Anzeige

Supermarkt des Jahres Kongress Der Verbraucher, das hybride Wesen

Nicole Ritter | 13. Mai 2016
Supermarkt des Jahres Kongress: Der Verbraucher, das hybride Wesen

Wie stark nehmen Konsumenten die Konzentration im Handel wahr, welche Kriterien entscheiden über ihren Einkaufsort und sind sie wirklich so stark vom Preis gesteuert, wie es angenommen wird? Antworten lieferte das Podium beim Supermarkt-Kongress.

Anzeige

Am liebsten hätte Handelsexperte Stephan Rüschen eine Preis-App: „Das wäre transparent. Verbraucher glauben heute, dass sie beim Supermarkt 30 Prozent mehr bezahlen als beim Discounter, was totaler Quatsch ist.“ Kartellamtspräsident Andreas Mundt kann bei einem solchen Vorschlag nur den Kopf schütteln: „Mir ist neu, dass Marktwirtschaft aufgrund von Preistransparenzstellen funktioniert“, kommentierte er. Im Übrigen sei das in einem Supermarkt mit 60.000 Artikeln „völlig abwegig“.

Preis und Leistung beurteilen
Das Starren auf Preise ist schnell auf dem Plan, wenn es um Strukturen und Prozesse im deutschen Handel geht. Dabei, so findet Georg Abel, Bundesgeschäftsführer Die Verbraucherinitiative e.V., „Verbraucherverbände, die nur auf den Preis achten, sind doch Sixties.“ Längst sei man dazu übergegangen, Preis und Leistung ins Verhältnis zu setzen und berate gemeinsam mit dem Handel darüber, wie Sortimente für den Massenmarkt gestaltet sein könnten. Auch beobachtet er eine deutliche Ausdifferenzierung der Handelslandschaft: „Bio- und vegane Supermärkte in den Metropolen, das wäre vor zehn Jahren noch nicht vorstellbar gewesen“, konzediert Abel, Drogeriemärkte und Tankstellen mit wachsenden Umsatzanteilen brächten den Markt in Bewegung. „Und der Handel reagiert darauf“, findet Abel.

Die Sektoruntersuchung, die das Kartellamt veranlasst hatte, um die Fusion von Edeka mit Kaiser’s Tengelmann zu verbieten, erschien in der Debatte zwischen Vertretern von Bauernschaft, Ernährungsindustrie und Verbraucherseite in einem etwas anderen Licht: „Die Top-5-Betrachtung finde ich zumindest auf der Verkaufsseite nicht hilfreich“, meint Rüschen. Er könne aus Verbrauchersicht keine Verarmung der Handelslandschaft feststellen. „Selbst bei den Discountern gibt es ein Trading-up, sodass womöglich sogar wieder Platz ist für ein ursprüngliches Harddiscount-Format“, erwartet Rüschen.

Druck auf die Landwirtschaft
Auf der Beschaffungsseite allerdings bringt sie die Akteure unter Druck, und so fordert Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands: „Wir müssen langfristig für gute Rahmenbedingungen sorgen.“ Auf Industrieseite sei aber die Sorge verbreitet, dass auf die Genehmigung einer Fusion im Handel unmittelbar Konditionenverhandlungen folgen würden. „Präzisere Leitplanken“ bei der Auslegung des Wettbewerbsrechts könnten seiner Ansicht nach dabei helfen, die Gemengelage zu entschärfen.

„Marktmacht hat immer auch eine Gegenwirkung“, milderte der BVE-Vorsitzende Wolfgang Ingold diesen Eindruck ab, „auch die Edeka ist kein Monolith“. Seine Antwort auf wachsenden Druck: „Unsere Aufgabe ist, Produkte anzubieten, die am Verbraucher orientiert sind und nicht am Preis.“ Auch hier laute das Zauberwort: Differenzierung. So hybrid die Verbraucher, so verschieden die Bedürfnisse, so unterschiedlich müssten auch die Angebote sein: Wie bei kommunizierenden Röhren gebe es „enorme Veränderungen“ in den Märkten.

Zur Diskussion

Marktmacht und Wettbewerbssituation sind Themen, die Handel, Hersteller und Verbraucher nicht erst seit der Causa Tengelmann bewegen. Kleinster gemeinsamer Nenner und großer Bogen zur Gala am Abend: Die hochwertige Präsentation von Lebensmitteln, wie sie den prämierten Supermärkten gelingt, ist im Sinne der gesamten Lieferkette, da waren sich die Diskutanten einig.

Für Wertschöpfung sorgen
„Eine gemeinsame Aufgabe“, leitet Bernhard Krüsken aus dieser Beobachtung ab. „Wir müssen dem hybriden Wesen Verbraucher viele Brücken bauen, damit er sein Kaufverhalten ändert.“ Das dürfe man vom Verbraucher durchaus erwarten, findet Abel – umgekehrt müsse aber auch erwartet werden können, dass Handel und Hersteller die adressierten Probleme in der Komplexität der Lieferkette lösen. Politische, ethische und ökologische Anforderungen, wie sie heute etwa an die Landwirtschaft herangetragen würden, müssten laut Krüsken dazu führen, dass auch neue Vergütungsmodelle formuliert werden, „um die Wertschöpfung da hinzubringen, wo sie gebraucht wird“.

Ein Ansatz, den sicherlich alle Akteure sofort unterschreiben würden, über dessen Voraussetzungen die unterschiedlichen Marktakteure allerdings keineswegs schnelle Einigkeit erzielen würden. „Der Wunsch nach Differenzierung ist bei allen da, aber ich habe die Sorge, dass in Zukunft genau das Gegenteil passiert“, sagt Kartelamtspräsident Mundt. „Nur der Wettbewerb sorgt für Differenzierung.“ Und die App? Die wird kommen, sagt Stephan Rüschen.