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Indien Klein, aber oho

Susanne Klopsch | 20. Februar 2018
Indien: Klein, aber oho

Bildquelle: PlanetRetail

Kiranas sind das Herz des indischen Lebensmittel-Einzelhandels. Warum sie so erfolgreich sind und warum Hersteller diesen Vertriebsweg nutzen sollten, das weiß Tatjana Wolff von Planet Retail.

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Meine Kollegen und ich weisen an dieser Stelle oft und gerne darauf hin, wie wichtig es ist, über den Tellerrand zu schauen, um sich entweder Inspiration zu holen oder um festzustellen, dass woanders das Gras viel grüner ist als zu Hause. Dies ist nicht zuletzt relevant, wenn man beachtet, dass das von Handel und Industrie händeringend gesuchte Wachstum vor allem in Schwellenländern zu finden ist.

Sobald von wachsenden Märkten gesprochen wird, denkt so manch einer an China – sicherlich zurecht. Allerdings gibt es einen weiteren Markt, der ebenfalls 1,3 Milliarden Menschen beheimatet, und nicht weniger interessant ist: Indien. Allerdings hat das Land aufgrund seiner wirren Gesetzgebungsgeschichte und Bürokratie in der hiesigen Konsumgüterbranche einen schlechten Ruf. Zu Unrecht.

Die Autorin

Tatjana Wolff ist Analystin bei Planet Retail. Sie berichtet im Wechsel mit Boris Planer und Franziska Schmidt über Entwicklungen im internationalen Handel.


Potenzial grossflächig verkannt
Schaut man nach Indien, fällt auf, dass der Großteil (87 Prozent) des Einzelhandels in den Händen von kleinen, unabhängigen Familienbetrieben ist. Diese Läden, deren Verkaufsfläche selten größer als 30 bis 40 Quadratmeter ist, werden auch Kirana-Stores genannt. Von ihnen gibt es etwa 12,5 Millionen – was also einen Laden pro knapp 100 Einwohner ausmacht. In Deutschland kommt etwa ein moderner Lebensmittel-Einzelhandelsladen auf 1.920 Einwohner. Dies macht offensichtlich, dass Kiranas vor allem eins sind: Convenience-Läden.

Die steigende Nachfrage nach Convenience liegt nicht allein in der Tatsache begründet, dass die Erwerbstätigkeitsrate von Frauen auch in Indien steigt. Sie liegt vor allem darin, dass der Verkehr in indischen Großstädten dermaßen stark von Staus geprägt ist, dass ein Großeinkauf mit dem Auto in einer der dünngesäten modernen Großflächen des Landes so selten wie möglich getätigt wird.

Das Angebot bedient den täglichen Bedarf. Es sind lose Produkte wie Reis oder Kartoffeln, aber auch verpackte Produkte von einheimischen und internationalen Herstellern. Viele Läden befinden sich in der unmittelbaren Nachbarschaft zu komplementären Läden, die ihrerseits bestimmte Lebensmittel, Kleidung oder Werkzeugmaterial anbieten. So entsteht an solchen Stellen quasi ein „traditioneller Hypermarkt mit vielen Eingängen.“

Die kleinen Läden haben viele Vorteile: Sie sind einfach erreichbar, bis zu 16 Stunden am Tag geöffnet, bieten die Möglichkeit, Produkte auf Kredit zu kaufen, plus kostenlose Lieferung zum Haus des Kunden. Ein Service, der vor allem dadurch ermöglicht wird, dass man einander kennt. Der Ladenbesitzer kommt selbst aus dem Viertel. Er hat den Laden sehr wahrscheinlich von seinem Vater geerbt, schon als Kind im täglichen Geschäft mitgeholfen.