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Transport und Logistik Erst Helden und bald pleite?

Markus Wörmann | 19. Juni 2020
Transport und Logistik: Erst Helden und bald pleite?
Bildquelle: Piotr Banczerowski

Vor wenigen Wochen waren Lkw-Fahrer und Transportunternehmen noch Helden der Corona-Krise. Wichtige Eckpfeiler, um die Versorgung sicherzustellen. Jetzt droht vielen Mittelständlern die Pleite, weil Auftraggeber die Transportpreise drücken.

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Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Bundesverbandes Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), ist merklich sauer. „Erst waren die Transporteure die Helden des Alltags, jetzt wird massiv und unanständig versucht, die Transportpreise zu drücken“, erklärt der Professor für Logistik im LP-Gespräch. Hintergrund ist, dass nach der Lockerung der Reisebeschränkungen wieder sehr viele ausländische Transportunternehmen, insbesondere aus Osteuropa, auf den deutschen Markt drängen. Während des Lockdowns waren sie in ihre Heimatländer zurückgekehrt, hatten Corona-Deutschland den Rücken gekehrt, bevor die Grenzen dicht machten.

Jetzt sind sie wieder da und treffen auf einen Markt, in dem mehr Transportkapazitäten vorhanden sind als Güter, die es zu befördern gilt. Denn das produzierende Gewerbe in Deutschland fährt erst langsam seine Herstellung wieder hoch. Der internationale Handel, insbesondere mit Asien wird noch Wochen benötigen, um sich wieder einzupendeln. Seecontainer wurden in Deutschland schon zur Mangelware, während sie sich beispielsweise in China stapelten. All das führt dazu, dass es ein Überangebot an Transportkapazitäten gibt.

In diesem Marktmechanismus von Angebot und Nachfrage wittern viele Auftraggeber, sowohl aus Industrie, Handel als auch Speditionen ohne eigenen Fuhrpark, die Chance, an der Kostenschraube zu drehen. „Preise werden teilweise um die Hälfte gedrückt“, erzählt Dirk Engelhardt. Und einige ausländische Transporteure, die in den letzten Wochen in ihrer Heimat fast gar nichts verdient hätten, würden fast zu jedem Preise fahren. Mit all den Folgen für die oft osteuropäischen Lkw-Fahrer, die bereits vor Corona unter teilweise unwürdigen Umständen in ihren Lkw hausten, immer auf die nächste Fracht wartend.

Der Bundesverband sammelt solche Informationen und spricht die auftraggebenden Unternehmen teilweise direkt an. „Es geht darum, eine Sensibilität dafür zu erzeugen, dass wir auch in Zukunft Transportunternehmen im eigenen Land brauchen“, erläutert Dirk Engelhardt. Gerade die Corona-Krise habe gezeigt, dass man mit ausländischen Lastern das System nicht am Laufen halten könne, die Versorgung der Bevölkerung nicht sicherzustellen sei. „Wenn die nächste Pandemie kommt, sind die Osteuropäer wieder zu Hause und niemand transportiert das Toilettenpapier“, bringt es Engelhardt auf den Punkt. Denn er befürchtet, dass viele mittelständische Transporteure in Deutschland den aktuellen Preiskampf nicht lange durchhalten können.

Zusätzlich würde das Preisdumping, wie es der Vorstandssprecher des BGL bezeichnet, ein bereits seit längerem existierendes Problem weiter anheizen. „Je nach Schätzung fehlten bereits vor Corona 40.000 bis 60.000 Fahrer in Deutschland“, sagt Engelhardt. Würden die Verdienstmöglichkeiten aufgrund des Wettbewerbsdrucks weiter sinken, verlöre der Beruf weiter an Attraktivität. Schon heute ließen sich im langfristigen Mittel jährlich nur etwa 15.000 Fahrer neu ausbilden, während 30.000 Brummi-Fahrer im selben Zeitraum in Rente gingen. Dirk Engelhardt appelliert gerade mit Blick auf die Zukunft: „Bezahlt die Transportunternehmen anständig!“ Ansonsten drohe das Transportgewerbe aus Deutschland immer mehr abzuwandern.

Der BGL-Vorstandssprecher glaubt fest daran, dass dieser Appell und die Gespräche mit den Auftraggebern nicht ins Leere laufen. Diese Erfahrung habe er während des Lockdowns gemacht. „Viele unserer Lkw-Fahrer durften in dieser Zeit insbesondere bei Lebensmittelunternehmen und in Logistikzentren zunächst nicht mehr die örtlichen sanitären Anlagen nutzen. Zum Teil wurden auf Parkplätzen primitive mobile Toilettenhäuschen für die Fahrer aufgestellt, was nicht nur auf Dauer unzumutbar ist“, berichtet Engelhardt, der selbst früher hinterm Steuer saß. Hier hätte eine direkte Ansprache, beispielsweise auch durch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, Landesverbände des BGL oder dem Handelsverband Deutschland, Abhilfe geschaffen.

Darüber hinaus wurde mit Tank & Rast vereinbart, dass Fahrer mit der neuen Brummi-Card, die als BGL-Servicekarte für unterschiedliche Dienstleistungen konzipiert ist, noch bis zum 15. September kostenlos Toilette und Dusche nutzen dürfen. Wird das verwehrt oder sind die sanitären Anlagen in einem schlechten hygienischen Zustand, können sich die Fahrer direkt an eine Hotline wenden. Lkw-Fahrer tauschen sich dazu gerne direkt in sozialen Medien aus. Geben Tipps, wo man als Fahrer anständig Pause machen kann. Befürchtet wird dort von den Fahrern aber auch, dass sich die Betreiber von Raststätten über höhere Essenspreise das Geld wiederholen würden.