Der Handel leidet unter steigenden Kosten. Gleichzeitig agiert der Verbraucher zurückhaltend, schaut genau auf die Verkaufspreise. Das führt zu Verschiebungen in den Sortimenten. Die Konsequenz: „Das Ergebnis steht unter Druck.“ Mit diesen nüchternen Erkenntnissen begrüßte Stefan Lenk, Vorsitzender des Vorstands der mittelständischen Lebensmittel-Filialisten (MLF), die Kaufleute auf der Herbsttagung in Wiesbaden. Für die Industriepartner hat er die Botschaft, dass er deren aktuelle Herausforderungen genauso sieht.
Die mittelständischen Lebensmittel-Filialisten hatten zur dreitägigen Tagung gerufen. Und obwohl zur gleichen Zeit die Anuga in Köln lief, waren rund 400 Teilnehmer zum „Klassentreffen der Branche“ gekommen. Das Besondere: Auf den MLF-Tagungen treffen sich nicht nur alte Weggefährten und schwelgen in Erinnerungen, hier ist auch der Nachwuchs am Start. Der jüngste Teilnehmer (aus dem Haus eines Münsteraner Edekaners) lag sogar noch im Kinderwagen. Doch auch sonst war die Juniorengruppe stark, bei einigen Kaufleuten waren sogar drei Generationen vertreten.
Edeka Südwest zeigt Stärke
Vorstand Lenk betonte den Wert der Familie für die MLF-Gemeinschaft: „Wir denken in Generationen, nicht in Drei-Monats-Berichten.“ Ausrichter der Tagung waren diesmal zwei Kaufleute mit ihren Unternehmen: Uwe Georg und Ludwig Boßler, beide angesiedelt bei der Edeka Südwest. Dementsprechend stellte Patrick Mogck, Vorstandsmitglied bei der Offenburger Zentrale, die Besonderheiten seiner Region vor. Sein griffigster Satz lautete: „Bei uns geben die Kaufleute die Richtung vor.“ Die Zentrale der Südwestler bezeichnete er als „Dienstleister, nicht Regisseur“, jeder einzelne Markt sei „ein Unikat“. Dass die Region damit gut unterwegs ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Der Konzernumsatz betrug 2024 mehr als 8,31 Milliarden Euro. 450 Selbstständige betreiben derzeit 1.059 Flächen. Insgesamt laufen 1.116 Märkte unter der Edeka-Südwest-Flagge. Mogck stellte stolz heraus, dass 2024 acht Existenzgründer den Weg in die Selbstständigkeit angetreten haben.
Befreundete Kaufleute
Die Freiheit, von der Mogck berichtete, erlebt Uwe Georg. Ein Beispiel: Einer seiner sechs Märkte liegt in Bad Camberg – auf der Landkarte gehört er damit streng genommen ins Gebiet der Edeka Hessenring. Sein Unternehmen beschäftigt heute 400 Mitarbeiter und erzielt einen Jahresumsatz von 70 Millionen Euro. Der erfahrene Kaufmann hat vor 25 Jahren Ludwig Boßler gecoacht, als dieser seinen ersten eigenen Markt ins Laufen bringen wollte. Der Kollege kam aus der Regie und konnte die Ratschläge gut umsetzen. Seit dieser Zeit verbindet die beiden Händler eine tiefe Freundschaft, zudem kooperieren sie bei einigen Projekten. Boßler betreibt mittlerweile vier Märkte und realisiert einen Jahresumsatz von 62 Millionen Euro.
