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MyEnso „Tante Enso“ will sich breitmachen

Thomas Klaus | 11. Dezember 2020
MyEnso: „Tante Enso“ will sich breitmachen
Bildquelle: Gabriele Bode

Beim 24/7-Konzept von My-Enso wird ein stationärer Markt mit einem Online-Supermarkt kombiniert. Ein Jahr nach der Eröffnung der beiden Pilotprojekte sind jetzt zahlreiche weitere Läden geplant.

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Die Revolution soll von der Reeperbahn ausgehen: „An der Reeperbahn“ in Bremen sitzt nämlich die „enso eCommerce“ GmbH. Und die hat Großes mit dem deutschen Lebensmittelhandel vor. Ihr geht es um den Lückenschluss für die Unterversorgung im ländlichen Raum. Aber sie will auch in urbanen Bereichen den klassischen Tante-Emma-Laden und ihren Online-Supermarkt My-Enso zu „Tante Enso“ fusionieren.

Der Anfang wurde vor über einem Jahr, im September 2019, sowohl in dem 3.000-Seelen-Ort Blender im niedersächsischen Landkreis Verden als auch in der Seniorenresidenz Augustinum in Stuttgart-Killesberg gemacht. Die „Erzeuger“ aus dem Hause My-Enso haben so viel Freude mit ihren „Babys“ in Blender und Stuttgart, dass zahlreiche weitere folgen sollen. My-Enso-Gründer und CMO Thorsten Bausch kündigt gegenüber der LP Neueröffnungen in Schnega (Landkreis Lüchow-Dannenberg) und Eutin (Kreis Ostholstein) an. Innerhalb der kommenden sechs bis sieben Monate sollen Geschäfte in Wieren (ebenfalls Kreis Lüchow-Dannenberg) und Pretzier (Altmarkkreis Salzwedel in Sachsen-Anhalt) folgen. Hinzu kommen in diesem Zeitraum drei Tante-Enso-Läden in Schleswig-Holstein. Über die Standorte schweigt Bausch noch.

Präsenz in Seniorenresidenzen
Darüber hinaus soll das Konzept in Zusammenarbeit mit zwei großen Unternehmen der Pflegebranche bundesweit in mehr als 100 Seniorenresidenzen ausgerollt werden. Zeitnah sind hier Tante-Enso-Neueröffnungen in Fredenbeck im Landkreis Stade, in Cuxhaven, München-Nord und Braunschweig geplant.

Als die beiden Partner der Pflegebranche wurden die Augustinum Gruppe (Augustinum gemeinnützige GmbH) und die Convivo Gruppe (Convivo Holding GmbH) an Bord geholt.

Die Augustinum-Gruppe will gehobenes Wohnen im Alter mit einem Rundum-Serviceangebot auf hohem Niveau kombinieren. Deshalb wurde für die Augustinum-Residenzen unter anderem auch ein Lebensmittelversorger im Haus gesucht.

In den Convivo-Parks der Convivo Gruppe gestalten die Menschen ihr Leben in den eigenen vier Wänden. Dabei nutzen sie individuell das Serviceangebot und die Pflegedienstleistungen. Diese Individualität soll sich nach den Vorstellungen der Convivo-Chefetage ebenfalls beim Einkaufen im Tante-Enso-Laden widerspiegeln.

„Wir sind kein Discounter“
In den nächsten drei Jahren soll mit den Tante-Enso-Läden die Hunderter-Grenze erreicht sein, aber das soll längst noch nicht das Ende der Fahnenstange bedeuten.

Ein LP-Besuch in Blender macht deutlich, wie das Konzept funktioniert: Dort werden auf den rund 140 Quadratmetern einer ehemaligen Volksbank-Filiale mehr als 1.500 Sofortkauf-Artikel aus dem Lebensmittelbereich und dem sonstigen täglichen Bedarf angeboten. Ergänzend können bis zu 20.000 Artikel bei My-Enso bestellt und bei Bedarf bis an die Haustür geliefert werden. Bei der Belieferung des Marktes wird zum Beispiel mit dem Edeka-Foodservice zusammengearbeitet. Die Preisgestaltung vergleicht Thorsten Bausch mit der von Rewe oder Edeka. „Wir sind kein Discounter“, betont er. Vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die alle aus dem Dorf stammen und entsprechend bekannt sind, bilden das Team.

