Um sechs Uhr morgens herrscht auf dem Parkplatz des Werks der Ostfriesischen Tee Gesellschaft (OTG) in Buchholz dichter Verkehr. Schichtwechsel. Rund um die Uhr befüllen Maschinen Teebeutel für die OTG-Marken Milford oder Meßmer. Vor dem Werk ziehen Bagger Schneisen durch den Asphalt, Bauzäune flackern, und wer sein Auto früher direkt vor der Halle abstellen konnte, sucht jetzt eine Lücke – irgendwo weiter hinten. Doch statt Unmut herrscht Gelassenheit. „Trotz Lärm, Chaos und längerer Wege bleiben unsere Mitarbeiter unglaublich kooperativ“, sagt Geschäftsleiterin Anna Spethmann. Für sie ist das mehr als nur Kollegialität im Baustellenalltag. Es ist Ausdruck eines Vertrauens, das gewachsen ist – über Generationen hinweg. Und das in einem Unternehmen, das Jahr für Jahr mehr als 8 Milliarden Teebeutel produziert. Mit dem Werksausbau will die OTG vorrangig ihre Produktionskapazität erweitern.
Die Ostfriesische Tee Gesellschaft investiert einen zweistelligen Millionenbetrag in ihren Standort in Buchholz – obwohl Produktionsverlagerungen ins Ausland finanziell attraktiver wären. Dieses Bekenntnis zur Region ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck einer Haltung, die viele Familienunternehmen in Deutschland prägt. Während international tätige Konzerne häufig nach Rendite für externe Investoren streben müssen, dominieren bei Familienbetrieben oft langfristige Strategien und regionale Verantwortung. Und sie profitieren davon – unter anderem mit einem glänzenden Image. 85 Prozent der Deutschen finden, dass Familienunternehmen wichtig oder sehr wichtig für die deutsche Wirtschaft sind. Das zeigt eine Umfrage des Instituts für Demoskopie (IfD).
„Bei uns war die Diskussion um den Standort Buchholz ein großes Thema“, sagt Anna Spethmann. „Wir haben uns entschieden, den Ausbau zu finanzieren, obwohl man rein wirtschaftlich betrachtet vielleicht in ein Unternehmen in Osteuropa investiert hätte.“ 1989 erwarb die OTG den Tee-Abpacker Ludwig Schwarz und produziert seitdem am Unternehmenssitz Seevetal nahe Buchholz. Die emotionale Bindung an den Standort, an die Belegschaft – all das fließe bei der Ostfriesischen Tee Gesellschaft in jede Entscheidung mit ein. „Auch unsere lange Familienzugehörigkeit zur OTG ist etwas Besonderes“, sagt Spethmann.
Anna Spethmann ist bei der Ostfriesischen Tee Gesellschaft verantwortlich für die Werke und das Industrial Engineering. Sie gehört zur fünften Generation, die im Unternehmen aktiv ist. Laurens Spethmann, Enkel des Firmengründers und Großvater von Anna Spethmann, übernahm 1954 das Unternehmen. 1996 verkaufte Laurens das Geschäft an seine Kinder Jochen, Michael und Laureen. Michael Spethmann hat drei Kinder. Seine Tochter Anna Spethmann stieg im Sommer 2024 in die Geschäftsleitung auf. Zuvor war sie als Werksleiterin für Milford und Onno Behrends tätig.
Familienunternehmen in Deutschland
Gut neun von zehn der privaten Unternehmen in Deutschland sind Familienunternehmen, in denen knapp 60 Prozent der privatwirtschaftlich Beschäftigten tätig sind. Das zeigt eine Erhebung des Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo). Familienunternehmen mit großer Marktmacht existieren weltweit, so etwa Ferrero in Italien oder Mars in den USA. Dennoch ist die Dichte solcher Betriebe in Deutschland besonders hoch.

