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Ladenöffnungszeiten Allzeit verfügbar?

Sonja Plachetta | 09. Februar 2012

Bis wie viel Uhr sollten Verbraucher in Deutschland einkaufen können? Die Diskussion um die Ladenöffnungszeiten ist neu entbrannt.

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Einkaufen rund um die Uhr, an sieben Tagen die Woche – das ist in vielen Ländern möglich. Zum Jahresbeginn hat gerade erst Italien die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten erlaubt, um Binnenkonsum und Konjunktur anzukurbeln. In Deutschland dagegen, momentan vor allem in Nordrhein-Westfalen, ist das zeitlich nahezu unbegrenzte Einkaufsvergnügen in die Kritik geraten. Dort plant die rot-grüne Landesregierung Einschränkungen des Ladenöffnungsgesetzes (LÖG), das 2006 von der damals regierenden schwarz-gelben Koalition beschlossen wurde. Möglich ist, dass Geschäfte in Nordrhein-Westfalen von montags bis freitags wieder um 22 Uhr schließen müssen, samstags eventuell sogar schon um 20 Uhr. Derzeit dürfen sie werktags rund um die Uhr öffnen. Wohl noch vor Ostern will die Koalition sich darauf verständigen, inwieweit das LÖG geändert wird. Natürlich soll alles zum Wohl der Menschen – der Verbraucher und der Mitarbeiter – geschehen. Doch was wollen die wirklich?

Zusatzumsätze durch Spätöffnung

Die Grünen in NRW versuchen, das mittels einer Online-Befragung bis zum 4. März herauszufinden. Rewe-Chef Alain Caparros hingegen meint, dass die Verbraucher längst mit den Füßen darüber abgestimmt hätten, was sie wollen. Zwischen 20 und 24 Uhr erwirtschafte die Rewe-Group 12 Prozent ihres Gesamtumsatzes in NRW. Etwa 70 bis 75 Prozent der Märkte des Kölner Handelsunternehmens sind bis 22 Uhr geöffnet, 15 bis 20 Prozent bis 24 Uhr. Bei einer Umfrage der LEBENSMITTEL PRAXIS unter Händlern (siehe Grafiken) gaben 57,7 Prozent derjenigen, die bis 22 Uhr Kunden einlassen, an, dass ihnen die Spätöffnung Zusatzumsätze beschert – im Schnitt um 6,2 Prozent. Das heißt aber auch: Bei 42,3 Prozent hat sich der Umsatz nur verlagert.

Der Umsatz wird, auch wenn er aus kaufmännischer Sicht wesentlich ist, bei der Diskussion um die Ladenöffnungszeiten allerdings selten als Hauptargument ins Feld geführt. Zwar fürchtet der Handelsverband NRW eine Schwächung des Wirtschaftsstandorts, wenn Kunden daheim vor verschlossenen Türen stehen und dann in die Niederlande oder ins Internet ausweichen. Ulrich Dalibor, Bundesfachgruppenleiter Einzelhandel bei der Gewerkschaft Verdi, hält entgegen, dass sich durch die stetige Verlängerung der Ladenöffnungszeiten „die wirtschaftliche Lage des Einzelhandels nicht signifikant verbessert“ habe. Das bestätigt der Handelsverband Deutschland (HDE), weist aber darauf hin, dass lang geöffnete Supermärkte für die Kunden eine preisgünstige Alternative zum Tankstellenshop seien.

Der Mensch mit seinen modernen Lebens- und Konsumgewohnheiten wird bei dem Schlagabtausch also in den Mittelpunkt gerückt. Klaus Müller, Vorstand der Verbraucherzentrale NRW, befürwortet deswegen eine Liberalisierung. Flexible Ladenöffnungszeiten seien eine kundenfreundliche Anpassung an „veränderte Lebensumstände moderner Verbraucherhaushalte, wenn z.B. beide Eltern einer Familie berufstätig sind“. Dalibor von Verdi denkt dagegen mehr an die Mitarbeiter und unterstützt gesetzlich strikter geregelte Einkaufszeiten. Es müsse Ruhephasen geben, in denen Familien Zeit miteinander verbringen könnten und Raum sei für Kultur und Ehrenamt. Das sieht auch Edeka-Händler Stephan Stadler so, der mit seinem Geschäftspartner Hans-Jürgen Honner acht Märkte in Niederbayern, Straubing und München führt: „Unser ganzes Vereinsleben stirbt, wenn die Mitarbeiter dafür keine Zeit mehr haben. Wir haben zwölf Stunden am Tag geöffnet, das muss reichen.“ Seine Mit arbeiter seien erleichtert, dass sie nach 20 Uhr keinen Dienst mehr hätten. Längere Öffnungszeiten sind in Bayern aktuell nicht erlaubt. Und zumindest die Edeka Südbayern hält die derzeitige bayerische Regelung „alles in allem“ für ausreichend. Edeka-Kaufmann Konrad Kreuzberg aus Koblenz hat bis 21 Uhr geöffnet und findet: „Danach geht es in den unmenschlichen Bereich für die Mitarbeiter.“ Das kann HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth nicht nachvollziehen: „Wenn man bedenkt, dass in vielen Bereichen der Industrie durchgehende Schichtbetriebe an der Tagesordnung sind, ist es völlig unverständlich, warum ausgerechnet der Einzelhandel als einzige Branche in Deutschland so streng in seinen Betriebszeiten reguliert sein soll.“

