„Viele Mitarbeiter sagen, ich sei die größte Krise im Haus.“ Wenn Michael Durach über seine Strategien und das Überwinden von unternehmerischen Hürden spricht, ahnt man, warum ihn seine Belegschaft so sieht. Der Chef des Feinkost- und Senfproduzenten Develey ist so energiegeladen, dass es ihn während des Gesprächs mit der Lebensmittel Praxis kaum auf dem Stuhl hält. Schnell ist klar: Durach lässt sich weder von der deutschen Bürokratie noch menschlicher Bequemlichkeit ausbremsen. Im Gegenteil: Er macht der Bequemlichkeit Beine, zum Beispiel mit dem fahrstuhlfreien Freitag, den er vor einigen Jahren im Unternehmen eingeführt hat. Niemand wolle dabei erwischt werden, freitags den Lift zu nehmen, sagt er. Doch damit nicht genug: „Bei der nächsten Wartung habe ich ihn so langsam einstellen lassen, dass man schneller zu Fuß im zweiten Stock ist. Solche Kleinigkeiten schärfen das Bewusstsein für Stromverbrauch“, erzählt er mit einem verschmitzten Lachen.
Seit 2016 verzichtet das Traditionsunternehmen, das er gemeinsam mit seinem Bruder Stefan führt, komplett auf Palmöl – auch bei Gewürzen, die damit beschichtet sind. Rund drei Jahre dauerte die Umstellung. „Hätten wir uns nur auf den direkten Einsatz von Palmöl konzentriert, wäre es einfacher gewesen. Doch wir wollten uns selbst herausfordern“, gibt Durach ein weiteres Beispiel, das zeigt, wie er das Familienunternehmen in vierter Generation lenkt: ambitioniert, hartnäckig und nachhaltig.
Die Freiheit, gestalten zu können, wurde Durach vorgelebt und reizt ihn noch immer. „Jede Generation hat Veränderungen durchgemacht, weil wir erkannt haben, dass Stillstand Rückschritt bedeutet“, erklärt er. Das Geschäftsmodell habe sich immer wieder gewandelt. „Früher waren wir der größte Sauerkrauthersteller Europas, dann einer der größten Gurkenproduzenten und jetzt sind wir einer der führenden Hersteller von Senf und Feinkost.“ Heute produziert und vertreibt Develey unter anderem Senf der Marken Bautz’ner, Reine de Dijon, Löwensenf sowie Gewürzgurken der Marke Specht.
Lokaler Anbau sichert ab
Die aus seiner Sicht wichtigste Aufgabe – das Unternehmen erfolgreich an die nächste Generation zu übergeben – motiviert Durach und: „Weil es unser Laden ist, können wir Entscheidungen treffen, die andere vielleicht für verrückt halten.“ Seit 2008 hat Develey massiv in Photovoltaikanlagen, ein Holzschnitzel-Kraftwerk und Geothermie investiert und die eigenen CO2-Emissionen halbiert.
Der Standort Deutschland ist für Durach ein wesentlicher Bestandteil der Nachhaltigkeitsstrategie und eng mit seinen Produkten verknüpft. „Senf braucht eine Heimat“, sagt er. Develey sei der größte Anbauer für Senfsaat in Deutschland. „Für unsere ostdeutschen Marken beziehen wir die Senfsaat aus Thüringen, Sachsen und Mecklenburg. Unser Ziel ist grundsätzlich, so nah wie möglich am Standort zu bleiben.“ Der Produzent achtet auf Risikostreuung, da Klimaveränderungen und Wetterkapriolen wie Hagel Ernten gefährden könnten. Deshalb bezieht er Senfsaat zusätzlich aus Osteuropa. 10 bis 20 Prozent mehr kostet die heimische Senfsaat laut Durach. Eine wichtige Investition. Als zu Beginn des Krieges in der Ukraine Senfknappheit herrschte, war das Unternehmen eines der wenigen, das noch Senf liefern konnte.
