Start-up-Szene Von CO₂-Öl bis lokalem Quinoa – wie Jungunternehmen die Food-Branche aufmischen

Hintergrund

Diese deutschen Jungunternehmen tragen dazu bei, soziale und ­ökologische Herausforderungen zu bewältigen. Sie verändern nicht nur Branchen, sondern auch das Leben vieler Menschen.

Dienstag, 20. Mai 2025, 07:40 Uhr
Bettina Röttig
Save the Grain-Gründer (v. l.): Marvin Maul, Lenia Römer und Robin Schallenberg. Bildquelle: Save the Grain

Innovationen sind entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit in der Lebensmittelwirtschaft, denn Konsumentenbedürfnisse ändern sich und der Klimawandel bringt neue Herausforderungen. Echte Produktinnovationen sind global jedoch seltener geworden. Lag ihr Anteil 2007 noch bei 50 Prozent, waren 2024 nur 26 Prozent der neu eingeführten Produkte tatsächlich innovativ, also nicht nur Produktlinienerweiterungen, neue Sorten bestehender Produkte oder Rezepturanpassungen. Finan­ziel­le Unsicherheiten, fehlende Strategien und Vorschriften wie die Novel-Food-Verordnung der EU behindern die Innovationsleistung von Unternehmen, heißt es in der Studie „Barriers to Innovation – Welche Hürden verhindern, dass Food-Unternehmen innovativer sind?“ von DHBW Heilbronn, dem Innovation-Hub Food Harbour Hamburg und TUM Venture Labs. Der Mangel an Kooperation zwischen Unternehmen und externen Akteuren begrenze das Innova­tionspotenzial erheblich, so ein Fazit der Analyse, die auf Interviews mit Unternehmen und Branchenexperten basiert. Innovationshubs und -cluster helfen, Start-ups sowie Koopera­tio­nen mit etablierten Unternehmen aus Industrie und Handel zu fördern. Spannende Jungunter­neh­men stellen wir hier vor.

Colipi: alternative Öle aus CO2

Nicht Wasser zu Wein, aber Treibhausgas zu Öl: Das Start-up Colipi hat ein Verfahren entwickelt, das Alternativen zu Ölen wie Palmöl bietet. Es nutzt ein einzigartiges fermentatives Verfahren, um aus CO2 und anderen kohlenstoffhaltigen Materialien wie industriellen und landwirtschaft­lichen Abfallprodukten wie Melasse ein so genanntes „Klima Öl“ zu erzeugen. Dabei werden Mikroorganismen, insbesondere Hefen, eingesetzt. Drei Kilogramm CO2 stecken in einem Liter Öl. Eingesetzt werden kann dieses in Lebensmitteln, Kosmetika und als alternativer Kraftstoff. Colipi ist eine Ausgründung der Technischen Universität Hamburg und arbeitet mit dem Food Harbour Hamburg zusammen.

Mudda Natur: Quinoa aus Hessen

Mudda Natur baut Quinoa lokal in Hessen an. Dies reduziert die langen Transportwege, die normalerweise mit importiertem Quinoa verbunden sind, und schont dadurch die Ressourcen. Das Unternehmen hat über 400 verschie­dene Quinoa-Sorten getestet, um diejenige zu finden, die am besten an das deutsche Klima angepasst ist. Unter der Marke Mudda Natur werden Quinoa-Vollkornmehl, -Frühstücksflocken oder -Pasta angeboten. Unterstützt wird das Start-up vom Handelsverband Hessen.

Kölner Duo: Save the Grain und Rivopump

Über 30 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion gehen in Afrika oft nach der Ernte verloren. Das Start-up Save the Grain, gegründet von Studenten der Universität zu Köln sowie der Non-Profit-Organisation Enactus, hat es geschafft, die Verluste auf 10 Prozent zu minimieren und Farmern Zugang zum deutschen Markt zu geben. Da es vor Ort an Kühlmöglichkeiten fehlt, drohen die Lebensmittel nach der Ernte zu verschimmeln. Landwirte sind daher gezwun­gen, ihre Ernte unmittelbar zu verkaufen. Das Überangebot auf dem Markt drückt die Preise, die Abhängigkeit von Zwischenhändlern ist ein weiteres Problem, erläutert Robin Schallenberg, einer der Gründer. Teil der Lösung: ein Solartrockner, der Ernteprodukte mit der Kraft der Sonne und optimierter Luftzirkulation trocknet und ohne fossile Ressourcen auskommt. „Wir bauen Solar Dryer aus vor Ort verfügbarem Metall und Glas. Aktuell kann ein Solartrockner bis zu 15 Tonnen Lebensmittel pro Jahr haltbar machen“, so Schellenberg.

Das Projekt fördere nicht nur die lokale Wirtschaft, sondern trage auch zur finanziellen Unabhängigkeit der Frauen bei. Frauenkooperativen kümmern sich um die Trocknung von Heilpflanzen wie Hibiskus und Moringa, die laut Gründer eine hohe Nachfrage und Gewinnmar­ge beim Verkauf nach Deutschland bieten. Sie werden hierzulande schon auf Nachhaltigkeitsmärkten unter dem Namen „FemmePact“ verkauft.  Trockenfrüchte und Gewürze sollen unter der Marke hinzukommen. Save the Grain arbeitet zudem mit dem Kölner Start-up Rivopump zusammen. Dieses hat ein mobiles Wasserrad entwickelt, das eine einfache Pumpe antreibt, um Flusswasser in ein Bewässerungssystem oder einen Wassertank zu fördern. Damit werden Dieselpumpen überflüssig. Für die Bauern bedeutet dies weniger Kosten und Abhängigkeiten.

Kooray: Bio-vegane Instant-Soßen

Das Münchner Unternehmen Kooray um Gründer Kevin Hornik hat ein patentiertes Verfahren zur Herstellung seiner Produkte entwickelt, das es ihm erlaubt, besonders hochwertige Currysoßen anzubieten. Durch das spezielle Produktionsverfahren kann auf Zusatzstoffe verzichtet werden, die oft in konventionellen Fertigprodukten notwendig sind, um zum Beispiel Geschmack und Textur zu verbessern.

The Raging Pig Company: veganer Schinken

Das Hamburger Foodtech-Start-up The Raging Pig Company hat sich seit 2021 auf pflanzliche Alternativen zu Schweinefleisch spezialisiert. Die Gründer, Dr. Arne Ewerbeck und Constantin Klass, begannen mit der Entwicklung einer veganen Bacon-Alternative, die so konzipiert ist, dass sie wie traditioneller Bacon aussieht, schmeckt und sich so braten lässt. Mittlerweile sind auch vegane Schinken- und Rostbratwürstchen sowie Bacon-Würze erhältlich.