Anuga Der Preis wird heiß

Vorherrschendes Thema auf der Anuga in Köln: steigende Preise für Rohstoffe, Verpackungsmaterial und Logistik. Preiserhöhungen scheinen unvermeidbar, der Handel müsse mitziehen, meinen viele Aussteller. Der Verbraucher ist ohnehin für die steigenden Kosten sensibilisiert und zeigt sich in der Nach-Corona-Phase extrem preisorientiert.

Montag, 15. November 2021 - Management
Jens Hertling, Andrea Kurtz, Reiner Mihr, Heidrun Mittler
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Bildquelle: Koelnmesse GmbH; Uwe Weiser

Die gesamte Lebensmittelbranche habe nach den Lockdown-Monaten einen Kater. Und der Kater sei noch lange nicht ausgestanden. Dr. Tobias Wachinger, Senior Partner bei McKinsey, sprach bei seiner Keynote zur Tiefkühl-Gala (siehe Seite 28) auf der Anuga deutlich aus, was den Kunden in den kommenden Monaten am meisten beschäftigen wird: der Preis nämlich. Quer durch alle Einkommensstufen werde eine starke Preisorientierung einsetzen, denn während seit 2020 größere Anschaffungen zurückgestellt wurden und vorrangig Lebensmittel gekauft werden mussten, rückten jetzt langsam auch wieder nötige Anschaffungen wie Möbel oder Elektrogeräte in den Vordergrund. Lebensmittel rutschen aus dem Fokus, meint Dr. Wachinger; die Konsumenten entwickelten derzeit die Auffassung, doch wieder auf den Preis gucken zu müssen. Rund 30 Prozent der Kunden in einer aktuellen Umfrage von McKinsey sagen jedenfalls „ich habe jetzt so viel Geld für Lebensmittel ausgegeben, jetzt spare ich hier wieder etwas“. Zusätzlich schlügen jetzt die Inflation, die steigenden Kosten für Energie sowie Transport in den Köpfen von Kunden und Unternehmern zu Buche. „Es hat uns am meisten überrascht, wie dominant das Thema Preis in den Köpfen der Geschäftsführer von Herstellern und Händlern, aber auch der Kunden ist,“ sagt er.

Kostendruck nimmt zu
Diese Realität ist bei den Herstellern längst angekommen. Steigende Preise auf allen Ebenen und damit deutlich steigende Lebensmittelpreise in den nächsten Monaten seien unumgänglich, so der Grundtenor der Anuga-Aussteller aller Branchen. Die Kosten für Rohstoffe wie Getreide, vor allem Weizen, Zucker, Palmöl sowie für Verpackungsmaterial, allen voran Papier, sind explodiert; dazu kommen noch höhere Kosten in der gesamten Logistik.

Der Handel muss mitziehen
Ohne deutliche Preissteigerungen, die auch schweren Herzens an die Kunden weitergegeben werden müssten, sei das Jahr 2022 nicht denkbar, sagen die ausstellenden Unternehmen fast unisono. Die Einkäufer im Handel hätten das erkannt, heißt es. Aber ob diese tatsächlich auch höhere Verbraucherpreise ohne Widerstand zuließen, bleibt zumindest fraglich. „Der Handel wird selten ein erhöhtes Preisniveau für das gesamte nächste Jahr akzeptieren“, meint Mirko Warschun, Leiter Konsumgüter und Handel Europa bei Beratungsunternehmen Kearney. Denn wie lange die angespannte Kostensituation so bleibe, sei schließlich unklar.

Teures Öl, Teure Nüsse
„Planen war gestern.“ Hans Günter Trockels von Kuchenmeister sprach aus, was die meisten Hersteller in den vergangenen Monaten erfahren hatten. Rohstoffengpässe, gestiegene Preise für Verpackungen: Es werde 12 bis 18 Monate dauern, ehe sich die Lage wieder normalisiere, meint er. Allein Rapsöl sei nahezu um 80 Prozent teurer geworden.

