Fleisch Vom Stall bis zur Fleischtheke – so setzt Kaufland gemeinsam mit Landwirten mehr Tierwohl um

Hintergrund

Ein Besuch im Stall zeigt, wie der Kirchbühl-Hof Tierwohl konkret umsetzt – und wie Kaufland mit langfristigen Verträgen, Kontrollen und Vermarktung Verantwortung entlang der Lieferkette übernimmt.

Montag, 05. Oktober 2026, 07:40 Uhr
Jens Hertling
Joachim Deitigsmann setzt sich für mehr Tierwohl ein: Die Schweine haben im Stall 40 Prozent mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben. Bildquelle: Jens Hertling

Am Morgen liegt noch Ruhe über dem Hof in Kupferzell-Goggenbach bei Heilbronn. Zwischen den Gebäuden steht die Luft klar und kühl. Im Stall der Kirchbühl GbR dagegen haben die Mitarbeiter längst mit ihrer Arbeit begonnen. Die Schweine wühlen im Stroh und stupsen gegen Ketten, die von der Decke hängen. Die Schweine kommen und gehen ständig – sie bleiben lebhaft, aber nicht unruhig.

Mitinhaber Joachim Deitigsmann bleibt an einer Bucht stehen und beobachtet die Tiere. „Das ist unsere Vorstellung von Haltung mit zusätzlichen Tierwohlmaßnahmen“, erklärt er. Die Kirchbühler setzten diese Idee 2015 mit einem Maststall für 1.482 Mastschweine um. Die Tiere haben 40 Prozent mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben. Außerdem steht ihnen ein Außenbereich zur Verfügung, und sie erhalten täglich frisches Stroh.

Tierwohl beginnt mit Hygiene

Jeder Besucher wechselt Schuhe und Kleidung und reinigt seine Hände. So halten die Verantwortlichen Krankheitserreger fern. Für Deitigsmann beginnt Tierwohl deshalb bereits bei der Biosicherheit. Der Stall bietet den Tieren mehr als nur ein Dach. Die Mitarbeiter hängen zwischen den Buchten Ketten auf, stellen Blechdreiecke auf und legen Stroh und Heu in Raufen. Die Schweine zupfen daran, kauen, schieben und wühlen. Deitigsmann nennt diese Vorrichtungen „wesentliche Beschäftigungselemente“.

Schweine seien neugierig, aktiv und intelligent, erklärt er. Die Mitarbeiter müssten die Tiere nicht nur füttern, sondern ihnen auch Reize und Beschäftigung anbieten. Wenn solche Möglichkeiten fehlen, entwickeln die Tiere möglicherweise Frust. Der Betrieb benötigt pro Jahr rund 2.000 Strohballen als Beschäftigungsmaterial. Dieser Aufwand bleibt erheblich, obwohl im Stall viele Abläufe automatisch funktionieren.

Vor Ort mischen die Mitarbeiter Weizen, Gerste und Mais mit Raps- und Sojaschrot. Für jede Altersgruppe stellen sie passende Rationen zusammen. „Wir wollen jede Stallkammer altersgerecht versorgen“, sagt Deitigsmann. Die Idee dahinter ist einfach: Die Mitarbeiter sollen den Bedarf der Tiere berücksichtigen, statt sie nach einem starren Schema zu füttern. Mehr Platz, frische Luft, Stroh und angepasstes Futter kosten jedoch mehr. Damit das Modell funktioniert, muss es auch außerhalb des Stalls Bestand haben. Hier setzt Stefan Gallmeier, Geschäftsführer für den Einkauf von Fleischwaren bei Kaufland, an.

Die zweite Hälfte des Tierwohls

Gallmeier spricht nicht im Stall, sondern über den Stall. Als Geschäftsführer bei Kaufland betrachtet er das Tierwohl aus der Perspektive einer langen Lieferkette. Für ihn gehören der Landwirt, der Schlachthof, die Verarbeitung, die Logistik und die Fleischtheke zusammen. „Wertschätzung für das Tier, für den Landwirt und für das Lebensmittel Fleisch“, sagt Gallmeier. Das Programm „K-Respekt fürs Tier“ übersetzt diese Wertschätzung in konkrete Abläufe. Die Betriebe schaffen mehr Platz, ermöglichen Außenklima, bieten Stroh an und verfüttern gentechnikfreie Futtermittel. Außerdem schließen die Partner langfristige Verträge, beauftragen externe Prüfungen und kennzeichnen die Produkte transparent.

