Interview mit Thomas Gutberlet „Tegut passt zur Kernstrategie“

Tegut steht in der Schweiz als Verlustbringer der Migros in der Kritik. Tegut-Chef Thomas Gutberlet erklärt im Interview mit LP-Redakteur Matthias Mahr, warum die deutsche Supermarktkette gut zur Strategie der Migros passe – und welche Bedeutung die übernommenen 19 Basic-Märkte für Tegut haben.

Freitag, 28. Juni 2024 - Management
Matthias Mahr
Artikelbild „Tegut passt zur Kernstrategie“
Bildquelle: Jonas Wenzel

LP: Die Neue Züricher Zeitung (NZZ) schreibt vom Millionengrab namens Tegut. Das Deutschland-Abenteuer der Migros Zürich werde zum Fiasko. Wie sehen Sie die aktuelle Lage bei Tegut? Schreiben Sie dieses Jahr wieder rote Zahlen?
Gutberlet: Wir hatten vergangenes Jahr ein gewisses Wachstum. Ab Dezember 2023 haben wir die ehemaligen Basic Märkte integriert. Dieses Jahr haben wir bislang ein leichte Erhöhung unserer Umsätze ohne die Basic-Märkte, und mit den neuen Märkten in Bayern liegen wir natürlich etwas deutlicher im Plus. Wir denken, dass sich das in der zweiten Jahreshälfte noch positiver entwickelt, weil die Basic-Märkte Stück für Stück anziehen werden. Zu genauen Zahlen sagen wir nichts.

Was lässt Sie so sicher sein, dass die Entwicklung der einst reinen Bio-Märkte zum Tegut Supermarkt  im Raum München positiv verläuft?
Wir haben die Basic-Märkte im ersten Halbjahr umgebaut.  Das hatte Schließungen zur Folge und die eine oder andere Kundenverwirrung. Die Münchner Basic-Kunden mussten sich erst mal mit dem Tegut-Angebot neu anfreunden. Das kannten sie seither ja nicht. Und auch die Kunden, die vorher gar nicht bei Basic gekauft haben, da sie nicht in den reinen Bioladen gehen wollten oder es aus Budgetgründen nicht konnten, müssen wir jetzt erst für uns gewinnen.

Wie wollen Sie die Oberbayern zu begeisterten Tegut-Kunden machen?
Wir müssen die Kunden jetzt an uns heranführen und zeigen, was Tegut ausmacht, was das Besondere an Tegut ist. Unsere Zweiseitigkeit müssen wir voranstellen: Bei uns gibt es Artikel für den täglichen Bedarf, übrigens auch zum Discountpreis, aber eben auch den hochwertigen Bioartikel. Das ist wahrscheinlich für den 100-prozentigen Biokunden nicht so attraktiv, aber diese Gruppe in der Bevölkerung ist auch nicht so groß.
Der größte Teil der Bevölkerung kauft selektiv und schaut genau hin. Wann ist Bio den Preis wert, wann ist Bio den Preis nicht wert? Oder wann möchte ich die Marke bzw. lieber ein regionales Produkt im Warenkorb haben? Das ist bei jedem Kunden immer ein bisschen individuell. Da sehen wir uns bei Tegut sehr gut aufgestellt.

Zurück zur Migros und Großwetterlage in der Schweiz. Die Migros ist im Minus und in Zürich schrillen die Alarmglocken. Warum hält die Migros ihrer Meinung nach an Tegut fest?
Zunächst einmal muss man richtigstellen: Weder Migros national noch GMZ haben einen Verlust ausgewiesen. Lediglich die GMZ-Gruppe weist einen negativen Abschluss aus. Außerdem hat sich die Migros dazu sehr klar geäußert. Wir haben gerade ein neues Logistikzentrum mit rund 90.000 qm Betriebsfläche in der Nähe von Fulda in Betrieb genommen - eine riesige Investition im zweistelligen Millionenbereich.  Das ist alles sehr langfristig organisiert. Die Migros ist langfristig orientiert. Das Engagement bei Tegut passt klar zur Kernstrategie der Migros, nämlich Lebensmittel und Lebensmittelverkauf. Darauf möchte sich unser Mutterkonzern wieder konzentrieren. Das ist auch der Grund dafür, warum die Migros derzeit Strukturen bereinigt. Die Migros möchte weniger stark für andere produzieren, sondern da, wo sie Eigenmarken produzieren, das auch wieder stark für sich selbst machen, stark fokussiert auf ihr Kerngeschäft. Das heißt, alles, was ihren Supermarkt-Märkten hilft. Wir sind ein Teil dieser Supermärkte, insofern sind wir Teil der Kernstrategie. Wir fühlen uns hierfür sehr gut aufgestellt.

