Roger Ulke, Konsum Dresden Basisdemokratisch

Konsum Dresden behauptet sich als regionaler Händler in einem gnadenlosen Wettbewerb. Wie das gelingt, welche Pläne man für die Zukunft hat und welche Rolle die Konsumgenossenschaft dabei spielt, erläutert Vorstandssprecher Roger Ulke.

Freitag, 26. Februar 2021 in Management
Heidrun Mittler
Artikelbild Basisdemokratisch
Bildquelle: Konsum Dresden

Herr Ulke, wie läuft das Geschäft aktuell im zweiten Lockdown?
Nicht schlechter als im ersten! Märkte, die in Centern oder in der Innenstadt liegen, verzeichnen bei uns keinen Zuwachs. Aber alle Märkte, die als Nahversorger dienen – also dort sind, wo die Menschen leben und arbeiten –, laufen derzeit sehr gut.

Laut der Medien gibt es in Dresden und Umgebung eine politisch extreme Szene. Haben Ihre Mitarbeiter Schwierigkeiten mit Maskenverweigerern und Corona-Leugnern?
Das wird von den Medien gehypt und oft übertrieben dargestellt. Ich persönlich kenne genau einen Maskenverweigerer – und glauben Sie mir, ich kenne viele Leute. Unsere Mitarbeiter haben mit Corona-Leugnern keine größeren Probleme als unsere Mitbewerber im Westen Deutschlands.

Sie betreiben seit Kurzem einen Onlineshop. Eine direkte Auswirkung der Corona-Pandemie?
Wir hatten schon einen Onlineshop, den wir aber 2006 wieder eingestellt haben, weil er den Sprung in die Rentabilität nicht geschafft hat. Aber wir haben immer einen Lieferdienst betrieben und dem Konsumenten die Einkäufe nach Hause gebracht. In Quarantänezeiten wurde der Ansturm telefonischer Bestellungen zu groß. Deshalb haben wir den Shop kurzerhand wieder auf neue Beine gestellt.

Im Onlinehandel kommt der Kunde nicht zu Ihnen, sondern Sie zum Kunden. Mussten Sie Prozesse umstellen?
Bei uns ist die Basis das Selber-Einkaufen, wir haben keinen separaten Markt und kein eigenes Lager fürs Onlinegeschäft. Derzeit erledigen Mitarbeiter die Einkäufe in unserem größten Markt. Mit drei Autos fahren wir die Ware aus.

Können Sie heute mit dem Onlinegeschäft Geld verdienen?
Wir erreichen damit eher eine schwarze Null. Dazu gehören zwingend die hohen Bons, ohne die man im Onlinehandel nicht leben könnte. Das Liefern ist gleichzeitig eine Verpflichtung gegenüber unseren Mitgliedern: Der Konsum bringt ihnen Lebensmittel, wenn sie diese selbst nicht holen können.

Welchen Umsatzanteil peilen Sie im Onlinegeschäft an?
Wir sprechen über ein kleines Zubrot, das wird in den nächsten fünf Jahren nicht über zwei, drei Prozent hinauswachsen.

Während der Pandemie kochen die Kunden mehr als zuvor, viele haben aber weniger Zeit. Kochboxen liegen zum Beispiel im Trend. Wie reagieren Sie auf diese Entwicklung?
Es ist eine logistische Herausforderung, solche Pakete zu packen. Das Personal, das man dafür benötigen würde, bringt uns im Moment mehr, wenn es an der Theke bedient. Den Trend zum Kochen kann ich bestätigen. Das Erschreckende dabei ist, dass die Menschen immer weniger darüber wissen. Oft sehe ich Kunden an der Fleischtheke, die nichts mit der Ware anfangen können. Mehr Aufklärung von unserer Seite ist erforderlich und gewünscht.

Wie wirkt sich die Pandemie auf Ihre Imbisstheken aus?
Katastrophal, die Imbisstheken haben derzeit ein Umsatzminus von 40 Prozent gegenüber der Zeit vor Corona.

