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Kassenzone Wie das Corona-Virus das Bezahlverhalten verändert

Susanne Klopsch | 07. April 2020
Kassenzone: Wie das Corona-Virus das Bezahlverhalten verändert
Bildquelle: Messe Düsseldorf / ctillmann

Distanz halten, um der Verbreitung des Corona-Virus zu trotzen. Das ändert auch das Verhalten an der Kasse: Kontaktlos statt Bargeld, Selfscanning statt Anfassen von Kassenband und Warentrenner.

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Kontaktloses Bezahlen, was denn sonst in Corona-Zeiten? Von mehr als 100 Millionen Girocards in Deutschland sind mittlerweile gut 75 Prozent mit dem Wellensymbol für kontaktloses Bezahlen an entsprechenden Kassensystemen ausgerüstet. Hinzukommen noch etliche Kreditkarten mit derselben Near Field Communication (NFC). Die Deutschen sind also vermeintlich bestens gerüstet, auch beim Bezahlen auf Abstand zu bleiben.

Wäre hier nicht das Limit von derzeit 25 Euro pro Transaktion. Mastercard reagierte am schnellsten und verkündete am 25. März vollmundig die Erhöhung des Limits auf 50 Euro in 29 europäischen Ländern. Die deutschen Banken und Sparkassen zogen fünf Tage später nach.

Um der Wahrheit aber ein Stück näher zu kommen, muss man wissen, dass die Erhöhung des Limits auf 50 Euro noch gar nicht umgesetzt ist. „Die Umstellung erfolgt zeitnah, also in wenigen Wochen“, erklärt Steffen Steudel vom Bundesverband der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken, aber ein genaues Datum könne er nicht nennen. Die Auswirkungen der Pandemie berühren auch die IT-Dienstleister der Banken. Und die müssen das Ganze schließlich noch umsetzen.

Selbst wenn die Erhöhung realisiert ist, wird kaum eine Familie bei ihrem Wocheneinkauf im Supermarkt mit 50 Euro auskommen. Und zur ganzen Wahrheit gehört auch, dass Karteninhaber weiterhin „auf Basis gesetzlicher Vorgaben spätestens nach fünf Transaktionen oder nach einer Gesamtsumme von 150 Euro wieder die PIN eingeben müssen“, erklären die deutsche Banken und Sparkassen.

Zumindest das Berühren der „fremden“ Tastatur können Kunden im Geschäft vermeiden, wenn in ihrem Smartphone die Near Field Communication aktiviert ist. Dann erfolgt die Authentifizierung über den Fingerabdruck oder andere biometrischer Kennzeichen. Doch auch hier gilt in der Regel das Limit von 25 bzw. demnächst 50 Euro, weil den Apps entsprechende Giro- oder Kreditkarten hinterlegt sind.

Geld kann ja bekanntermaßen den Charakter verderben, es macht aber nach allem, was man heute weiß, nicht krank. So hat Deutschlands bekanntester Virologe Prof. Christian Drosten in einem NDR-Podcast zu Corona-Viren auf Geldscheinen und -münzen gesagt: „Das würde ich mal weitgehend vergessen!“ Der Direktor der Virologie an der Berliner Charité und Berater der Bundesregierung erklärte dazu, bei Corona- und Influenzaviren handele es sich um sogenannte behüllte Viren. Diese seien gegen Austrocknung „extrem empfindlich“ und würden auf Oberflächen nicht lang genug überleben. 

Das trifft sich gut, denn die Liebe der Bundesbürger zum Bargeld ist groß. Gut 48 Prozent der Bezahlvorgänge im Einzelhandel werden noch in bar geleistet (EHI Retail Institute, Daten von 2018). Dies erfasst allerdings den gesamten Einzelhandel, im Bereich Lebensmittel dürfte der Anteil etwas höher liegen. Dennoch stellt das Corona-Virus diese Liebe auf eine harte Probe. Nach einer Erhebung von POS-Pulse in Zusammenarbeit mit dem EHI Retail Institute mit 1.046 Verbrauchern ist der Anteil der Barzahlungen in manchen Altersgruppen auf gerade mal 18 Prozent gesunken.