Sie sehen sich als Teil des Migros-Kerngeschäfts. Ist die Übernahme der Basic Märkte auch deshalb seitens der Züricher Mutter durchgewunken worden?
Die Übernahme von 19 Märkten ist in unserer Größenordnung nicht einfach. Die Kollegen aus dem Handel, die Real-Märkte übernommen haben, haben auch zwei Jahre nach der Übernahme noch gekämpft, bis die Strukturen gepasst haben. Die Umstellung ist immer ein Kraftakt, das haben wir damals, als wir die Tengelmann Märkte übernommen haben, auch schon erlebt.

Das ist demnach kein Selbstläufer?
Nein, das ist es nicht. Die Basic-Märkte wurden nicht verkauft, weil alles bestens war. Wenn man ein Unternehmen erwirbt, das vorher in einer wirtschaftlich schwierigen Situation war, ist dort garantiert nicht die besterhaltene Infrastruktur im Hintergrund. Das ist zunächst Aufwand, das ist jedem bei uns klar. Aber wir sind fest von der Übernahme überzeugt. Das steigert den Unternehmenswert, weil wir jetzt in München auf einem Schlag präsent und das nicht mühsam über Jahre aufbauen müssen. Das ist viel effizienter.

Aber auch viel teurer?
Kurzfristig gesehen, ja. Jede neue Filiale macht Anlaufverluste, diese haben wir nun von mehreren Märkten auf einen Schlag. Wir haben jetzt jedoch eine Marktpräsenz, können unsere Logistik ausrichten, ebenso das Marketing. Und wir können eine ordentliche Personalstruktur in der Region fahren. Schon mittelfristig ist das einfach der wirtschaftlich bessere Weg, das so zu machen.

Bis wann rechnen Sie mit steigenden Umsätzen?
Natürlich gehen erstmal die Umsätze bei den neu hinzugekommenen Märkten ein bisschen runter, da wir den einen oder anderen Stammkunden verlieren. Wir sind jetzt in Südbayern mit Marketingmaßnahmen und unterschiedlichsten Aktionen unterwegs und schauen, dass wir mit der ordentlichen Zahl von 13 Märkten im Stadtgebiet München und im Umland Augsburg, Ingolstadt sowie Landshut mit weiteren Märkten in der Region die Kunden abholen, um  Geschäft auf- und auszubauen. Die ersten ein, zwei Jahre sind erstmal Aufwand. Davon gehen wir aus.

In Bayern ist Tegut mit Wucht angekommen. Bremst diese Investition jetzt weitere neue Filialeröffnungen aus?
Nein, wir planen noch einiges. Wir haben Wiesbaden, München, Bischofsheim und Zell am Main bereits dieses Jahr an den Start gebracht und eröffnen in den kommenden Monaten noch in Böblingen sowie ein weiteren Markt in Frankfurt in der Bergerstraße. Voraussichtlich können wir dieses Jahr auch noch mit Frankfurt-Bockenheim, Abenberg und Seligenstadt neue Standorte feiern. Unabhängig davon investieren wir in diesem Jahr rund 30 Millionen Euro in Neueröffnungen und Revitalisierungen.

Wie sehen Sie die Zukunft von Tegut?
Wir sind ja nicht auf die Idee gekommen, Basic zu übernehmen, um auch eine Bio-Supermarktkette zu betreiben. Das ist nicht die Zukunft, glaube ich. Die Kunden erwarten ein gutes, gemischtes Sortiment und auch Bio-Anteile zu attraktiven Preisen. Deshalb gibt es bei uns überall Tegut-Bio zum kleinen Preis. Das haben wir schon. Das ist bei uns normal. Auch andere Bio-Supermärkte gehen derzeit in den Preiseinstieg mit eigenen Marken. Wir haben schon vor drei Jahren eine eigene Preiseinstiegsmarke eingeführt.

Die Discounter jagen Tegut zurzeit Marktanteile ab. Ist Ihr Geschäftsmodell in Gefahr?
Nein, aber wir brauchen auf der Discountebene ein entsprechendes Angebot. Wir haben mittlerweile fast 200 Artikel in unseren Regalen, die wir zum Thema „Bio zum kleinen Preis“ anbieten. Gerade diese hybride Form mit dem hohen Bioanteil sowie hohen Qualitäten, gibt unseren Kunden die Möglichkeit zu sagen, hier bei der Milch möchte ich die günstige Variante haben, aber ich möchte auch einen tollen Rohmilch-Brie haben. Gleichzeitig greift unser Kunde beim Toilettenpapier zum Discountartikel. Ich denke, diese Spannweite im Konsumentenverhalten, die bilden wir extrem gut ab, und da sehen wir uns auch für die Zukunft gut aufgestellt.