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Tönnies-Werksschließung Keine amerikanischen Verhältnisse

Jens Hertling | 24. Juni 2020
Tönnies-Werksschließung: Keine amerikanischen Verhältnisse
Bildquelle: Getty Images

Nach einem Corona-Ausbruch bei Tönnies steht der größte deutsche Schlachtbetrieb für Schweine still. Nach Auskunft der Experten werden die Preise für Schweinefleisch vorerst nicht steigen.

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Auf die Versorgung der Verbraucher wird der Ausfall der Schlachtmengen in Rheda-Wiedenbrück nach Einschätzung von Marktbeobachtern keine kurzfristigen Auswirkungen haben. „Ich gehe nicht davon aus, dass Fleisch hierzulande knapp wird“, sagt Marktanalyst Tim Koch, Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI), auf Anfrage der LP. Am deutschen Schlachtschweinemarkt waren Angebot und Nachfrage bis Mitte voriger Woche ausgeglichen. Die Preisnotierung für Schlachtschweine der Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG) blieb daher am vergangenen Mittwoch mit 1,66 Euro je Kilo Schlachtgewicht (SG) unverändert.

Wegfall von großen Schlachtkapazitäten

„Im Zuge der Schließung von Tönnies ist ein nicht unwesentlicher Teil der Schlachtkapazitäten weggefallen“, sagt Tim Koch. In Rheda-Wiedenbrück werden wöchentlich zwischen 100.000 und 140.000 Schweine geschlachtet und zerlegt, also jedes siebte Schwein in Deutschland. Laut Koch gebe es in Deutschland ein paar Vorteile, die den Wegfall kompensieren. Zum einen gebe es seit mehreren Jahren Jahr rückläufige Bestände. „Wir hatten in diesem Jahr schon vor Corona rückläufige Schlachtzahlen. Das Angebot an Schlachtschweinen ist im Vergleich zu den Vorjahren relativ klein“, so Koch. Dadurch werde es potentiell leichter, die Warenströme umzulenken. Zudem führt Deutschland jedes Jahr 3,2 Millionen Schlachtschweinen ein. Der Import könnte auch beschränkt werden.

„Wir werden durch die Werksschließung Überhänge haben. Aber das Chaos wird nicht so groß sein, wie es befürchtet wird.“ Es bleibe dennoch abzuwarten, wie sich der Markt nach den zwei Wochen der Werksschließung entwickelt. Vorerst geht Koch von einer stabilen Preisentwicklung in den nächsten zwei Wochen aus.

Ob es zu Preisanhebungen bei Schweinefleisch kommt, ist nach Einschätzung von Marktbeobachter Koch erst in einigen Wochen abzusehen. Der Handel habe in der Regel mit den Schlachtunternehmen längerfristige Verträge zu Mengen und Preisen abgeschlossen, sagt er.

Wird Fleisch knapp?

Fleisch wird auch in der Zukunft nach Ansicht von Koch nicht knapp werden. Allerdings sei der Betrieb in Rheda-Wiedenbrück nicht nur Schlachtbetrieb, sondern auch ein Zerlegebetrieb. Damit sei Tönnies auch einer der größten SB-Produzenten. „Es ist nicht ausgeschlossen, dass kurzfristig Artikel wegfallen. Es wird ein paar Lieblingsprodukte geben, die knapp werden“, so Koch. Die Händler werden Alternativen finden, so Koch. „Von amerikanischen Verhältnissen sind wir weit entfernt“, sagt Koch.

Ulrich Pohlschneider, Mitarbeiter der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands, geht aktuell von einem unveränderten Preisniveau am Schlachtschweinemarkt aus. Er hoffe, dass die Preise auch nach den voraussichtlich zwei Wochen Werksschließung stabil bleiben. Er sagte gegenüber der LP, dass in den vergangenen Tagen bei den anderen Schlachtbetrieben ein umfangreicheres Angebot zu verzeichnen war. Zwar sollen schlachtreife Tiere an die anderen Unternehmensstandorte in Sögel und Weißenfels umgeleitet werden, doch dies dürfte allein nicht reichen; andere Schlachter müssen einspringen. Sollte die Betriebsschließung länger dauern, ist ein Rückstau von Schweinen zu befürchten.

Auch Wettbewerber Vion äußert sich, und zwar zur Frage, ob es Versorgungsengpässe geben wird. „Die Mengen an SB-Fleisch, die Tönnies normalerweise wöchentlich in den Discount liefert, können so kurzfristig nicht ersetzt werden. Obwohl die Konkurrenz hilft, sind diese Volumen nicht zu stemmen“, heißt es in einer Stellungnahme. Vion und die anderen aus der Branche schaffen bei größter Anstrengung gerade mal den „berühmten Tropfen auf den heißen Stein“. Erschwerend kommt hinzu, dass in Corona-Zeiten wie aktuell, Sicherheitsabstände, Hygienekonzepte, Dauer-Testungen von Mitarbeitern, der ganze zusätzliche Aufwand, der Zeit, Geld und Kapazitäten in Anspruch nimmt, eine Ausweitung des Geschäfts nahezu unmöglich macht. Denn schon seit Wochen läuft die Produktion in den Fleischbetrieben am obersten Limit. Im Vion-Konzern werden alle Unternehmensteile, Tochter- und Schwesterbetriebe voll beansprucht. Wie Johannes Kölker, Geschäftsführer der Vion-Convenience GmbH, Großostheim, gegenüber der Lebensmittel Praxis mehrfach betont, versucht die ganze Branche zu helfen. Jeder denke im Moment nur, dass das, was jetzt bei Tönnies passiert, eine einzige Katastrophe sei, vor allem für Tönnies, aber auch für die gesamte Branche. Sorge schwingt mit in diesen Worten, denn in der Tat weiß man noch nicht, wie das Virus in den Betrieb gelangt ist und sich derart ausbreiten konnte. Das beunruhigt viele, die selbst Produktionen leiten.

