Tierwohl Eine Frage der Haltung

Sie sind ein Garant für hohe Einschaltquoten, verkaufte Auflagen und große Emotionen: Skandal-Berichte aus der Nutztierhaltung werfen immer häufiger ein schlechtes Licht auf die Lebensmittelbranche. Tierwohl wird somit zum Profilierungsthema. Aber wie ist es tatsächlich um die Tierhaltung in Deutschland bestellt? Was wird unternommen? Und wofür zahlt der Verbraucher?

Donnerstag, 21. April 2016 in Management
Bettina Röttig
Artikelbild Eine Frage der Haltung
Bildquelle: Beemster, Bettina Röttig, Martin Hangen

Mit 15 hat man noch Träume. Für jugendliche Tierliebhaber, die sich angesichts schwer verdaulicher Berichte über millionenfaches Schreddern fluffig-gelber, lebensfroher Küken oder der Bilder von Mastschweinen in überfüllten Ställen erstmals intensiv damit beschäftigen, wie es zu Frühstücksei und Bacon kommt, ist dieser Traum folgerichtig: Sie wollen die Welt ein Stückchen besser machen und zum Vegetarismus oder noch besser Veganismus konvertieren. Denn klar ist: Je mehr Menschen das Fleischessen verweigern, desto weniger Tiere müssen produziert und getötet werden. Die Ernüchterung folgt, wirft man einen Blick auf die Entwicklung der Fleischbranche: So sehr der Entschluss zum Verzicht sich auch positiv auf das eigene Gewissen auswirken mag, so wenig hat er eine Wirkung auf den Markt. Dem rückläufigen Pro-Kopf-Verbrauch hierzulande stehen wachsende Fleisch-Exporte gegenüber. Somit sind besonders Fleischesser gefordert, sollen Tierschutz und Tierwohl in der Nutztierhaltung garantiert werden.

Und tatsächlich hält es der Großteil der Bundesbürger (88 Prozent) laut Ernährungsreport 2016 des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft für notwendig, dass der artgerechten Haltung von Nutztieren größere Beachtung geschenkt wird. Sensibilisiert sind sie vor allem durch die Berichterstattung von Tierschutzorganisationen. Die Vorwürfe sind bekannt: Massentierhaltung führt zu Verhaltensstörungen wie Federpicken oder Kannibalismus. Zur Lösung des Problems werden Hühnern und Puten die Schnäbel und Schweinen die Ringelschwänze kupiert. Auch die betäubungslose Kastration von Ferkeln, um zu verhindern, dass das Fleisch einen unangenehmen Geruch annimmt, und der prophylaktische Einsatz von Antibiotika wurden in den vergangenen Jahren immer häufiger von NGOs angeprangert.

Erhebliche Defizite
Doch auch von neutraler Stelle sieht das Fazit keineswegs entlastend aus. So bescheinigte der wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (WBA) der Nutztierhaltung in Deutschland im Bereich des Tierschutzes „erhebliche Defizite“. In einem Gutachten vom März 2015 stellen die Experten fest: „In Kombination mit einer veränderten Einstellung zur Mensch-Tier-Beziehung führte dies zu einer verringerten gesellschaftlichen Akzeptanz der Nutztierhaltung.“ Das wird für Landwirtschaft, Industrie und Handel zunehmend zum Problem.

Um das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen, muss sich also einiges ändern. Wer jedoch ist in der Pflicht? „Echter Tierschutz kostet Geld und braucht vor allem wirksame Rahmenbedingungen der Politik“, sagt Bioland-Präsident Jan Plagge. In den letzten Jahren seien aber hunderte Millionen Steuergelder in Stallbauten geflossen, die nie mehr für die tiergerechte Haltung – wie sie der Bio-Landbau etwa vormache – umgebaut werden könnten, kritisiert er. Dazu gehörten Schweine‧ställe auf Betonvollspalten ohne Auslauf, Hähnchenmastanlagen mit 40.000 Tieren und Milchviehställe ohne Auslauf und Weidegang.

