Interview mit Branchenexperte Klaus Martin Fischer Standort Deutschland – welche Stellschrauben jetzt über Investitionen oder Abwanderung entscheiden

Hintergrund

Hohe Kosten, viel Regulierung, sinkende Wettbewerbsfähigkeit: Branchenexperte Klaus Martin Fischer erklärt, warum Deutschland kein Billigstandort ist.

Dienstag, 03. Februar 2026, 07:40 Uhr
Tobias Dünnebacke
Klaus Martin Fischer ist Partner bei der Beratung RSM Ebner Stolz und spezialisiert auf die Agrar- & Ernährungswirtschaft. Bildquelle: RSM Ebner Stolz

Welchen Standortvorteil hat Deutschland noch?

Deutschland ist konzeptionell führend. Dieses Know-how haben wir uns über Generationen erarbeitet. Wir verstehen Prozesse, Strukturen und Vermarktung wie kaum ein anderes Land. Wir haben tiefe Wertschöpfung, starke Vernetzung und hohe Kompetenz auf allen Stufen der Kette. Das macht uns nicht günstiger, aber besser – wenn wir es intelligent einsetzen.

Wie können Hersteller hohen Kosten entgegenwirken?

Durch KI, Robotik und Automatisierung. Diese Technologien sind keine Kür mehr, sondern Überlebensstrategie. Wer heute nicht in smarte Prozesse investiert, fällt zurück. Wir sehen, wie datengetriebene Steuerung, autonome Abläufe und intelligente Maschinen längst entscheidende Kostenvorteile schaffen – nicht gegen, sondern trotz hoher Lohnkosten. Der Schlüssel ist: Technologie gezielt einsetzen, wo sie Skalen­effekte bringt – und Personal dort, wo es Wert schafft.

Stichwort Personal: Ist der hohe Krankenstand ein relevanter ­Faktor?

Ja. Hoher Krankenstand ist kein individuelles Problem, sondern ein systemischer Nachteil. Er kostet Produktivität, Verlässlichkeit und Struktur. Wir sehen im internationalen Vergleich, dass Standorte in Deutschland hier oft auffallen – und nicht positiv.

Wo sind Bürokratiebelastungen am schlimmsten?

Die größten Hürden liegen dort, wo wir eigentlich investieren wollen: im Bau, bei Erweiterungen, bei Energieeffizienzprojekten. Genehmigungen dauern ewig, Zuständigkeiten sind diffus, Verantwortliche treffen keine Entscheidungen. Dazu kommen Regulierungswellen bei Umwelt, Verpackung, Lieferketten – und alles on top. Die Unternehmen beschäftigen heute ganze Abteilungen nur damit, behördliche Anforderungen zu erfüllen.

Garantiert Regulierung nicht auch ein Qualitätsversprechen?

Ja – aber sie muss wirken, nicht lähmen. Qualität ist ein Wettbewerbsfaktor. Wir stehen für Sicherheit, Tierwohl, Rückverfolgbarkeit – und das wird geschätzt. Aber nur, wenn wir diese Qualität auch effizient organisieren. Wenn Regeln zum Stolperdraht für Investitionen werden, verpufft der Effekt. Wir brauchen eine Regulierung, die verlässlich ist – nicht beliebig und widersprüchlich.

Ist die Verlagerung der Produktion ins Ausland noch umkehrbar?

Die Entscheidung ist oft gefallen – aber nicht in Stein gemeißelt. Die Kostenführerschaft werden wir in Deutschland nicht zurückerlangen. Aber wir können an etlichen anderen Stellschrauben drehen, die positiv auf die Standortvorteile einzahlen. Wenn wir Rahmenbedingungen verbessern, wird auch wieder in Deutschland investiert. Aber nur, wenn wir wettbewerbsfähig werden bei Energie, bei Bürokratie, bei Arbeitszeitmodellen. Wenn nicht, bleibt der Trend zur Auslagerung. Und das hat nichts mit Emotion zu tun – sondern mit Zahlen. Kapital ist einfach ein „flüchtiges Reh“.

Ist der Lebensmitteleinzel-handel in Deutschland zu mächtig?

Nein. Der Lebensmitteleinzelhandel erfüllt für Industrie und Verbraucher eine zentrale Systemfunktion: Er bündelt Nachfrage, organisiert Reichweite und Verfügbarkeit, trägt Logistik- und Frischekomplexität, investiert in Prozesse und sorgt durch harten Wettbewerb für Kostendisziplin und Effizienz entlang der Kette. Politische Eingriffe in Preise und Mengen würden diese Funktion schwächen, Investitionen und Sortimentsleistung gefährden.

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