Kaufland startete das Programm im Oktober 2016. Damals, erinnert sich Gallmeier, gab es weder die Haltungsform noch ausgereifte Programme. „Wir haben das Programm einfach aus der Taufe gehoben“, sagt er.  Aus einem ersten Betrieb in Norddeutschland entwickelte sich nach und nach ein bundesweites Netzwerk. Inzwischen beliefern mehr als hundert Betriebe das Programm. Jede Woche vermarktet Kaufland mehrere Tausend Tiere. Die Verantwortlichen müssen die Mengen genau planen.

„Wir versuchen, alle Betriebe immer so zusammenzustellen, dass wir kontinuierliche Mengen erhalten“, sagt Gallmeier. Tierwohl soll nicht nur möglich sein, sondern regelmäßig funktionieren – Woche für Woche und Filiale für Filiale. „Das Hauptthema heißt Effizienz in der ganzen Kette“, sagt er. „Kurze Wege, wenige Schnittstellen und eine ganzheitliche Vermarktung des Tieres.“

Sicherheit für die Betriebe

Für einen Landwirt stellt Tierwohl zunächst eine Investitionsentscheidung dar. Wer mehr Platz schafft oder einen Außenklimabereich einrichtet, bindet über Jahre Kapital. Deshalb braucht er nicht nur Anerkennung, sondern auch eine verlässliche Abnahme.

„Wir wollten die Geschäftsbeziehung direkt aufbauen“, sagt Gallmeier. Die Beteiligten sollten die Kriterien gemeinsam entwickeln. Sie wollten sich austauschen, voneinander lernen und schließlich Garantien geben. Gallmeier nennt „Fünf-Jahres-Verträge“ als Beispiel. Diese Verträge geben den Betrieben mehr Planungssicherheit.

Das Risiko des Marktes verschwindet dadurch nicht. Die Preise für Schweine schwanken, ebenso die Kosten für Futter, Energie und Bauleistungen. Die Betriebe können ihre Abnahme jedoch besser kalkulieren. Gallmeier formuliert einen Grundsatz: „Wenn ich etwas nicht zusagen kann, sollte ich es auch nicht versprechen.“

Auch bei den Preisen versucht Kaufland nach eigenen Angaben, extreme Ausschläge abzufedern. Neben der jeweiligen Marktnotierung zahlt das Unternehmen Boni für Tierwohlleistungen. Zusätzlich vereinbarten die Partner eine Mindestnotierung.

„Wäre die Notierung auf 1,35 Euro gefallen, hätten wir dem Landwirt trotzdem 1,40 Euro gezahlt“, sagt Gallmeier. Die Beteiligten müssen eine solche Absicherung allerdings regelmäßig überprüfen. Was gestern angemessen war, reicht bei steigenden Kosten heute möglicherweise nicht mehr aus.

Externe Zertifizierungsstellen kontrollieren die Kriterien. Zusätzlich besuchen Kaufland-Mitarbeiter die Höfe und sprechen mit den Landwirten über die Entwicklung der Haltung. „Wir versuchen, regelmäßig alle Betriebe persönlich zu besuchen und uns ein Bild vom Zustand der Betriebe zu machen“, sagt Gallmeier. Dabei prüfen die Verantwortlichen nicht nur, ob im Stall Stroh liegt. Sie berücksichtigen auch die Tiergesundheit, das Stallklima und die Befunde aus dem Schlachthof. Auffälligkeiten an Lunge, Leber oder Herz können auf Probleme hinweisen. Wenn sich beispielsweise Lungenbefunde häufen, prüfen die Verantwortlichen die Luftführung, die Einstreu und eine mögliche Staubbelastung.

Damit beobachten die Beteiligten das Tierwohl fortlaufend. Die Verantwortlichen prüfen einen Betrieb nicht nur einmal und überlassen ihn anschließend sich selbst. Daten, Besuche und Gespräche zeigen ihnen, wo sie Verbesserungen umsetzen können.

Das ganze Tier im Blick

Eine der größten Herausforderungen liegt nicht im Stall, sondern an der Fleischtheke. Kunden kaufen besonders gerne Filet, Nacken und Oberschale. Bauch, Eisbein oder dicke Rippe verkaufen sich häufig langsamer.