Verbessernde Maßnahmen wurden in den vergangenen Jahren beispielsweise mit dem Verbot der Käfighaltung und Kleingruppenhaltung von Hühner (bis 2025) sowie der Ferkelkastration ohne Betäubung (ab 2019) eingeleitet. Ein Verbot des Tötens männlicher Eintagsküken, die zu wenig Fleisch ansetze, um als Masthähnchen verkauft werden zu können, lehnte die Regierungskoalition jedoch vor wenigen Wochen ab. Die Entwicklung der In-Ovo-Geschlechtsbestimmung (siehe Kasten auf Seite 23) soll das Töten bald überflüssig machen, denn dann greife das Tierschutzgesetz, wonach kein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund getötet werden dürfe. Neue Verbote seien somit nicht nötig, so die Erklärung von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt. Ob die Technik jedoch tatsächlich bis 2017 marktreif und auch für kleinere Brütereien finanzierbar ist, ist noch ungewiss.

Auf die Politik allein kann die Branche somit nicht setzen, daher sind Handel, Hersteller und Verbände selbst aktiv. So profilierte sich die Westfleisch SCE, einer der größten Schlachtkonzerne des Landes, bereits 2010 mit dem Programm „Aktion Tierwohl“. 120 landwirtschaftliche Betriebe erzeugten die Rohwaren für das Label-Programm, aus dem in drei Jahren rund 6 Mio. Packungen SB-Wurst und -Fleisch verkauft wurden. An den deutschen Käsetheken wirbt seit einigen Jahren die holländische Marke Beemster damit, Tierwohl in der Milchproduktion zu garantieren. Hierfür entwickelte die Molkerei Cono Kaasmakers unter anderem den sogenannten „Kuh-Kompass“ als Messinstrument für Tierwohl. Es ist Teil des Managementsystems für Nachhaltigkeit Caring Dairy. Geprüft wird unter anderem, wie viele Tage die Kühe auf der Weide stehen. Durchschnittlich 180 Tage Weidegang zu je zwölf Stunden erreichten die Bauern 2015. Für die Teilnahme am Weidegang sowie an Caring Da iry erhalten sie eine Prämie.

Neue Forderungen an Lieferanten
Auch der Lebensmittelhandel arbeitet an seinen Sortimenten und nimmt aktiv Einfluss. So hat die Rewe Group 2013 mit allen Lieferanten vertraglich vereinbart, dass die Besatzdichte bei Masthähnchen von 39 auf 35 und weiter auf 32 kg pro qm verringert werden muss. „Ebenso haben wir im Jahr 2013 im Rahmen unseres Pro-Planet-Projektes alle unsere zuliefernden Legehennenbetriebe verpflichtet, zusätzlich eine Herde mit Tieren zu führen, deren Hennen keine gekürzten Schnäbel haben. Als Ergebnis können wir heute sagen, dass wir mit unseren Lieferanten so gute Erfahrungen gemacht haben, dass wir bei Penny national Eier von Legehennen mit ungekürzten Schnäbeln anbieten können“, erklärt Daniela Büchel, Geschäftsleitung Vollsortiment HR und Nachhaltigkeit der Rewe Group. Zudem soll es bereits ab 2017 unter den Eigenmarken der Rewe nur noch Fleisch von nicht betäubungslos kastrierten Schweinen geben. Auch an regionalen Projekten zur Haltung von Schweinen mit lan gen Schwänzen beteiligt sich das Unternehmen, z. B. in Nordrhein-Westfalen.


Die Edeka verzichtet bei allen Eigenmarken – auch bei verarbeiteten Produkten – auf Käfigeier, sowie auf Geflügelfleisch aus Stopfmast. Die Umsetzung einer nachhaltigen Fisch-Einkaufspolitik in Kooperation mit dem WWF, die Unterstützung von Pilotprogrammen und wissenschaftlichen Forschungsprojekten zur Verbesserung des Tierwohls sind weitere Beispiele für das Engagement der Genossen.