Einkaufen Rund um die Uhr
Verkauft wird während der regulären Öffnungszeiten von montags bis samstags von 10 bis 12.30 sowie zusätzlich dienstags und freitags von 16 bis 18 Uhr. Aber nach Ladenschluss ist mit dem Einkaufen noch lange nicht Schluss. Denn mit einer Tante-Enso-Kundenkarte kann 24 Stunden lang an sieben Tagen in der Woche geshoppt werden. Bezahlt wird mit der Kundenkarte über ein Lastschriftmandat oder Guthaben.

Dreh- und Angelpunkt – so erläutert es Bausch, ist der sehr intensive Austausch mit den Kunden und solchen, die es werden sollen. Dafür ist aus Sicht des 58-Jährigen gerade der Tante-Enso-Laden in Blender ein gutes Beispiel. Vor der Einweihung tüftelte eine Arbeitsgruppe aus Anwohnern, Unternehmensvertretern und Bürgermeister Andreas Meyer ein Jahr lang an der idealen Lösung.

Dialog mit den Menschen
Die Mitbestimmung der Einheimischen und Kunden umfasst ebenso die Produktpalette. Ferner fließen Erkenntnisse aus der Marktforschung der My-Enso-Partner Kantar TNS und Bonsai in die Fortentwicklung des Konzeptes ein.

„Tante Enso“, formuliert der My-Enso-Gründer, „ist auf dem Land gewollt – nicht nur als Versorger, sondern auch als gesellschaftliches Ereignis.“ Das drückt sich unter anderem darin aus, dass sich Bewohner über eine Teilhaberschaft an der My-Enso Genossenschaft – My-Enso Teilhaber eG – direkt an ihrem Tante-Enso-Mini-Supermarkt beteiligen können. Mindestens 300 Anteile an der Genossenschaft müssen aus jedem Ort gezeichnet sein, damit Tante Enso verbindlich einen Mini-Supermarkt eröffnet.

Aus dem Tante-Enso-Laden in Blender und dem in Stuttgart könnte nach den Vorstellungen von Bausch „eine Art Blaupause für alle Orte mit mindestens 1.500 Einwohnern und ohne Supermarkt“ werden.

„Noch ist das gesamte Unternehmensmodell des Start-ups My-Enso nicht in Gänze tragfähig“, räumt Bausch ein. In Teilen jedoch sehe das anders aus. „Tante Enso fängt bereits an, Erträge abzuwerfen. Und das Insights- und Mediaprogramm ist seit Längerem profitabel.“

Operativer Gewinn Ende 2021
Eigene Umsätze und Erträge könnten bereits teilweise das gesamte Geschäftsmodell finanzieren, während der Rest über Bankendarlehen und Eigenkapital fließe. Der My-Enso-Gründer freut sich: „Gerade das Bankendarlehen in üppiger Millionenhöhe ist für ein Start-up in dieser Entwicklungsphase eher ungewöhnlich.“ Dennoch habe My-Enso – auch mit Unterstützung der renommierten Unternehmensberatung Price Waterhouse Coopers – seine Story und Existenzberechtigung überzeugend dargestellt. „Der erste operative Gewinn“, fasst Thorsten Bausch zusammen, „ist für Ende 2021 geplant.“

In der Einzelhandelsbranche fallen die Aktivitäten von My-Enso und ähnlich operierenden Unternehmen wie zum Beispiel „Herr Anton“ immer stärker auf. Zu einzelnen Unternehmen darf Stefan Hertel, Pressesprecher des Handelsverbandes Deutschland (HDE), zwar keine Stellung beziehen. Aber mit Blick auf die Tante-Enso-Läden kommentiert er: „Händler, die die beiden Kanäle online und stationär miteinander verknüpfen, sind oft sehr erfolgreich. Der Handel der Zukunft muss beide Welten möglichst intelligent vereinen, sodass echte Mehrwerte für die Kunden entstehen.“ Spannend, ob My-Enso dieser Spagat dauerhaft gelingt – und die Revolution von der Reeperbahn siegt.