Rewe-Händler Dietmar Tönnies aus Odenthal hat positive Erfahrungen mit den langen Öffnungszeiten gemacht. Seine Mitarbeiter schätzten die variablen Dienste. Auch die Rewe-Zentrale und Real heben die Vorteile flexibler Arbeitszeitmodelle hervor. So heißt es bei Real: „Eine spätere Schicht kommt z.B. Paaren mit Kinder entgegen.“ Ein Elternteil könne am Abend dazuverdienen, wenn der andere nach seiner regulären Arbeitszeit die Kinder betreue. Rewe-Chef Caparros sagte in einem Interview, es gebe doppelt so viele Bewerbungen für Spätstunden wie für normale. Dem stimmt man beim HDE zu: Die Arbeitnehmer profitierten von attraktiven Zulagen in den Abendstunden. Auch die Samstage sind bei Teilzeitkräften wie Studenten beliebt. Arbeiten dürfen sie dann trotzdem nicht immer. In Thüringen zum Beispiel müssen Händler ihren Verkäufern seit Jahresbeginn zwei freie Samstage pro Monat gewähren – egal, ob die Mitarbeiter das wünschen oder nicht.

Verdi kritisiert außerdem die Beschäftigtenstruktur im Einzelhandel. Minijobs und unfreiwillige Teilzeitverträge hätten zugenommen. Aus der Rewe-Zentrale heißt es dazu, die Quote der geringfügig Beschäftigten liege gemessen an der Mitarbeiterzahl bei rund fünf Prozent. Der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands NRW, Dr. Peter Achten, spricht von gut 38.500 Stellen, die seit Inkrafttreten des LÖG 2006 im Einzelhandel geschaffen worden seien, gut 25.700 davon seien sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse. „Wer die Ladenöffnungszeiten zurückdreht, gefährt diese Arbeitsplätze“, sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Genth. Das bestätigt der Essener Rewe-Händler Rolf Budow: „Für die Zeit nach 20 Uhr habe ich zusätzlich drei Mitarbeiter eingestellt, zwei Kassiererinnen und einen Securitymann. Sie wären bei verkürzten Öffnungszeiten wieder arbeitslos.“

Klar ist: Die Handelsunternehmen sind für eine Liberalisierung der Einkaufszeiten, auch wenn z.B. Lidl nicht plant, die Filialen länger zu öffnen. Und sie zeigen Einsatz. Schließlich fürchten sie, eine Einschränkung in NRW könnte Auswirkungen auf andere Bundesländer haben, weil die Ladenöffnungszeiten seit 2006 auf Länderebene festgelegt werden. Während Rewe-Chef Caparros die Idee der erneuten Regulierung in NRW nur verbal geißelt als „praxisfremd und altmodisch“, bemüht Tengelmann die Gerichte. Das Unternehmen hat Berufung eingelegt gegen die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Berlin, dass Kaiser’s-Filialen vor Sonn- und Feiertagen nicht bis 24 Uhr geöffnet haben dürfen, weil die Mitarbeiter sonst in den Feiertag hinein arbeiten müssten.

Weniger klar ist: Steht der Aufwand der Spätöffnung wirklich in Relation zum Nutzen? Immerhin 56 Prozent der Kaufleute, die ihren Laden bis 22 Uhr offen haben, verneinen dies in der LP-Handelsumfrage. Einige kritisieren die hohen Kosten für Personal und Security. Aber Heinz-Jürgen Frenster von Rewe Frenster in Ascheberg ist überzeugt: „Niemand wird einen Laden bis spät abends öffnen, der sich nicht rechnet.“ Tegut-Chef Thomas Gutberlet sieht das ähnlich.

„Die Kosten sind viel höher als der Ertrag“, beklagt jedoch ein von uns befragter Händler. Er gibt wie 26,9 Prozent der Kaufleute mit Spätöffnung (bis 22 Uhr) an, von seiner Zentrale zu eben dieser angehalten zu sein. Die Zentralen weisen das zurück. „Die selbstständigen Kaufleute entscheiden eigenständig darüber, ob und in welchem Umfang verlängerte Öffnungszeiten wirtschaftlich sinnvoll sind“, teilt etwa die Edeka-Zentrale in Hamburg mit. Es werde standortspezifisch auf Kundenwünsche eingegangen. Tatsächlich führen Händler, die aus Überzeugung erst um 22 Uhr schließen (38,5 Prozent), Kundenservice als Hauptargument an. Umsatzzuwächse, eine bessere Verteilung der Kundenströme über den Tag und Wettbewerbsvorteile sind weitere Gründe. Der späte Ladenschluss hat 61,5 Prozent der Befragten Neukunden gebracht. Doch auch der Wettbewerbsdruck spielt eine Rolle. 34,6 Prozent lassen ihr Geschäft nur deswegen lange auf. Darum dürfte die Vision von Rewe-Händler Jürgen Mück aus Haßfurt eine solche bleiben: „Am sinnvollsten wäre es, im Sommer bis 21 Uhr und im Winter bis 19 Uhr zu öffnen.“?