Das hessische Handelsunternehmen Tegut bietet ausschließlich Eier mit KAT-Zertifizierung an. Rund 50 Prozent des Frischfleischs in den Tegut-Theken stammt aus Bio-Betrieben, das konventionelle Schweinefleisch aus einem eigenen Programm (Landprimus), das für Gentechnikfreiheit, Transparenz und Tierwohl steht. Zum Sommer wird eine eigene Tierschutzpolitik veröffentlicht, die für alle Lieferanten gelten soll, kündigt Detlev Weiler, Leiter strategischer Einkauf Brot und Backwaren, Fleisch und Wurst, an.

Diesbezüglich vorgelegt hatte Aldi Nord. Anfang Februar 2016 hatte der Discounter eine neue Tierwohl-Einkaufspolitik veröffentlicht, die für sämtliche Produkte der Food- und Nonfood-Eigenmarken mit tierischen Rohstoffen gilt. In Deutschland verpflichtet sich Aldi u. a. dazu, ab 2017 weder Schweinefleisch von kastrierten Tieren noch Eier zu verkaufen, die von Legehennen mit gekürzten Schnäbeln stammen. Auch der Verzicht auf Eier aus Käfig- und Kleingruppenhaltung bei allen verarbeiteten Produkten sowie der Verzicht auf vermeidbare Kleinstmengen tierischer Inhaltsstoffe zählen zu den nationalen Zielen. Darüber hinaus will Aldi Nord Mindestanforderungen für Produkte mit tierischen Rohstoffen u. a. in den Bereichen Haltung, Fütterung, Transport, Schlachtung und Antibiotika-Einsatz in Lieferantenverträgen festschreiben sowie künftig Verbesserungen bei den Themen Schlachtung tragender Rinder, Enthornung von Rindern sowie Schwanzkupieren bei Schweinen erzielen .

Kleine Betriebe in Gefahr
Landwirt Heiko Rau bezeichnet eine solche Einkaufspolitik als „scheinheilig“. Auf der einen Seite überböten sich die großen Lebensmittelketten mit ihrem Engagement zum Schutz der Tiere, „auf der anderen Seite werben sie mit Sonderangeboten, um die Kunden in die Geschäfte zu locken“. Ein Beispiel sei der Discounter Penny, der vor Ostern für Eier mit ,Tierwohl zu Discountpreisen’ warb. „Das passt nicht zusammen, jede Veränderung hinsichtlich Tierschutz und Tierwohl kostet nun mal Geld“, moniert der hessische Schweinezüchter. Es werde weiterhin versucht, alle Kosten auf die Landwirte abzuschieben. Das Ergebnis: „Da nur große Betriebe hohe Stückzahlen liefern können und damit bessere Margen erzielen, wird jede Veränderung zu einer weiteren Konzentration und Vergrößerung der landwirtschaftlichen Betriebe und damit zur weiteren Industrialisierung der Landwirtschaft führen“, analysiert Landwirt Rau. „Da die Verkaufspreise für Schweine mom entan nicht mal kostendeckend sind, weiß ich nicht, wovon mehr Investitionen in Tierwohl finanziert werden sollen.“

Zwischen 3 und 5 Mrd. Euro jährlich würden die Mehrkosten für die Umsetzung der im Gutachten des WBA empfohlenen Maßnahmen betragen, so die Schätzung der Experten. Sie schlagen eine Strategie vor, die aufeinander abgestimmte staatliche, privatwirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Steuerungsmöglichkeiten einschließt. Zu den staatlichen Maßnahmen zählen eindeutigere und zusätzliche Mindeststandards, ein mehrstufiges staatliches Tierschutzlabel oder Prämien. Zu den übrigen Maßnahmen zählt die Brancheninitiative Tierwohl (s. S. 16), ein Modell mit Umlagefinanzierung, bei dem der Lebensmittelhandel einen Preisaufschlag über eine Clearing-Stelle direkt an die teilnehmenden Landwirte weitergibt. Gut 85 Prozent der Handelsunternehmen machen dabei mit.

