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Nahversorger Chancen und Nöte

Bettina Röttig | 06. April 2020

Bildquelle: Utz

Die ländlichen und urbanen Nahversorger, die mancher Kunde in Normalzeiten nicht auf dem Bildschirm hatte, erfahren in Corona-Zeiten deutlich mehr Zuspruch, reagieren ihrerseits auf die Krisenlage und rechnen mit weiterhin steigenden Kundenzahlen. Aber es kommen auch Existenzängste auf. Lesen Sie, welche Konzepte getestet werden.

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„Wir betreten in Pandemie-Zeiten Neuland, rechnen in naher Zukunft mit einer steigenden Anzahl von Kunden, Bürgern und ganzen Familien, die sich in unserer Region in häuslicher Quarantäne befinden. Wir werden in der Startphase Erfahrungen sammeln und im Verlauf der Zeit unser Liefer-Konzept anpassen müssen“, sagt Günter Lüning, Initiator des Dorfladens in Otersen, Landkreis Verden.

Der genossenschaftlich organisierte Markt, ist ein etablierter Nahversorger und feiert in diesem Jahr sein 20-Jähriges. Eine schnelle Reaktion auf die veränderten Bedingungen war die Installation eines Lieferdienstes differenziert für Senioren und für Haushalte in Corona-Quarantäne. Dreimal wöchentlich jeweils am Montag, Mittwoch und Freitag soll geliefert werden. An den Bestell- und Liefertagen werden die Einkaufslisten in der Zeit von 10 bis 12 Uhr telefonisch oder per Mail angenommen. Es gelten die „haushaltsüblichen Mengen“. Geliefert wird am gleichen Tag bis 18 Uhr. Der Bestellwert sollte nicht unter 20 Euro liegen. Der Service ist kostenfrei, aber eine kleine Spende ist willkommen.

Die Belieferung von Risikogruppen und die Koordination örtlicher Nachbarschaftsinitiativen erweitert das Profil der lokalen Geschäfte. Eine Soforthilfe für Dorfläden mit Lieferservice hat das rheinland-pfälzische Innenministerium aufgelegt. Bis zu 1.500 Euro werden gezahlt. „Wir wollen das große Engagement vor Ort mit einer Soforthilfe für solche Dorfläden noch einmal stärken, die nun im Zuge der Pandemie verstärkt auf Auslieferungen setzen und so beispielsweise ältere Mitmenschen versorgen“, sagt Innenminister Roger Lewentz (SPD). „Immer mehr Bürgerinnen und Bürger wissen die Vorteile einer wohnortnahen Einkaufsmöglichkeit zu schätzen, die die Dorfläden in ländlichen Gegenden bieten“, sagte Lewentz. Die Nachfrage steige und es fänden sich immer neue Helfer, die die Lieferungen unterstützten. Antragsberechtigt sind Dorfläden, die bereits durch Dorfladenprojekt M.Punkt RLP begleitet oder durch die Dorferneuerung oder andere Förderprogramme des Landes unterstützt wurden. Anträge können ab sofort eingereicht werden: www.m-punkt-rlp.de


Um den Kontakt zum Kunden zu bekommen, empfiehlt M.Punkt RLP den Betreibern die telefonische Erreichbarkeit sicherstellen, ggfs. über eine separate Nummer, um das laufende Ladengeschäft nicht zu belasten. Als weitere Möglichkeiten bieten sich formlose Bestellung per Mail, Bestellformulare zum Download auf der Homepage und zum Einwerfen in Briefkästen an. Auch ein direkt ausfüllbares Formular auf der Internetseite ist eine Lösung. Ebenso empfiehlt sich das bestehende Sortiment gegebenenfalls für die kommenden Wochen zu erweitern, um die um die Grundversorgung für die Bürger im Ort zu gewährleisten -natürlich die Verfügbarkeit vorausgesetzt.

Beim Lebensmittel-Großhandel Utz in Ochsenhausen wurde in der vergangenen Woche mehr als das Doppelte des üblichen Warenvolumens bewegt, weil die Nahversorger im Vertriebsgebiet einen deutlich höheren Kundenzulauf verzeichnen und selbst an Tankstellen Tabakwaren „gehamstert“ wurden. Generell gehe die Einkaufsfrequenz zurück, aber es lande mehr Ware im Einkaufskorb, sagt Geschäftsführer Rainer Utz. Das mag daran liegen, dass Discounter und große Vollsortimenter vorübergehend ausverkauft waren. Aber Utz ist überzeugt, dass die Nähe zum Einkaufsort stärker ins Bewusstsein rücke und damit an Bedeutung gewinne. Darüber hinaus sei die soziale Komponente trotz gebotenem Sicherheitsabstand nicht zu vernachlässigen. Die Leute sind weitgehend fixiert auf den Ort und rücken als Antwort auf die Krise enger zusammen. Viele lokale Dorfläden haben auch im Süden Deutschlands inzwischen einen Bringdienst organisiert und werden dabei beispielsweise von Vereinen unterstützt.

