Pilotprojekt von Lehmann Natur Mit Rabatt verkaufen sich gelbe Limetten fast dreimal so gut

Hintergrund

Viele Limetten scheitern an ihrer Farbe und an den geltenden ­Vermarktungsnormen. Ein Praxistest von Lehmann Natur zeigt, wie der Handel ihren Verkauf fördern kann.

Montag, 28. September 2026, 07:40 Uhr
Hedda Thielking
Im Pilot-Test boten Händler gelbliche Limetten in vier täglich wechselnden Szenarien an: keine Maßnahme, nur Information, nur Rabatt, Information plus Rabatt. Die Kombination aus Info-Plakat über gelbe Limetten plus Preisrabatt sorgte für den größten Absatz. Bildquelle: Lehmann Natur

Gelblich verfärbte Limetten schaffen es häufig nicht ins Obst- und Gemüseregal. In Kolumbien ist genau das ein Problem. „Rund 30 Prozent der Limetten konnten die Farmer nicht exportieren – manchmal, weil sie zu klein sind, aber oft auch wegen der Farbe“, berichtet Raphael Kennerknecht, Geschäftsführer von Lehmann Natur.

Nach der speziellen Vermarktungsnorm für Zitrusfrüchte (UNECE) dürfen je nach Sorte und Erzeugerland lediglich 20 bis 30 Prozent der Schale gelblich gefärbt sein. Kennerknecht ergänzt: „Hinzu kommt, dass etwa elf Prozent der Reklamationen des Handels auf eigene Vermarktungsstandards zurückzuführen sind. Für diese Früchte gibt es damit keine Chance auf den Export. Die Farmer müssen sie national zu einem schlechteren Preis vermarkten oder schlimmstenfalls vernichten.“

Dabei seien gelblich verfärbte Limetten keineswegs schlechter als grüne. „Die Früchte sind gelb, weil sie sich bei starken Niederschlägen am Tag der Ernte oder kurz davor verfärben“, erklärt Kennerknecht. Druck, Saftgehalt und Brix-Wert (Anteil an gelöstem Zucker) seien jedoch vergleichbar.

Vor diesem Hintergrund wagte Lehmann Natur im Rahmen des Breadcrumb-Projektes der Europäischen Union (siehe LP 7/2025 und QR-Code rechts) den Schritt aus der Theorie in den Supermarkt. Die EU-Kommission hatte das Breadcrumb-Projekt in Auftrag gegeben, um wissenschaftlich fundiert prüfen zu können, ob sie die Vermarktungsnormen anpassen sollte. „In einem Pilottest wollten wir herausfinden, wie wir einwandfreie Produkte einfacher verkaufen und den Kunden schmackhaft machen können – und so gleichzeitig Lebensmittelverschwendung vermeiden“, sagt Raphael Kennerknecht. Die Projektpartner Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production (CSCP) und der Forschungsdienstleister VLTN unterstützen Lehmann Natur wissenschaftlich.

Limetten im Pilottest

Viele interessierte Händler lehnten eine Teilnahme am Pilottest wegen personeller Engpässe ab, erinnert er sich. Schließlich beteiligten sich zwei Rewe-Märkte in Nordrhein-Westfalen. Vom 15. bis 28. April 2026, also an zwölf Verkaufstagen, boten sie gelblich verfärbte und reguläre grüne Bio-Limetten an. Lehmann Natur stellte die Früchte kostenlos bereit.

Die Märkte präsentierten die Früchte prominent am Markteingang und wechselten täglich zwischen vier Szenarien: Mal gab es keine Verkaufsförderung, mal Informationen zur gelben Färbung, mal 20 Prozent Rabatt auf gelblich verfärbte Früchte – und schließlich Information plus Rabatt. An Tagen mit Rabatt kosteten die gelblichen Limetten 31 Cent statt 39 Cent pro Stück.

Täglich passten die Mitarbeiter Plakate, Kistenaufkleber und digitale Preisschilder an die jeweiligen Szenarien an. Andere Limetten verschwanden für die Testdauer aus dem Sortiment. Die Kassendaten zeigten anschließend, wie Information und Rabatt den Absatz gelber Limetten beeinflussten.

Insgesamt landeten täglich durchschnittlich 30,7 grüne und gelbliche Limetten in den Einkaufswagen (siehe Grafik). Die Kombination aus Information plus Rabatt erzielte bei den gelben Exemplaren den höchsten Absatz: In diesem Szenario verkauften die Märkte durchschnittlich 12,5 gelbe Früchte pro Tag. Ohne jegliche Maßnahmen waren es durchschnittlich 4,7 Stück. Damit war der Absatz fast dreimal so hoch wie in der Kontrollgruppe.

Gelbe Limetten im Praxistest

Feedback der Märkte

Die tägliche Arbeit – einschließlich Fotodokumentation – erwies sich als gering: „Der Aufbau dauerte maximal zehn Minuten pro Tag“, berichtet Ursula Wintgens, Inhaberin von Rewe Wintgens in Bergisch Gladbach sowie Nachhaltigkeitsbotschafterin bei der Rewe. Allerdings räumt sie ein: „Während des Tests hätten wir den Platz teilweise lieber für Spargel und Erdbeeren genutzt.“ Zudem zeigte das Plakat die Limetten weniger gelb, als sie tatsächlich aussahen. Künftige Motive müssten die Limetten daher realistischer zeigen, resümiert Raphael Kennerknecht. Wichtig sei außerdem die persönliche Ansprache der Limettenkäufer.

Ausblick

Wie geht es weiter? Die beiden Projektpartner bereiten derzeit die wissenschaftliche Veröffentlichung des Pilottests vor. In weiteren Tests sollten die Partner prüfen, ob andere Aussagen oder Darstellungen eine ähnliche Wirkung erzielen. „Interessant wäre zudem, ob der Rabatt langfristig nötig ist oder Informationen ausreichen. Dafür müssten mehr Märkte teilnehmen“, so Kennerknecht.

Die Studienergebnisse sollen zudem in die Überprüfung der UNECE-Normen einfließen. Weniger strenge Vorgaben für die Gelbfärbung wären ein Meilenstein für die gesamte Wertschöpfungskette. Kennerknecht appelliert auch an die Handelsunternehmen, sich von ihren privatrechtlichen Anforderungen zu lösen. Solche zusätzlichen Kriterien könnten die Lebensmittelverschwendung bei den Produzenten weiter erhöhen, gibt er zu bedenken.

Im Rahmen des Breadcrumb-Projektes ist zusätzlich eine B2B-App geplant. Sie soll Unternehmen helfen, Überschüsse zu erfassen, passende Verwertungswege zu finden und sich mit anderen Unternehmen oder Verarbeitern zu vernetzen.

Brasilianische Kunden freuten sich bei Rewe Wintgens über gelbe Limetten, und in Portugal sind sie längst etabliert. Die geringe Akzeptanz in Deutschland könnte daher eher an Gewohnheiten als an der Qualität liegen. Ein Blick auf andere Märkte lohnt sich deshalb. Für kolumbianische Farmer könnte das bedeuten: weniger Ausschuss und bessere Preise. Und für alle: weniger Lebensmittelverschwendung.

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