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Weinverkostung Mensch oder Maschine ?

Elena Kuss | 30. März 2020
Weinverkostung: Mensch oder Maschine ?
Bildquelle: Carsten Hoppen

Deutschlandweit laden 250 automatische Weindispenser im Lebensmittel-Einzelhandel zur Verkostung. Eine Bilanz.

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Der Weinverkostungsautomat macht es möglich, Weine im Markt zu verkosten, ohne dafür Personal einsetzen zu müssen. Der Kunde bedient sich selbst, ganz einfach wie an einem Kaffeeautomaten. 2017 wurde die erste Enothek im Hit Sütterlin in Aachen installiert. Mittlerweile lädt in beiden Märkten der Kaufmannsfamilie ein Automat zur Verkostung. Mehr als 250 Systeme sind deutschlandweit im Lebensmittel-Einzelhandel eingesetzt.

Und so funktioniert‘s: Die Flaschen befinden sich in einem mit Stickstoff beziehungsweise Argon gefüllten Raum, der die Oxidation des Weins verhindert. Durch zwei Temperaturzonen lassen sich sowohl Rot- als auch Weißweine optimal temperieren. Michael Glück, Inhaber von Rewe Glück in Rengsdorf, hat seit knapp einem Jahr einen Weindispenser im Markt. Die Weine wechselt er alle 14 Tage. „Das Ergebnis im Glas ist über den gesamten Zeitraum perfekt“, bestätigt Glück. Die Reinigung des Dispensers sei einfach. Das mache den häufigen Wechsel sehr bequem.
Warum Glück sich für einen Verkostungsautomaten entschieden hat, erklärt der Kaufmann so: „Unter dem Strich zählt nur eins: Probieren und dann schmeckt oder schmeckt nicht.“ Deshalb werde das Verkostungsangebot von den Kunden auch gut angenommen. Etwa 100 Gläser à 0,02 Liter Wein wurden in drei Tagen in Rengsdorf verkostet. Nicht schlecht, findet Glück.

Jugendschutz ist ein Problem
Um den Wein probieren zu können, brauchen die Kunden aktuell noch eine Mitgliedskarte für „Michaels Weinclub“, dem hauseigenen Kundenkartensystem. Künftig will Glück den Dispenser jedoch für alle Marktbesucher freischalten. Um sicher gehen zu können, dass sich keine Jugendlichen am Weinautomaten bedienen, aber nur in den Zeiten, in denen die Abteilung besetzt ist.

Verfehlt der Dispenser so nicht seine eigentliche Aufgabe? Schließlich soll er Verkostungen ermöglich, wenn kein Mitarbeiter in der Weinabteilung ist. „Die Enothek war nie ein Ersatz, sondern immer eine Ergänzung“, sagt Glück. Durch den Automaten haben beide Sommeliers einen Anknüpfungspunkt für eine weitergehende Beratung. Entscheidend sei, dass die Mitarbeiter genau wissen, was in der Enothek für Weine stehen. Ist der Wein im Automaten zu tanninhaltig? Der Weinfachberater könne von diesem Ausgangspunkt wunderbar weiterberaten, sagt der Kaufmann. Das schlage sich in den Verkaufszahlen nieder.

Mehr als 30 Prozent Umsatzplus
Phillipp Bongartz, Geschäftsführer von Eno Wine Serving Systems, ist überzeugt: „30 bis 50 Prozent mehr Absatz durch den Einsatz unserer Systeme.“ Michael Glück kann diese Zahlen nicht bestätigen, ist mit der Anschaffung aber trotzdem sehr zufrieden. Wer probiert, sei dafür auch bereit, tiefer in die Tasche zu greifen.

Neben der Absatzsteigerung spricht auch der Wunsch der Kunden nach einer anderen Art der Information für die automatische Verkostung. Björn Hundertmark von Rewe Hundertmark beobachtet: „Unsere automatischen Weindispenser sind beliebter als Weinverkostungen durch Personal.“ Das ergibt durchaus Sinn, vor allem bei der jüngeren Generation, die es gewohnt ist, per Smartphone die Welt erklärt zu bekommen. Automaten lassen den Kunden ungestört probieren und sind nicht beleidigt, wenn doch der günstige Wein von letzter Woche im Einkaufskorb landet.

Für manche Händler ist das unvorstellbar, schließlich ist Wein doch etwas Sinnliches, etwas, das Expertise braucht, um es genießen zu können. „Wir haben uns bewusst gegen einen Weinverkostungsautomaten entschieden“, sagt Roland Fitterer, Inhaber des frisch renovierten Edeka-Marktes in Rülzheim. Stattdessen gibt es eine immer besetzte Weinbar für Verkostungen, manchmal Käsewürfel und Wurstspezialitäten dazu. Weinfachberater oder Sommeliers sprechen die Kunden aktiv an, fragen und beraten. Der Edeka-Kaufmann ist überzeugt, dass eine gut gemachte persönliche Beratung nach wie vor mehr Umsatz bringt, als ein Verkostungsautomat. Die Kosten für die Anschaffung seien hoch und die Anzahl der Weine, die verkostet werden können, zu niedrig, kritisiert Fitterer weiter.

Hohe Kosten gerechtfertigt ?
Während gegen das emotionale Argument kaum etwas einzuwenden ist, widerspricht Phillipp Bongarzt dem Contra-Argument der hohen Kosten: „Wir wissen von unseren Partnern, dass sich eine Enothek in der Regel nach 12 bis 16 Monaten amortisiert.“ Natürlich variiert der Preis je nach Marke, Ausstattung und Modell. Wer beispielsweise einen Eno One bei Eno Wine Serving Systems kauft, startet bei 2.150 Euro netto. Zwei Flaschen passen in die kleinste Variante. Rewe-Kaufmann Michael Glück hat cirka 10.000 Euro inklusive Stickstoffgenerator für seinen Dispenser mit Platz für acht Weine bezahlt. Amortisiert habe der sich nach einem Jahr zwar noch nicht: „Aber für das nächste Jahr sehe ich Land.“

Viele Händler beziehen auch Lieferanten mit ein und vermieten die Stellplätze in der Enothek monatsweise. Michael Glück verzichtet auf die Mieteinnahmen. „Mir reicht es, wenn die Winzer die Flaschen zur Verkostung zur Verfügung stellen“, sagt der Kaufmann. Das Angebot sei bei den Winzern sehr beliebt. Björn Hundertmark bekräftigt: „Wenn ein Winzer allein 180 Euro für das Verkostungspersonal bezahlen muss, sind das einige Kisten Wein, die an dem Tag über die Kasse gehen müssen.“ Der Weindispenser bietet eine günstigere Möglichkeit.
Welche Weine verkostet werden, entscheiden die Kaufleute. Empfehlenswert seien teurere Weine, sagt Phillipp Bongartz von Eno Wine Serving Systems. Konkret: ab sechs Euro aufwärts. Michael Glück befüllt seinen Automaten saisonal, auch was den Preis angeht. „An Weihnachten habe ich auch mal einen Wein für 60 Euro darin gehabt“, sagt der Kaufmann. Ohne zu probieren, kaufe das keiner. Doch bei solch hochpreisigen Weinen komme es auch auf den Zeitpunkt an. „An Weihnachten gönnt man sich was, im Frühjahr ist das Quatsch.“
Schmeckt oder schmeckt nicht: In Rengsdorf können Kunden bei Rewe Glück acht verschiedene Weine per Knopfdruck probieren.