Die Lokalisierung betrifft jedoch nicht nur die Senfsaat. Develey lässt im Umkreis von circa 30 Kilometern um die Fabrik in Pfarrkirchen Gurken anbauen. „Durch die Nähe zum Anbau und eine effiziente Verarbeitung können wir unsere Gurken in 40 Länder exportieren. Das gelingt uns nur mit einer optimierten Lieferkette und effizienter Produktion“, sagt Durach. Die Salzsole, die bei der Salzvergärung von Gurken entsteht, nutzen die Straßenmeistereien rund um das Werk in Dingolfing im Winter als Ersatz für Streusalz. Damit schlägt das Unternehmen „zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir lösen das Abwasserproblem und bieten eine nachhaltigere Lösung für den Winterdienst. Die Sole kann viel präziser dosiert werden als loses Salz“, so Durach. Solche Beispiele sind ihm wichtig, um seinen holistischen Ansatz zu verdeutlichen.
Seit der Gründung 1845 habe Develey trotz nationalem und internationalem Wachstum keinen einzigen Arbeitsplatz ins Ausland verlagert. „Im Gegenteil, wir sind sowohl in Deutschland als auch im Ausland gewachsen“, betont Durach. In Deutschland betreibt die Gruppe sechs Werke und beschäftigt mehr als 1.300 Mitarbeiter. Weltweit erwirtschaftet sie mit 2.800 Mitarbeitern an 18 Standorten in zehn Ländern einen Umsatz von rund 600 Millionen Euro. Gegen Niedriglohnländer könne Develey nicht konkurrieren, daher setze das Unternehmen auf Effizienz.
Investitionen in Deutschland
Oft geht es dabei um neue Technologien, die Michael Durach trotz Hürden durchsetzt. So habe Develey ein neues Kühlsystem entwickelt, das ohne herkömmliche Kühlmittel auskommt und auf CO2 basiert. „Das war damals einzigartig in der Industrie. Doch anstatt Unterstützung zu bekommen, wurden wir von einem Ministerium zum nächsten geschickt – von Bayern nach Berlin und dann nach Brüssel. Am Ende haben wir es einfach selbst umgesetzt“, erzählt er. Auch habe Develey früh auf LED-Beleuchtung umgestellt, habe zwei Container mit Leuchten direkt aus China importiert, weil Zwischenhändler den Preis in die Höhe getrieben hätten. Die Alleingänge haben sich laut Durach schnell gerechnet.
In den Jahren 2024 bis 2026 investiert das Unternehmen einen dreistelligen Millionenbetrag in seine Infrastruktur, einen Großteil davon in Deutschland. Zum Beispiel errichtete Develey ein komplett neues Werk in Thüringen, laut Durach eines der „modernsten und nachhaltigsten, die man sich vorstellen kann“. Auch in die Standorte Bautzen und Dingolfing flossen erhebliche Investitionen, „um uns auf Themen wie Gurkenproduktion und neue Verpackungsrichtlinien vorzubereiten“. Den Standort in Dingolfing habe man erweitert, in Unterhaching eine völlig neue Senfanlage aufgebaut. Auch gebe es keine Fläche mehr, die nicht mit Photovoltaik ausgestattet sei, so Durach.
Das Beispiel Photovoltaik ist eines der Themen, die Durachs Ungeduld zum Vorschein bringen. Die Wartezeiten auf Genehmigungen seien in Deutschland zu lang. „Warum gibt es keine Anreizmodelle oder einen Fast-Track-Prozess für Unternehmen, die sich bereits als nachhaltig bewiesen haben?“, schlägt er vor. Stattdessen müsse sich Develey, Träger des Deutschen Nachhaltigkeitspreises, in die gleiche Schlange einreihen und mit Themen wie dem Schutz der Zauneidechse kämpfen. „Das ist einfach frustrierend“, sagt er. Von der Politik wünscht er sich Sonderabschreibungen für nachhaltige Investitionen, „so würden diejenigen unterstützt, die aktiv investieren“.