Marktrundgang Plusfrésc

Supermarkt in Katalonien: Gutes Betriebsklima, Toleranz, Begeisterung, nicht modisch, nur sehr langsames Wachstum

Mittwoch, 23. November 2022 - Ladenreportagen
Stefanie Claudia Müller
Artikelbild Plusfrésc
Bildquelle: plusfresc, scm, Fotos z.T. aus dem Testmarkt in Lleida

Bei Plusfrésc in der Via Augusta 188 im katalonischen Lleida wird es nur laut und stürmisch in Schulpausen, wenn pubertierende Teenager das übersichtliche Süßigkeiten-Regal stürmen. Das nehmen die 38 Mitarbeiter, darunter einige mit Behinderung, mit Humor. Lächeln ist hier Pflicht. Das verspricht schon der im Logo versteckte Smiley. Zudem steht dort auf Katalanisch: „Der Supermarkt, der dich liebt.“ Das fast 100 Jahre alte Familienunternehmen ist stolz auf seine Geschichte und Herkunft, aber auch auf sein Betriebsklima, wie die Ladenleiterin Vanessa Gacimartin bestätigt. Das Gleiche gilt auch weiter unten im zweiten Plusfrésc auf der Calle de Nicaragua. Die Begeisterung der Mitarbeiter steckt an. Die Supermarktkette Plusfrésc betreibt 82 Läden, hat rund 1.390 Angestellte sowie 40.373 Quadratmeter Verkaufsfläche.

Bei den Katalanen aus dem eher unscheinbaren Lleida ist schon seit Jahrzehnten „slow food“ und „slow growth“ das bestimmende Generalthema. Sie wehren sich gegen jede Massenmode und gegen schnelles Wachstum. „Es gab eine Zeit lang sogar so etwas wie Expansionsphobie“, erzählt Lluís Martínez-Ribes, der viele Jahrzehnte als rechte Hand von Gründer Rafael Pujol gearbeitet hat. Pujol studierte in Deutschland Chemie und promovierte, ist mit einer Deutschen verheiratet. So hat er viel gelernt über Discount und dass der in Spanien nicht so funktioniert wie in Deutschland.

Plusfrésc war einer der ersten Supermärkte in Spanien, die Kundenkarten hatten. 90 Prozent der Einkäufe wurden darüber abgerechnet. „Das ist eine perfekte Bestandsaufnahme der Kunden-bedürfnisse“, sagt Martínez-Ribes. Das machte Wettbewerber aufmerksam. Geschäftsführer Francisco González: „Es gab Übernahmeangebote, aber wir haben sie abgelehnt. Wir wollen organisch wachsen.“

PLUSFRÉSC, Via Augusta 188, Lleida, Katalonien:

1.200

qm Verkaufsfläche

38

Mitarbeiter

182,4
Mrd. Euro Jahresumsatz der

Pluscfrésc-Kette (Inhaber SUPSA Supermercats Pujol) 2021

85

Plusfrésc-Läden insgesamt

Frische und Technik

Ein wenig wie Edeka de luxe. Für Spanier. Bei Plusfrésc – Frischeplus auf Deutsch – gibt es kunstvoll gestapeltes Obst neben einer fast endlos langen Theke mit Käse-Gourmetprodukten gegenüber dem Unverpackt-Stand. Veganes überlebt dagegen ohne Probleme neben der Schinkentheke, wo noch von Hand und mit speziellen Messern der Serrano und Ibérico von der Keule geschnitten wird.

Auf 1.300 Quadratmetern arbeiten hier in einer der besseren Gegenden von Barcelona 38 Personen. In der Vinothek führt die Technik zur Flasche: Das am Weinregal befestigte Preisschild des gewählten Tropfens leuchtet nach Anklicken auf dem Info-Tablet auf.

Die 46-jährige Supermarktleiterin Gacimartin, die seit sechs Jahren im Flagship-Store an der Via Augusta 188 in Lleida arbeitet, glaubt, dass der regionale Aspekt das eigentliche Erfolgsrezept von Plusfrésc ist: „Die Kunden schätzen, dass sie sich im Laden über Lieferanten informieren können. Wenn diese aus der Gegend kommen, finden das viele vertrauenswürdig.“ Aber es sei auch die Toleranz und der Mut, den Plusfrésc im Laufe der Jahrzehnte bewiesen habe, erzählt Martínez: „Sie waren einer der ersten, die schwarze Menschen einstellten, obwohl sich Kunden darüber beschwerten.“ Für Gründer Pujol zähle jedoch der Mitarbeiter mehr.

Nach der Pandemie und dem Eintritt in den Rezessionsmodus nimmt man es wie Luxus wahr, dass hier in der von Touristen überlaufenen Metropole Barcelona die Mitarbeiter fröhlich und die Kunden in Kauflaune erscheinen. Der Platz vor den Kassen ist dabei so bequem weitläufig, dass Drängeln kaum nötig ist und selten vorkommt.

2 Fragen an

Lluis Martínez-Ribes, Marketing-Fachmann und ehemaliger Berater von Plusfrésc

Wie kann ein kleiner Supermarkt bei der aktuellen Inflation noch Geld verdienen?
Lluis Martínez-Ribes: Die Margen bei Frischwaren sind einfach größer und sie sind das Hauptgeschäft von Plusfrésc. Die beiden Eigentümerfamilien Pujol und Oncins kennen Lleida wie niemand anders. Sie können mit lokalen und regionalen Lieferanten gute Preise aushandeln und der spanische Konsument ist bereit, für Qualität zu bezahlen. Logistik und Management sind effizient und technologisch auf dem neuesten Stand. Die Belegschaft wird an die Stoßzeiten angepasst, und es gibt zudem weniger finanzielle Abhängigkeiten als in anderen Handelsunternehmen.

Was macht Plusfrésc anders?
Wer das verstehen will, der sollte nach Lleida kommen, wo die zwei experimentellen Sunka-Erlebnisläden ein Einblick in die innovative Denkweise der Gruppe erlauben. Die Event-Supermärkte dort fungieren wie Labore, um neues Design, Technologien, Dienstleistungen, Lieferanten oder Produkte auszuprobieren. Der Erfolg misst sich für die Eigner an der Zufriedenheit der Mitarbeiter und Kunden. Diese wiederum erklärt sich durch die Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Transparenz der Kette. Das Management propagiert nicht, es setzt Werte konkret um und das seit Jahrzehnten.

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