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Interview zur Wiedervereinigung "Wir wurden nicht gefragt"

Markus Oess | 22. Oktober 2010

Beide sind in der DDR aufgewachsen, beide stehen einer ostdeutschen Konsumgenossenschaft vor. Petra Schumann von der Konsum Leipzig und Roger Ulke von der Konsum Dresden über Wiedervereinigung, Wendejahre und Wandel nach der Planwirtschaft.

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Die Zeit nach dem Mauerfall war abenteuerlich. Von blühenden Landschaften keine Spur. Zwei ostdeutsche Konsumgenossenschaften haben den Sprung in die Marktwirtschaft gemeistert. Wie, das erzählen Petra Schumann und Roger Ulke im LP-Gespräch:

Frau Schumann, wie haben Sie zehn Jahre Wiedervereinigung gefeiert?
Schumann: Wir hatten alle Hände voll zu tun. ... Wir haben nicht groß gefeiert.

Ulke: Ich kann mich auch nicht an große Feierlichkeiten erinnern. Damals arbeitete ich noch bei Jos de Vries. Damals hatte ich auch offen gestanden andere Prioritäten.

Frau Schumann, Konsum Leipzig ist deutlich älter als 100 Jahre, wie ordnen Sie die Zeit in der DDR ein?
Schumann: Wir haben vergangenes Jahr unser 125jähriges Jubiläum gefeiert und aus diesem Anlass zurückgeschaut auf unsere Gründung, die Kaiserzeit, Weimarer Republik, das Nazi-Regime und natürlich auch die Zeit als die Welt noch in zwei Blöcke geteilt war. Politisch ist zu dem Leben in einer Diktatur alles gesagt. Was den Alltag im Handel betrifft, mussten wir lernen mit dem Mangel zu leben. Wir hatten auch eine stattliche Anzahl von Nonfood-Geschäften. Damals wurden Warenfonds bilanziert und uns zugeteilt, innerhalb derer durften wir uns bewegen Wir genossen als Messestadt aber auch ein paar Privilegien, da die Läden zur Messe oder bei Turn- und Sportfesten ja die Aushängeschilder der Stadt waren. Es war manchmal auch hilfreich, an der Quelle zu sitzen, wenn zum Beispiel der Trabi streikte und in die Werkstatt musste.

Ulke: Die Läden waren damals ja nicht leer. Wir hatten einen Versorgungsauftrag, die Waren wurden zugeteilt und die EVP, also die Einzelhandelsverkaufspreise vorgeschrieben. Sie müssen aber sehen, dass wir im Gegensatz zu den bevorzugten, volkseigenen HO-Läden immer in privater Hand waren, also im Besitz der Mitglieder. Das rettete uns nach der Wende übrigens das Leben. Als mit dem Einigungsvertrag die Staats-Betriebe privatisiert wurden, konnte Konsum weitermachen.

Schumann: Auch in der DDR waren wir Trendsetter, zum Beispiel mit dem Modehaus Topas, dem Gewürzgewölbe, unserer Schmuck-Schatulle oder den Fischfachgeschäften. Wir verkauften den ersten Farbfernseher der Marke Colortron für 6.000 Mark. Das entsprach zehn Monatsgehältern!

Herr Ulke, was haben Sie gemacht als die Mauer fiel?
Ulke: Da war ich schon im Westen. Ich wurde 1989 ausgebürgert und versuchte zu der Zeit in Hagen Fuß zu fassen. Ich weiß nicht mehr genau, was ich gemacht habe. Ich weiß nur, dass ich ziemlich erschrocken war und es einfach nicht glauben wollte.

Warum wollten Sie die DDR verlassen?
Ulke: Uns ging es ja nicht schlecht, auch wenn wir nicht im Luxus schwelgten. Ich wollte einfach diese Gängelei, diese Unfreiheit nicht mehr mitmachen. Mir wurde mein Wunschstudium zum Grafiker aus politischen Gründen verwehrt und so reifte in mir der Entschluss zu gehen und ich stellte den Ausreiseantrag. Im April 1989 durfte ich nach vierjähriger Wartezeit mit 2 Koffern nach Gießen ausreisen.

Frau Schumann, haben Sie ihren Berufswunsch erfüllen können?
Schumann: Ich wollte eigentlich Medizin studieren, durfte aber nicht. Dann starb mein Vater und ich musste mich als älteste Tochter mit um die Familie kümmern. Ich fing 1975 beim Konsum an, absolvierte mein Studium und habe jetzt mehr als 35 Dienstjahre auf dem Buckel.

Sind Sie nach dem Mauerfall direkt in den Westen gefahren?
Ich konnte es nicht fassen, als ich Günter Schabowski, Sekretär des ZK der SED für Informationswesen, im Fernsehen sah, wie er die freien Ausreiseregelungen vom Papier ablas. Ich war vier Wochen später das erste Mal im Westen. Es war ein seltsames Gefühl.