Der Verzicht aufs Bargeld ist jedoch eine Altersfrage:

  • Fast 41 (Frauen) und nahezu 34 Prozent der Männer zwischen 18 und 39 Jahren zahlten vor der Corona-Krise bar. Fast genauso oft zückten sie an der Kasse die Karte (knapp 40 Prozent der Frauen bzw. 27 Prozent der Männer). Kontaktlos zahlten 17 Prozent der Frauen und knapp 26 Prozent der Männer. Jetzt zahlen nur noch 17 Prozent dieser Altersgruppe mit Bargeld, signifikant gestiegen ist der Anteil derer, die mit Karte zahlen bzw. die kontaktlose Variante wählen. Vor allem Männer nutzen nun verstärkt das kontaktlose Bezahlen.
  • Ein ähnliches Bild ergibt sich in der Altersgruppe der 40- bis 59-Jährigen: Mehr als 59 Prozent der Frauen (und 30,63 Prozent der Männer) nutzen nun die Kartenzahlung. 24,2 Prozent greifen zur kontaktlosen Variante, bei den Männern sind es sogar 40 Prozent. Barzahlung nutzen nur noch etwa 17 Prozent.
  • Ganz anders hingegen bei den Menschen ab 60 Jahren: Sie waren schon vor dem Auftreten der Pandemie mit mehr als 60 Prozent Anteil diejenigen, die beim Bezahlen am ehesten zum Bargeld griffen. Allerdings nutzte auch ein Viertel von ihnen schon die Kartenzahlung, etwa 15 Prozent wählten das kontaktlose Begleichen. Und in der Corona-Krise? Bleibt das Bargeld auch bei jedem Zweiten in dieser Altersklasse das Mittel der Wahl. Die Zahl derer, die an der Kasse die Karte zücken (ob kontaktlos oder nicht) stieg nur leicht. 

Einkaufen in der Pandemie kann noch eine andere Entwicklung beschleunigen: die Akzeptanz von stationären Selfscanning-Kassen (SB-Kassen) sowie mobiler Selfscanning-Lösungen. Laut EHI gibt es in gut 1.000 Märkten mit etwa 5.000 SB-Kassen dafür die technischen Möglichkeiten. „Das kundeneigene Scannen wird als zusätzlicher Kundenservice verstanden und gewinnt in Zeiten von Corona zusätzlich an Bedeutung“, heißt es beim EHI.

Bislang war die Kassenwahl ebenfalls eine Frage des Alters: Etwa 40 Prozent der 18- bis 39-Jährigen hatten schon vor der Pandemie an einer SB-Kasse gezahlt. Bei den 40- bis 59-Jährigen sowie den über 60-Jährigen waren es jeweils etwa ein Viertel. Doch es tut sich was: In Corona-Zeiten würden, auf alle Altersklassen bezogen, weit mehr als 40 Prozent der Befragten das Bezahlen ihrer Einkäufe an einer SB-Kasse erledigen. Die Vorteile sind der minimierte Kontakt zu anderen Menschen, kein Kontakt zu Kassenband oder Warentrennern, kürzere Wartezeiten. Aus den gleichen Grünen steigt nach dieser Befragung auch die Bereitschaft, die Einkäufe im Laden mobil zu erfassen.

Doch was spricht gegen die SB-Kassen? Quer durch alle Altersgruppen wird die zu kleine Ablagefläche kritisiert, bei den 18- bis 59-Jährigen fällt zudem der aus ihrer Sicht komplizierte Einkauf von Alkohol oder Zigaretten negativ ins Gewicht. 

Und dann sind da noch die Gründe, warum die Befragten auch in Corona-Zeiten an einer herkömmlichen Kasse zahlen wollen: Für fast 70 Prozent der Männer und 65 Prozent der Frauen ist dies „Normalität im Alltag“. 40 Prozent mögen es, mit Bargeld zu zahlen. Mehr als ein Viertel schätzt den sozialen Kontakt. 

Was können Hersteller und Händler für die Zukunft der Kassenzone in der Pandemie erfahren?

  • Die Bereitschaft zu kontaktlosem Zahlen wird sich weiter verstärken.
  • Bargeld wird auch nach der Krise ein wichtiges Zahlungsmittel sein. Wie wichtig, darüber entscheiden auch Standort und Kundenstruktur.
  • SB-Kassen müssen räumlich aufgerüstet werden, Ablageflächen und genügend Privatsphäre beim Zahlen sind notwendig. Die Akzeptanz steigt, wenn Kunden dort problemlos an Zigarettenpackungen gelangen.
  • Für viele Menschen hat der Kontakt mit der Kassiererin, mit dem Kassierer auch eine soziale Funktion. Das hat sich in der Pandemie (noch) nicht geändert. Standort und Kundenstruktur sind maßgeblich.