Kritik an der Initiative Tierwohl
Die Rewe zieht nach rund einem Jahr positiv Bilanz. „Die Initiative Tierwohl ist ein hervorragendes Instrument, um auf einer breiten Ebene mit allen daran Beteiligten mehr Tierwohl umzusetzen“, sagt Nachhaltigkeitsmanagerin Daniela Büchel. „Die Initiative ist ein Erfolg, das zeigt schon die Tatsache, dass es mehr Bewerbungen gab als Mittel zur Verfügung standen.“ Aber genau hierin liegt auch einer der größten kritischen Punkte. Landwirt Heiko Rau hätte sich gern an der Initiative beteiligt, wäre das Budget nicht beschränkt und würde Planungssicherheit gewährleistet. Dass vielen Landwirten die im Vorgriff getätigten Investitionen in Tierwohl aufgrund der unzureichender Mittelausstattung des Fonds nicht bezahlt würden und sie auf der Warteliste gelandet seien, sieht auch Tegut-Einkäufer Detlev Weiler kritisch. „Außerdem kann sich kein Kunde beim Kauf der Produkte sicher sein, auch wirklich Fleisch entsprechend der Vorgabe der Initiative im Einka ufswagen liegen zu haben. Es ist absehbar, dass sich der Handel und vor allem die Kunden auf Dauer nicht mit der weichen Auslobung ,mit dem Kauf unterstützen Sie …‘ zufrieden geben werden.“

An diesem Punkt setzen die Label-Programme an. Sie sollen dazu dienen, das Marktpotenzial von Tierwohl-Produkten besser auszuschöpfen. Neben den Siegeln für die Bio-Landwirtschaft stand bisher im konventionellen Bereich das Label des Markenfleischprogramms Neuland sowie bei Legehennen das Zeichen des KAT (Verein für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen) für bessere Haltungsbedingungen. In den vergangenen Jahren kamen zusätzlich Produkte mit den Siegeln „Für mehr Tierschutz“ des Deutschen Tierschutzbundes (Zwei-Sterne-System für Masthühner und Mastschweine) sowie „Tierschutz-Kontrolliert“ der Organisation Vier Pfoten (für Mastrinder, -hühner und -schweine) in die Supermärkte. Sie stehen jedoch jeweils für unterschiedliche Mindestanforderungen und sind wenig bekannt.

Markt für Fleisch

Markt für Fleisch 2015 erreichte die Fleischerzeugung in Deutschland mit insgesamt 8,22 Mio. t einen neuen Rekordwert. Insgesamt wurden 59,3 Mio. Schweine und 3,5 Mio. Rinder geschlachtetsowie 1,52 Mio. t Geflügelfleisch produziert.


Bio-Branche mit Nachholbedarf
Dass der Bio-Sektor sich durch die neuen Bemühungen im konventionellen Bereich die Butter vom Brot nehmen lassen könnte, diese Gefahr sieht Basic-Vorstand Stephan Paulke dennoch nicht. „Die Initiative Tierwohl ist eine Reaktion des konventionellen Handels auf das geschärfte Verbraucherbewusstsein, das wiederum auf die seit Jahrzehnten wachsende Bio-Bewegung zurückzuführen ist. Hierin liegt mehr eine Bestätigung als eine Bedrohung, zumal Verbraucher auch die Authentizität des Absenders einzuschätzen vermögen.“

