die Hochwertigkeit und Frische der Lebensmittel sowie in die Kompetenz des Personals.

Was sind die – aus Architektinnensicht – Highlights des Lebensmittelmarktes im Shoppingcenter Massen?
Ein besonders gelungener Bereich des Marktes ist die Patisserie, die Einblick in die Produktion der Backwaren gewährt. Hier nutzen wir zur Unterstützung des Manufakturcharakters großformatige Bilder mit Tiefeneffekt in Kombination mit natürlichen Materialien wie Stein, Holz und Metall an den Wänden, Decken und Theken. Dem Kunden wird so die Natürlichkeit und Frische der Ware bei gleichzeitig höchster Qualität vermittelt.

Was könnten deutsche Lebensmittelhändler sinnvoll aus dem Konzept bei Massen lernen?
Die deutsche Bevölkerung legt in den vergangenen Jahren zunehmend Wert auf eine hohe Lebensqualität. Ladenbaukonzepte wie in Luxemburg, die dem Kunden einen Einblick in die Produktion oder Zubereitung der Lebensmittel geben, können meiner Meinung nach dieses Kaufverhalten verstärken.