Professor Dr. Mark Binz, dessen Unternehmen regelmäßig eine Liste der 100 größten Familienunternehmen herausgibt, sieht dafür mehrere Gründe: „Die außergewöhnliche Dichte starker Familienunternehmen in Deutschland ist kein Zufall, sondern das Ergebnis historischer Strukturen, stabiler Rahmenbedingungen und eines einzigartigen Ausbildungssystems.“
Stabile wirtschaftliche und rechtliche Rahmenbedingungen sowie ein hohes gesellschaftliches Ansehen sorgen in Deutschland für ein sicheres Umfeld, in dem familiengeführte Betriebe gedeihen können. Familienunternehmen stehen laut einer Studie der Stiftung Familienunternehmen für eine lange Tradition, die Sicherheit von Arbeitsplätzen und langfristiges Denken – alles Imagedimensionen, die den Betrieben heute mehr als noch 2019 zugeschrieben werden.
Familienunternehmen pflegen dieses Image intensiv. Denn es ist einer der bedeutendsten Standortvorteile, den Deutschland zu bieten hat. Bei der OTG sind viele Mitarbeiter seit Jahrzehnten im Betrieb. Die persönliche Bindung zwischen Geschäftsführung und Produktion ist eng. „Unsere Mitarbeiter verstehen, warum wir Entscheidungen treffen müssen, und tragen diese mit“, erklärt Spethmann.
Warum gerade diese Loyalität so wichtig ist? Ein Beispiel: Um notwendige Preisanpassungen gegenüber dem Handel durchzusetzen, sah sich die OTG gezwungen, tiefgreifende Eingriffe in die Produktionsabläufe vorzunehmen. Im Frühjahr kam es zu erheblichen Lieferunterbrechungen, die nahezu alle Kunden betrafen – mit der Folge, dass das Unternehmen zeitweise die Produktion komplett einstellen musste. Für die Mitarbeitenden bedeutete das kurzfristige Änderungen ihrer Schichtpläne und eine hohe Flexibilität im Arbeitsalltag. Anstatt die Produktionspause einfach nur auszusitzen, nutzte die OTG die Zeit aktiv: Es wurden Projekttage organisiert, gründliche Reinigungsarbeiten durchgeführt und infrastrukturelle Schwachstellen behoben.

Fachkräftemangel bedroht den Standort
Eine tragende Säule des deutschen Wirtschaftsmodells ist das duale Ausbildungssystem. „Es schafft eine verlässliche Basis an qualifizierten Fachkräften und ermöglicht es Unternehmen, strategisch in ihre personelle Zukunft zu investieren“, erklärt Experte für Familienunternehmen Binz. Doch trotz seiner Stärken zeigt das System strukturelle Schwächen – insbesondere bei der Integration ausländischer Arbeitskräfte.
„Viele unserer Mitarbeitenden mit Migrationshintergrund würden gerne eine Ausbildung zum Industriemechaniker oder Elektriker absolvieren“, sagt Anna Spethmann. „Doch für viele ist das finanziell schlicht nicht machbar – der Lohnverlust während der Ausbildung ist ein großes Hindernis.“ Auch beim Thema Sprachförderung sieht die Managerin Handlungsbedarf: Deutschkurse finden fast ausschließlich tagsüber statt. Das lässt sich jedoch nur schwer mit dem Schichtbetrieb vereinbaren. Die OTG versucht, mit flexiblen Schichtplänen gegenzusteuern und es den Mitarbeitern möglich zu machen, an den Kursen teilzunehmen. Doch nicht jedes Unternehmen kann diese zusätzliche Belastung tragen.
Hinzu kommt: Während Länder wie Polen ihre Industrie gezielt subventionieren – etwa mit Zuschüssen von bis zu 50 Prozent für Maschinen in der Teebeutelproduktion –, stehen deutsche Mittelständler zunehmend unter Druck. „In Deutschland wird vielfach erwartet, dass Unternehmen die Herausforderungen allein stemmen“, kritisiert Spethmann. „Deutschland hat viele Stärken als Wirtschaftsstandort, aber es hat sich lange auf diesen Lorbeeren ausgeruht“, so die Geschäftsleiterin weiter. Bürokratie, ungleiche Wettbewerbsbedingungen und Fachkräftemangel erschweren Investitionen.

Raum für Wachstum
Und trotzdem: Wenn am frühen Morgen die Mitarbeiter vom Parkplatz zur Produktionshalle gehen, betreten sie nicht nur ihren Arbeitsplatz – sondern auch einen Standort, an dem ein Unternehmen kontinuierlich in seine Zukunft investiert. „Wir müssen jedes Jahr einen Schritt nach vorne machen, um wettbewerbsfähig zu bleiben“, sagt Spethmann.
Steigende Kosten müssen durch steigende Produktionsmengen ausgeglichen werden. Die OTG muss sicherstellen, dass sie auf Marktschwankungen reagieren kann. Der Schritt nach vorne beginnt also nicht erst mit der neuen Maschine für einen anderen Teebeuteltyp, die viel mehr Platz braucht, oder dem Fußgängerweg, der gebaut werden musste, um mit der Werkserweiterung in Buchholz überhaupt starten zu dürfen. Er beginnt dort, wo Familienunternehmen wie die OTG seit Generationen ansetzen: im Vertrauen. In die eigenen Wurzeln. In die Menschen vor Ort.