Auf der Bühne arbeiteten Georg und Boßler schnell ihre Gemeinsamkeiten heraus: Beide setzen auf Regionalität. Georg bezieht bis zu 30 Prozent seiner Frischware aus regionaler Erzeugung (siehe dazu ausführlich Marktrundgang auf den Seiten 34 bis 38). Sein Credo lautet: Regional geht vor bio. Er musste lang suchen, bis er einen Geflügel-Lieferanten aufgetan hatte, der beides bietet. Heute verkauft dieser Lieferant gut 1 Million Eier im Jahr in den Georg’schen Märkten – fast die gesamte Erzeugung des Biohofs. Zudem leiden beide – wie so viele andere Händler in Deutschland – unter der mangelhaften Infrastruktur. Genauer gesagt unter den Baustellen, die die Mängel beheben sollen. Ludwig Boßler bezifferte den Umsatzverlust, den eine Großbaustelle vor seinem Markt in Bad Kreuznach verursacht, auf mindestens 20 Prozent. Vergleichbare Strategien verfolgen die Kollegen auch, wenn es um Themen wie Mitarbeiterrekrutierung und -bindung geht. „Wir machen alles möglich, was geht“, berichtete Boßler.
Das Kongressprogramm griff aktuelle Themen auf. Moderator Michael Gerling kündigt Godo Röben als „Erfinder der fleischlosen Wurst“ an. Röben hat bei Rügenwalder die Transformation zur pflanzlichen Alternative vorangetrieben. Heute wirkt er in der Veggie-Branche als Investor und Coach. Er ist überzeugt: „Alle Wenden setzen sich durch“, und meint damit die Energie-, Mobilitäts- und Ernährungswende. Allerdings brauche eine solche Wende Zeit, er sprach in Wiesbaden von 50 bis 60 Jahren. Die Bewegung zu alternativen Proteinen sei noch jung, brauche noch einige Jahre. Schon in den nächsten vier Jahren werde sich der Geschmack der Produkte signifikant verbessern, betonte der Visionär. Zudem stammten die Rohstoffe zunehmend aus deutschem und sogar regionalem Anbau, die Zutatenliste werde immer kürzer („clean label“). Röben bescheinigte den pflanzlichen Alternativen eine prosperierende Zukunft. Schon jetzt zählen sich nach seinen Aussagen 46 Millionen deutsche Verbraucher zur Gruppe der Flexitarier, die zeitweise auf Fleisch verzichteten. Karsten Pabst, geschäftsführender Gesellschafter bei Hieber, relativierte diese Einschätzung in der anschließenden Podiumsdiskussion. Bei einem Fest, das sein Unternehmen ausgerichtet habe, wurde ein Ochs am Spieß gebraten, 500 Kilogramm schwer. „Um 15 Uhr war der Ochs aufgegessen“, berichtete Pabst. Von der vegetarischen Alternative hingegen habe man gerade mal 100 Essen verkauft. Trotzdem sei die Zielgruppe der Flexitarier weiter „hochspannend“.
Trends aus Asien
Dr. Johannes Steegmann, Chef bei Eat Happy, sprach vom „großen Wachstum bei frischen und gesunden Lebensmitteln, Convenience- und To-go-Produkten“. Die Shops in den Märkten profitierten von dieser Entwicklung. Steegmann stellte Trends vor, die Eat Happy aufgreift: Sushi mit Fleisch (wie Roastbeef oder Ente) oder mit geschmolzenem Käse, alternativ mit Crunch und Chili-Öl. Zudem Sushi mit höherwertigem Belag als üblich, etwa Lachs, Avocado, Minze und Kaviar oder Pastrami, grünem Spargel und Teriyaki-Sauce. In Japan seien aktuell Onigiri beliebt, Reis-Dreiecke, die in ein Noriblatt gewickelt sind.
Eat Happy fährt derzeit in Bonn einen spannenden Test bei Edeka Vogl: Morgens produzieren die asiatischen Mitarbeiter im Shop Sushi und Co., nachmittags schneiden sie Obst und Gemüse. Nach Steegmanns Angaben können sie das meisterhaft, weil „Obstschnitzen“ Teil der asiatischen Kultur sei. Diese Fresh-Cut-Früchte liegen in einer separaten Truhe und bieten eine gute Qualität, wie Mitinhaber Benjamin Vogl bestätigte. Eat Happy rekrutiert seine Mitarbeiter direkt in Asien.