Mehrere Hersteller hätten Preiserhöhungen angekündigt, bestätigt Distributeur Genuport, der mit seinen über 50 Marken nah am Puls nationaler und internationaler Hersteller von Süßwaren, Gebäck, Frühstücksprodukten, Sportlernahrung, aber auch Tiefkühlkost, Eis sowie Feinkost ist. Dazu kämen die Bemühungen um nachhaltige Verpackungen, in die derzeit alle Branchen investieren würden.

Auch Seeberger hält Preiserhöhungen für unumgänglich, allein schon, weil Cashewnüsse und Mandeln, die vorwiegend aus Kalifornien stammen, deutlich teurer geworden sind. Dies sei auch schon im Bewusstsein des Handels angekommen, meint Marketingleiter Joachim Mann optimistisch.

„Wir werden um Preiserhöhungen nicht herumkommen“, so Claus Cersovsky und Peter Riegelein, die Geschäftsführer von Rübezahl Schokoladen. Das sei das Gebot der Stunde. Energie, Verpackungsmaterial, Öle, Milchpulver, Nüsse, Rosinen, Zucker und auch Kakao: Nach dem Preis dafür dürfe man oft gar nicht mehr fragen, man brauche die Rohstoffe ja. Die Preiserhöhungen könnten durchaus drastisch ausfallen, meint Riegelein. Erst 2022 könnte sich die Lage wieder entspannen.

Differenzierte Lage bei Fleisch
Auf dem europäischen Markt gebe es zurzeit ein deutliches Überangebot an Schweinefleisch, erläutert Alexander Simon, Geschäftsführer von Simon-Fleisch, den Tenor bei Anuga Meat. „Insbesondere ist die Nachfrage aus China für europäisches Schweinefleisch in den letzten Monaten stark rückläufig, und somit drückt nicht nur aufgrund der Exportsperre die deutsche Ware in den europäischen Markt, sondern auch das Fleisch anderer europäischer Schweinefleischexportnationen wie Spanien, Dänemark oder die Niederlande“, beschreibt er. Hauptthema in den deutlich weniger als 2019 besuchten Messehallen für Fleisch war, neue Absatzwege für die Nebenprodukte des Schweins zu finden, da die klassischen Vertriebswege in den asiatischen Raum seit dem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland versperrt sind.

Die Entwicklung des Schweinepreises stehe aber im vollkommenen Gegensatz zu der Entwicklung anderer Rohstoffe. „Während der Schweinepreis seit Wochen nur fällt, steigen die Preise für andere Rohstoffe kontinuierlich an und erreichen wie zum Beispiel Strom und Gas bis dahin nicht gekannte Spitzenwerte“, bestätigt Simon auch für seine Branche. Seine Lösung: „Durch langfristige Beschaffungsstrategien mit Tranchenmodellen versuchen wir, solche Rohstoffpreisentwicklungen etwas abzufedern.“

Die Engpässe bei den Rohstoffen für Verpackungen sind auch für Ludger Paus, Sales Manager Ekro B.V. der Van Drie Group, extrem herausfordernd. „Momentan ist es sehr schwierig, die von uns benötigten Verpackungen rechtzeitig zu erhalten“, sagt er. „Bislang ist uns das gelungen, aber wir müssen unser Bestes geben.“ Auch die Energieversorgung wird bei der Van Drie Group intensiv unter die Lupe genommen. „Wenn wir die Energiegewinnung optimieren können, tun wir das – zum Beispiel durch Sonnenkollektoren oder den Austausch von Wärme zwischen unseren verschiedenen Unternehmen“, erläutert Paus.

Aussteller durchweg zufrieden
Sie fände es richtig, dass die Anuga den Impuls zur hybriden Messe gesetzt habe, sagt Prof. Dr. Ulrike Detmers (Mestemacher) stellvertretend für viele der Aussteller. „Wir können ja nicht ewig in der Starre bleiben.“ Die Messe sei für Van Drie außergewöhnlich gut verlaufen, sagt Ludger Paus sogar – denn es habe mehr Zeit gegeben, weil die Besucher mehr über die Tage verteilt an den Stand gekommen seien. „Auch wenn im Vergleich zu früheren Editionen deutlich weniger Besucher unterwegs waren, so stach doch deren Qualität besonders hervor“, ergänzt Joris Coenen, Manager des Belgian Meat Office. „Der Weg in die Rheinmetropole hat sich gelohnt.“