Für Bioland-Präsident Jan Plagge ist Bio „bisher der einzige marktrelevante Standard, der den hohen Anforderungen der Verbraucher genügt.“ Nur bei Bio zahlten die Verbraucher einen deutlich höheren Preis. „Konventionellen Markenfleischprogrammen ist dies bisher nicht gelungen“, sagt Plagge. Dennoch sind in der Öko-Landwirtschaft bisher weder das Küken-Schreddern noch die Enthornung von Rindern (Ausnahme Demeter) verboten. Da der Aspekt Tierwohl laut Umfragen zu den wichtigsten Kaufkriterien für Bio-Lebensmittel zählt, verfestigt sich der Eindruck, dass sich NGOs immer häufiger diesen Teil der Branche vornehmen, um mit Negativ-Schlagzeilen für Verunsicherung zu sorgen.

Natürlich gebe es auch im Bio-Bereich Verbesserungsbedarf, gibt Plagge zu, doch „wir entwickeln uns und unsere Standards ständig weiter. So besteht z. B. die Notwendigkeit, eigene Geflügelzuchtlinien für die ökologische Haltung zu entwickeln. Deshalb haben Bioland und Demeter die Ökologische Tierzucht gGmbH (ÖTZ) gegründet. Wir wollen unabhängig werden von industriellen Zuchtstrukturen und damit einhergehend das Kükentöten beenden.“

Schärfere Kontrollen
Um das Wohl der Tiere auf Bio-Betrieben sicherzustellen und zu verbessern, hat Bioland 2014 gemeinsam mit den Verbänden Demeter, Bio-Kreis, Naturland und nun auch Gäa, Kontrollen des Tierwohls eingeführt, deren Kriterien laut Plagge weit über die EU-Öko-Verordnung hinausgehen. Dabei werden im Rahmen der regulären, jährlichen Öko-Kontrollen der Ernährungs-, Pflege- und Gesundheitszustand der Tiere anhand von Schlüsselindikatoren noch genauer überprüft, aber auch die Bedingungen im Stall, Auslauf und Futter. „Wir achten auf den Zustand des Gefieders bei Geflügel, die Verschmutzung von Rindern und registrieren die Verlustraten in der Aufzucht“, erklärt Plagge. Auch die Schulung der Kontrolleure ist ein Schwerpunkt des Programms. „Das System ist im Bereich Tierwohl einmalig und führend in der gesamten Branche“, betont Plagge.

Die Wirkung von Bio-Engagement und neuen konventionellen Tierwohl-Programmen steht und fällt jedoch mit dem Verbraucher. Die gute Nachricht: Satte 89 Prozent der Bundesbürger würden einen Aufpreis für Fleisch von Tieren zahlen, die unter Tierwohl-Aspekten gehalten wurden, ergab eine aktuelle Umfrage zum Ernährungsreport 2016. Konkret gaben sie an, im Schnitt 16,50 Euro für 1 kg Fleisch aus tiergerechterer Haltung zu bezahlen, wenn das kg Fleisch aus herkömmlicher Produktion 10 Euro kosten würde. Den 19- bis 29-Jährigen wäre die Investition in mehr Tierwohl sogar 20 Euro wert. Nach der Erfahrung von Tierwohl-Experte Ludwig Theuvsen von der Georg-August-Universität Göttingen sind dies jedoch eher Lippenbekenntnisse. „In den aktuellen Entwicklungen im Fleischmarkt finde ich die in der Umfrage ermittelten Zahlen nicht einmal im Ansatz wieder, weder hinsichtlich der Größe der Zielgruppe noch der Höhe der behaupteten Zahlungsbereitschaft.“ Die dem Ernä hrungsreport zugrunde liegende Erhebungsmethode sei sehr anfällig für sozial erwünschtes Antwortverhalten, erklärt er.

