Verpackungen Viel zu viel Luft

Überdimensionierte Transportverpackungen mit voluminösem Füllmaterial auf Groß- und Einzelhandelsebene, übergroße Umverpackungen in den Regalen. Das ärgert nicht nur Händler und Kunden, es belastet auch die Umwelt. Geht es auch anders?

Freitag, 12. Februar 2021 in Management
Silke Wartenberg
Artikelbild Viel zu viel Luft
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Mehr als 30 Prozent aller Warensendungen enthalten mehr Luft als Inhalt, meldet Arvato Bertelsmann 2020 in der Studie „Verpackungstrends im Onlinehandel“. Häufig sind bis zu 60 Prozent Luft in Versandverpackungen, und auch die Auslastung von Transportbehältnissen wie Paletten und Collis sehen nicht viel besser aus. Die teilweise geringen Auslastungen summieren sich bis in den Lkw. Aber auch der stationäre Handel kennt das Dilemma: zu viel Luft in Endverbraucherverpackungen und neuerdings auch beim Lieferservice. Die häufigsten Fehler, die Hersteller und Händler bei der Wahl der Verpackungsgröße machen, sehen Experten darin, dass das Thema Verpackung häufig unterschätzt wird. Für Hersteller ist es notwendig, frühzeitig – das bedeutet bei der Auswahl von Produkten – auch die entsprechenden Verpackungsanforderungen festzulegen. Dazu müssen sie einschätzen und festlegen, welche Anforderungen die Produkte an die Verpackung stellen. Beispielsweise wie empfindlich die Produkte sind, für welche Produktgewichte die Verpackung ausgelegt sein muss, welche Herausforderungen es hinsichtlich der Versandwege gibt und schlussendlich, was die Kunden erwarten.

Und eine ausführliche Beschäftigung mit dem Thema lohnt sich: Hat sich ein Händler für seinen neuen Lieferdienst oder ein Hersteller erst einmal für unzureichende Verpackungssortimente entschieden, ist mit erheblichen Mehrkosten im Einkauf und den innerbetrieblichen Abläufen wie Beschaffung, Lagerung, Kommissionierungen und Logistik zu rechnen. Außerdem ist davon auszugehen, dass Händler dadurch mit erhöhten Transportkosten, Reklamationen und unzufriedenen Kunden zu kämpfen haben.

Gründe für überdimensionierte Verpackungen
„Viele Hersteller sind zu einseitig fokussiert auf vermeintlich effiziente Packprozesse“, sagt Verpackungsberater Michael Bodemer. „Damit verbinden sie ein stark standardisiertes Verpackungssortiment mit zu wenigen unterschiedlichen Verpackungsgrößen. Diese wenigen Verpackungsgrößen können die Produktanforderungen nicht optimal abbilden.“ Darüber hinaus liege ein weitverbreiteter Grund in der falschen Methodik bei der Auswahl von Verpackungsgrößen. Häufig orientieren sich die Verpackungsgrößen an den jeweils größten Produkten. Dieses Format werde dann auch für die nächstkleineren Produkte verwendet – ohne Berücksichtigung der Bestellmengen. Das wiederum führt dazu, dass ein kleineres Produkt trotz hoher Auftragsmengen immer in der zu großen Verpackung verschickt wird.

Beide Fälle führen unweigerlich zu erheblich mehr Luft in der Verpackung. Dieser Leerraum muss dann mit diversen Füllmaterialien nachträglich gefüllt werden. Dadurch verliert der Hersteller Prozess- und Materialeffizienz, und das führt zu erheblichen Mehrkosten.

Für die Festlegung „idealer“ Verpackungsgrößen sollte eine systematische Analyse des Produktsortiments und des Auftragsverhaltens der Kunden erfolgen. Dazu ist es notwendig, das Produktportfolio nach entsprechenden Eigenschaften und Anforderungen zu clustern, beispielsweise anhand von Produktgrößen oder Produktsensibilität. Anschließend ist es notwendig, die Verteilung entsprechend der Kundengruppen und des Bestellverhaltens durchzuführen. Auf Basis dieser Cluster und der analysierten Bestellverhalten werden die Verpackungsgrößen festgelegt. Es gilt, die Extreme „Eine Verpackung für alle Produkte à la geringste Verpackungsvielfalt, aber größter Materialverbrauch und meiste Luft in der Verpackung“ oder „Für jedes Produkt eine Verpackung à la geringster Materialverbrauch und geringste Luft in der Verpackung, aber größte Verpackungsvielfalt“ zu vermeiden. Das optimale Verpackungssortiment liegt je nach Hersteller dazwischen. Es bedürfe einiger Erfahrung und der geeigneten Methodenkompetenz, um diesen sogenannten Break-even-Point festzulegen, erklärt Bodemer.

Fragen an Dipl.-Ing. (FH) Michael Bodemer, unabhängiger Verpackungsberater
Welche Tipps geben Sie Lebensmittelhändlern, die neu in das Liefergeschäft einsteigen?
Michael Bodemer: Die Auswahl an unterschiedlichen Verpackungsmaterialien und Verpackungsarten ist extrem groß. Fast jeden Tag gibt es neue Meldungen über „neuartige“, innovative Konstruktionen und/oder besonders nachhaltige Verpackungsmaterialien. Durch dieses große Spektrum auf dem Verpackungsmarkt ist die Einschätzung, welche Verpackung wirklich zum jeweiligen Händler und seinem Produktportfolio passt, nicht trivial. Natürlich gibt es auch entsprechend viele kompetente Verpackungslieferanten, aber zwangsläufig geht es denen darum, das eigene Verpackungsportfolio an den Händler zu bringen.

Und was ist die Alternative?
Es ist nicht ausreichend, die Entscheidung an den Verpackungslieferanten abzugeben. Sondern die Herausforderung für den Händler ist es, sich je nach Größe des Unternehmens eigenes Know-how aufzubauen und/oder sich extern und vor allem unabhängig beraten zu lassen. Dann ist das Ergebnis ein (fast) perfektes Verpackungssortiment mit der ausreichenden Stabilität, das einfach aufzurichten ist, die relevanten Auftrags- und Produktgrößen berücksichtigt, vom Kunden einfach zu öffnen ist, die Produkte optimal präsentiert und aus nachhaltigen Materialien besteht.

Drei goldene Regeln von Ihnen zum Abschluss?
Frühzeitig an die Verpackung denken. Das Thema Verpackung nicht unterschätzen. Regelmäßige Überprüfung/Bereinigung bestehender Verpackungssortimente und von deren Prozessen.