Sprechen wir über den Kern Ihres Geschäfts, die Konsumgenossenschaft. Sie haben mehr als 21.000 Mitglieder, die in bestimmten Gremien mitentscheiden können. Wie wirkt sich das auf Ihre eigene Arbeit aus?
Äußerst positiv! Wenn der Vorstand und die Vertreterversammlung (also das höchste Gremium der Mitglieder) gemeinsam eine Entscheidung getroffen haben, dann wird sie von vielen Schultern getragen und die Beschlüsse werden durchgezogen. Trotz aller Abstimmungsprozesse sind wir wesentlich schneller als die meisten anderen, größeren Unternehmen, die wir in der Branche haben. Die Konsumgenossenschaft bietet eine basisdemokratische Art zu handeln. Wir sind nah dran am Kunden, sicherlich näher als andere Handelsunternehmen.

Sie handeln überdurchschnittlich viele regionale Produkte. Ist das auch ein Resultat der Mitgliederentscheide?
Auf alle Fälle tragen die Mitglieder die Regionalität mit. Wir bedienen Ansprüche, die der Discount nicht bedient. Wir haben viel Bio-Ware im Sortiment und natürlich regionale sowie Premium-Produkte.

Sie führen 153 Weine aus Sachsen. Gibt es Sortimente, in denen Sie noch mehr Regionalität anstreben?
Wir versuchen grundsätzlich, das Thema Regionalität auszubauen. Wir prüfen, was angeboten wird. Aber nicht jeder lokale Gärtner ist geeignet, uns zu beliefern, er muss auch die entsprechenden Zertifizierungen nachweisen können. Die Ware muss unseren Qualitätsstandards genügen. Dazu sind wir eng im Dialog mit der Vorstufe, also den Großhändlern, um das auszubauen.

Sie setzen also intensiv auf Anbauverträge?
Ja, wir schließen Kontrakte über Mengen, die wir in den nächsten Jahren beziehen. Das ist wichtig für uns, aber auch für die Erzeuger, die somit eine gesicherte Absatzquelle haben.

In Dresden und Umgebung stehen Sie in einem beinharten Wettbewerb mit anderen Handelsunternehmen. Können Sie als regionales Handelsunternehmen im Preiswettbewerb mithalten?
Unser Hauptlieferant ist die Bela (Bartels-Langness), damit sind wir Nutznießer der Verhandlungen mit RTG (Retail Trade Group). Dadurch können wir das Standardsortiment preiswürdig abbilden. Wir führen übrigens auch eine Preiseinstiegs-Schiene mit 400 Artikeln. Aber lassen Sie uns noch mal auf den Wettbewerb zurückkommen …

Der in Dresden besonders heftig ist …
Der Wettbewerb ist erdrückend. In Dresden und dem umgebenden Speckgürtel gibt es allein 220 Discounter und zum Beispiel 13 Kaufländer, viele Rewe- und Edeka-Märkte und bald ein Globus-SB-Warenhaus.

Und trotzdem eröffnen noch weitere Märkte?
Ja, die Stadt ist froh, wenn sie Baulücken schließen kann. Der einzige Partner, der eine Immobilie rechenbar macht – man kann in der Innenstadt derzeit nicht alles vermieten oder verkaufen –, sind expandierende Lebensmittelhandelsketten. So versucht man, den Standort zu refinanzieren. Das macht für uns Händler keinen Sinn mehr, dabei verdient auch kein Rewe- oder Edeka-Markt Geld.

Also sind diese neuen Märkte eher eine Geldanlage?
Ja, das ist in Dresden besonders ausgeprägt, weil die Stadt die Neubauten zulässt.

2019 haben Sie einen Umsatz von 112 Millionen Euro gemacht – wenig, wenn man das mit nationalen Konkurrenten vergleicht. Wie lange trägt das regionale Konzept die
Konsumgenossenschaft in die Zukunft?
Der Verbraucher vertraut uns, das hat sich gerade in der Krise wieder gezeigt. Im letzten Jahr konnten wir den Umsatz um 10 Millionen auf 122,2 Millionen Euro steigern. Kein Wunder: Wir gehören zum Kiez, die Läden sind sauber, mit allen Hygienevorrichtungen ausgestattet, die Mitarbeiter immer ansprechbar.