Nachfrage im Handel
Nachhaltigkeitsthemen wie Tierwohl beeinflussten in zunehmendem Maße die Kaufentscheidung der Verbraucher, weiß Jürgen Mäder, Geschäftsführer von Edeka Südwest Fleisch. Dass die Bekundungen der Verbraucher jedoch nicht immer Bestand haben, beobachtet auch Detlev Weiler von Tegut. „Auch ein und derselbe Kunde hat – trotz der Bereitschaft, mehr zahlen zu wollen – an verschiedenen Tagen dann ein unterschiedliches Kaufverhalten.“ Anlassbezogen weiche man dann auch von seiner Grundeinstellung ab.

Ob Produkte von Tieren aus artgerechterer Haltung insgesamt stärker nachgefragt werden, wollte die LP vom Handel wissen (vgl. Grafik S.18). In puncto Zahlungsbereitschaft fiel das Ergebnis gar nicht so schlecht aus. Knapp 43 Prozent der Händler halten Aufschläge von 20 Prozent und mehr für akzeptabel. Der ernüchternde Punkt: Der Großteil der Händler kann – wenn überhaupt – eine nur leicht gestiegene Nachfrage nach Produkten verzeichnen, die mit den Labeln des Deutschen Tierschutzbundes, Vier Pfoten, KAT oder Neuland gekennzeichnet sind. Besser sieht es für EU-Bio- und Bio-Verbandsware aus. Informationsbedarf besteht bei den Kunden vor allem zu den Haltungsbedingungen und Unterschieden der Label.

Kommunikation gefordert
Die Vielzahl an neuen Labeln, die nur Teilaspekte betonten und keinen ganzheitlichen Bio-Ansatz verfolgten, sondern lediglich der Profilierung dienten, verwirre den Verbraucher, meint auch Stephan Paulke, Vorstand der Basic AG. Aufmerksamkeit und Vertrauen beim Kunden schaffen ist jedoch die Voraussetzung, sollen die Produkte gekauft werden und sich damit auch etwas in der Tierhaltung ändern. Die Westfleisch SCE machte mit der Aktion Tierwohl die Erfahrung, „dass ohne wahrnehmbare Kommunikation der Mehrleistung kein wahrnehmbares Interesse seitens der Verbraucher entsteht“, erklärt Hubert Kelliger, Vertriebsleiter National bei Westfleisch.

Wie plakativ die Kundenkommunikation sein kann, das zeigt Paulke in seinen Märkten: Elf Legehennen auf 1 qm. So sieht der Mindeststandard in der konventionellen Haltung aus. Die Öko-Landwirtschaft gewährt jedem Tier beinahe den doppelten Platz plus 4 qm Auslauffläche im Freien. Den Unterschied der Systeme macht Basic über eine Bodengrafik vor dem Eierregal sichtbar.

Die Edeka Südwest setzt in der Kundenkommunikation vor allem auf die Mitarbeiter an den Frischetheken. Die Regionalgesellschaft bietet unter der eigenen Marke Hofglück Produkte, die mit der Premiumstufe des Labels „Für mehr Tierschutz“ des Deutschen Tierschutzbundes zertifiziert sind. Neben Bio-Fleisch ergänzt im konventionellen Bereich „Gutfleisch“, eine regionale Marke, die an die Initiative Tierwohl gekoppelt wurde, das Angebot. Klar, dass da Fragen kommen. „Generell ist das Konzept der Bedientheke für unsere Kunden wie für uns selbst ein großer Vorteil in der Detail-Kommunikation solcher Konzepte. Wir schulen unsere Teams an den Frischetheken, um diesen Mehrwert adäquat transportieren zu können, erklärt Jürgen Mäder, Geschäftsführer der Edeka Südwest Fleisch. Wichtig ist ihm, dass dabei eine sachliche Aufklärung der Verbraucher erfolgt. „Deutschland verfügt über eine moderne, ertragsorientierte Landwirtschaft. Landwirte sind Unterne hmer. Und Fakt ist: Das Schwein auf der grünen Wiese ist nur noch selten anzutreffen.“ Mit mehr Transparenz gebe es auch keine Missverständnisse in der Wahrnehmung beim Kunden.