„An jedem Tier hängen auch ein oder zwei Eisbeine. Auch der Bauch gehört zu jedem Tier“, sagt Gallmeier. Die höheren Haltungsformen lassen sich nur vermarkten, wenn die Kunden auch diese Teilstücke kaufen. Die Verantwortlichen können Rückenstücke einfrieren und später für Grillprodukte verwenden. Die Mitarbeiter verarbeiten Abschnitte zu Wurst. „Wenn du Schnitzel schneidest, bleiben Abschnitte übrig. Diese Abschnitte sind keine Schnitzel mehr. Die Wurstverarbeitung veredelt sie“, sagt er.

Dass der Betrieb das Tier vollständig verwertet, ist für ihn nicht nur wirtschaftlich wichtig. Für ihn drückt die vollständige Verwertung auch Wertschätzung gegenüber dem Tier aus. „Unsere Philosophie lautet: Wir handeln mit Tieren und vermarkten sie vollständig“, sagt er.

Die Mitarbeiter bringen die Tiere zu sechs regional verteilten Schlachthöfen. Anschließend bündelt Kaufland die Verarbeitung der Ware aus der Haltungsform 3 zentral. Dadurch steuern die Verantwortlichen die Mengen und kontrollieren die Standards leichter. „Wenn wir Standards an einem Ort erzeugen und hochhalten, gelingt uns das leichter als an zwei Orten“, sagt Gallmeier.

Damit Kunden das Tierwohl im Markt erkennen, kennzeichnet und erklärt Kaufland die Produkte. Das Unternehmen informiert Kunden mithilfe von Handzetteln, App, Plakaten und an der Fleischtheke. Die Verantwortlichen schulen die Mitarbeiter, damit sie Fragen zu Haltungsformen und Herkunft beantworten können. „Eine klare und transparente Kennzeichnung ist entscheidend“, sagt Gallmeier. Denn zwischen dem Stall in Kupferzell-Goggenbach und dem Einkaufswagen entstehen viele Fragen: Was bedeutet mehr Platz konkret? Wofür setzen die Beteiligten den Mehrerlös ein? Wer kontrolliert die Kriterien? Und was machen die Verantwortlichen mit dem weniger gefragten Teilstück?

Tierwohl unter Druck

Der Umbau der Tierhaltung stockt. Inflation, unzureichende Förderungen und eine schwache Nachfrage nach teureren Tierwohlprodukten bremsen die Entwicklung. Auch Kaufland beobachtet diese Veränderungen. Der Weg zu den politischen und gesellschaftlichen Zielen für das Jahr 2030 ist schwieriger geworden. „Der große Tierwohlgedanke bleibt, aber es ruckelt ein bisschen“, sagt Gallmeier. Tierwohl bleibt für Kunden, Landwirte und den Handel ein wichtiges Thema. Die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen haben sich jedoch deutlich verschlechtert.

Stefan Gallmeier beantwortet diese Fragen nicht mit großen Versprechen. Stattdessen verweist er auf Verträge, Kontrollen und die tägliche Arbeit in der Lieferkette. „Wenn alle an einem Strang ziehen, lässt sich so etwas auch erfolgreich umsetzen“, sagt er.

Zurück im Stall schiebt ein Schwein seine Schnauze durch das Stroh, während ein anderes an einer Kette zieht. Was nach Alltag aussieht, beruht auf vielen Entscheidungen. Tierwohl beginnt im Stall, muss sich aber auch beim Vertrag, im Schlachthof, in der Verarbeitung und an der Kasse bewähren.

3 Fragen an Stefan Gallmeier, Geschäftsführer Einkauf bei Kaufland Fleischwaren

Ist das Tierwohlziel für 2030 erreichbar?

Wir halten daran fest, allerdings ist es schwieriger geworden, weil hohe Kosten, fehlende Förderungen und eine zurückhaltende Nachfrage den Umbau bremsen.

Was verspricht Kaufland den Landwirten?

Wir möchten die Betriebe langfristig begleiten, die Tiere abnehmen und den zusätzlichen Aufwand für mehr Platz oder Stroh fair vergüten.

Warum müssen die Partner diese Verträge einhalten?

Ein Landwirt investiert viel Geld und Arbeit in den Umbau seines Stalls. Ohne verlässliche Verträge wüsste er nicht, ob sich diese Investition langfristig lohnt.

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