Kooperationen

Westfleisch kooperiert in der Krise, wie Philip Ley, Pressesprecher auf Anfrage der LP bestätigt. „Während der vorübergehenden Schließung des Coesfelder Standorts hatte Westfleisch in Absprache eine Woche lang Schweine zu Tönnies liefern lassen. Aktuell hat Westfleisch Tönnies Unterstützung angeboten.“

Der Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands (WLV), Hubertus Beringmeier, meldete sich in den sozialen Medien, zu Wort. Demnach sei kein großer Rückstau zu erwarten, die Schweine würden auf andere Betriebe umgeleitet. Dr. André Vielstädte, Leiter der Unternehmenskommunikation bei Tönnies, rechne ebenfalls mit keinem Rückstau, wie er auf der Pressekonferenz äußerte.

Nach dem Corona-Ausbruch in Rheda-Wiedenbrück übernimmt Weidemark im emsländischen Sögel Schlachtvieh des Mutterunternehmens, wie der NDR meldet. Der Schlachthof in Sögel ist bereits wegen der laufenden Grillsaison gut ausgelastet. Daher werden dort jetzt zusätzliche Schichten geprüft, wie NDR 1 Niedersachsen berichtet. Derzeit werde eine zusätzliche Schicht für Sonnabend erwogen, dazu gebe es Gespräche mit der Gemeinde Sögel, sagte Weidemark-Geschäftsführer Christopher Rengstorf. In Sögel werden aktuell rund 70.000 Schweine pro Woche geschlachtet.

Nach dem Corona-Ausbruch beim Schlachtbetrieb Tönnies in Nordrhein-Westfalen werden in den bayerischen Niederlassungen vorerst keine Tiere mehr geschlachtet. „Unser Kühlhaus ist voll. Wir müssen die Tiere erst zerlegen, bevor wir wieder schlachten können“, sagte ein Unternehmenssprecher gegenüber der Nachrichtenagentur DPA. Eine Corona-Infektion sei nicht der Grund. Mehrere Medien hatten über eine mögliche Schließung der Schlachthöfe in Bamberg und Kempten spekuliert. Normalerweise würden die Rinder in Bayern geschlachtet und erst in der Fleischfabrik im westfälischen Rheda-Wiedenbrück zerlegt, erklärte der Sprecher.

LEH verfolgt das Geschehen

Auch im Lebensmittelhandel wird die Lage beim größten deutschen Schlachtunternehmen genau verfolgt. Die Discounter Aldi Süd und Nord teilten mit, sie stünden aufgrund des Corona-Ausbruchs mit Tönnies und auch weiteren Lieferanten in Verbindung. „Dabei ist es von besonderer Relevanz für uns zu erfahren, ob alle Schutzmaßnahmen umgesetzt und eingehalten wurden“, erklärte eine Sprecherin gegenüber der Nachrichtenagentur DPA. Auch das NRW-Landwirtschaftsministerium versicherte, es drohten keine Versorgungslücken. Offen blieb zunächst, welche Folgen die Schließung bei Tönnies auf die Fleisch- und Wurstpreise hat. Das könne derzeit „nicht verlässlich vorhergesagt werden“, sagte ein Rewe-Sprecher.

Besteht Gefahr für Verbraucher durch Tönnies-Fleisch? 

Bei dieser Frage sind sich viele Experten einig. Ernährungswissenschaftlerin Sabine Klein, die bei der Verbraucherzentrale NRW für das Thema Fleisch zuständig ist, erklärt gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) „Nach jetzigem Kenntnisstand ist der Verzehr des Fleisches aus Tönnies-Betrieben in Rheda-Wiedenbrück unbedenklich.“ Der Lebensmittelverband stellte in einer Pressemitteilung klar: „Das Fleisch kann bedenkenlos verzehrt werden.“ Dr. Sieglinde Stähle, Wissenschaftliche Leitung erklärt: „Unabhängig von der Frage, wie es zu der Verbreitung des Coronavirus kommen konnte, geht es für die Verbraucher um die gegebene Lebensmittelsicherheit. Diese besteht unzweifelhaft. Selbst wenn in den Betrieben möglicherweise kurzfristig unwissentlich infizierte Personen beschäftigt sind oder waren, geht von dem dort gewonnenen Fleisch und den daraus hergestellten Produkten keinerlei Infektionsrisiko aus.“