Bei den Corona-Bestsellern Klopapier und Hefe stieg der Absatz bei Utz überdurchschnittlich. Bei Margarine, Fetten und Ölen um den Faktor 1,5 und bei Konserven, Wasch-Putz-Reinigungsmitteln sowie Hygieneprodukten um jeweils 2,5. Rückläufig sind dagegen Süßwaren. Die Warenversorgung der Industrie bewertet man in Ochsenhausen als „angespannt“. „Wir können aber unsere Kunden weiterhin mit fast allen Artikeln versorgen.“ Lediglich in oben genannten Warengruppen gäbe es deutliche Lieferengpässe. Bei der Nachfrage nach drei Wochen im Corona-Modus registriert Utz eine leichte Normalisierung. Bei den angeschlossenen Tankstellen und Kiosken hingegen ist ein deutlicher Rückgang im Shop-Umsatz zu verzeichnen.

Andererseits vermissen die ländlichen und städtischen Nahversorger ihre Frühstückskunden und Café-Besucher, weil beispielsweise Industrie- und Handwerksbetriebe geschlossen haben oder mit reduzierter Mannschaft arbeiten. Das schlägt ebenso beim Tankstellengeschäft durch. „Eine deutlich verminderte Besuchsfrequenz und eingeschränkte Öffnungszeiten“, stellt Michael Cames, Geschäftsführer des Lebensmittel-Großhandels Peter Cames in Neuss, darüber hinaus fest. Er erwartet, dass bis zu den Ostertagen noch mehr Stationen ihre Öffnungszeiten reduzieren werden. Das gilt inzwischen auch für Kioske ohne Zeitungsverkauf sowie die Verkaufsstellen an Bahnhöfen, Flughäfen und Messen. An den geöffneten Verkaufspunkten war zuletzt vor allem ein Bevorratungskauf von Tabakwaren erkennbar.

In dieser nicht absehbaren Corona-Krise stehen auch Existenzen auf dem Spiel. Der Schuh drückt mehrfach. Rechtzeitige Finanzierung, Bankenkredite, Personaldecke und -kosten, oder Anträge für Beihilfen können zu einem bedrohlichem Problem werden. Antworten und „Erste Hilfe“ finden die Kaufleute auf der Website von Cames (www.cames-grosshandel.de). Eine gute und praktische Informationsquelle unter dem Punkt Stichpunkt Covid-19, teilweise auch in türkisch. Empfohlen werden unter anderem als gute Übersicht die Webseiten www.familienunternehmer.eu und www.ihk-krefeld.de

„Wir sind ganz bestimmt keine Krisen-Profiteure, ebenso wenig wie viele kleine Nahversorger, die nun mehr verkaufen könnten, sofern die Ware rechtzeitig durch die Lieferkette gelangen würde“, bringt es Cames auf den Punkt und hofft, dass sich nicht absehbare Anlaufschwierigkeiten nach der Krise im Rahmen halten werden.

Vor neuen Herausforderungen steht man auch bei „Heiko -Mein Kaufzuhaus“, der mit seinen rollenden Supermärkten schwerpunktmäßig in der Eifel, im benachbarten Saarland, flächendeckend in Luxemburg und im deutschsprachigen Raum Belgiens unterwegs ist. „Anfangs hatten wir zeitweise Land unter“, berichtet Prokurist und Vertriebsleiter Oliver Hofrath. Noch mehr Anfragen von Gemeinden seien eingegangen, ob man sie anfahren könne. „Das ist natürlich eine große Herausforderung aber gleichzeitig eine Riesenchance für unsere ‚Nische‘.“ Gott sei Dank sei bei Heiko noch keinen Corona-Fall bei den Mitarbeitern aufgetreten, aber auch so stoße man an Grenzen, was die Erweiterung der Touren und die Belastbarkeit der Mitarbeiter angehe.

Die Fahrer registrieren viele Neukunden und die Stammkunden würden einfach mehr und vielfältiger einkaufen, nicht nur Eier und Speck. Besonders gefragt sind Obst und Gemüse sowie Fleisch, Wurst- und Backwaren. Das Bargeldloses Zahlen ist jetzt auch an den Verkaufswagen möglich. Besondere Hygienemaßnamen an den Fahrzeugen mit seitlich aufklappbarer Luke sind nicht erforderlich, da durch die hohe Glasscheibe an der Theke kein Kontakt mit der Ware möglich und ein Sicherheitsabstand von 2 Meter zwischen Verkäufer ist. In den begehbaren Verkaufsmobilen trennt eine durchgängige Plexiglasscheibe den Kassenbereich ab und es wird jeweils nur ein Kunde hereingelassen. Die Fahrer tragen Handschuhe und verwenden Desinfektionsmittel, aber noch keine Schutzmasken. Lieferungen ins Haus, bei eingeschränkter Mobilität der Kunden, erfolgen auf Absprache.

Wie nachhaltig das veränderte Einkaufsverhalten bei den Nahversorgern wirken wird, bleibt offen. Die Nähe zum Kunden, das gesellschaftliche Zusammenrücken und die stärkere Fixierung auf den häuslichen Mittelpunkt, auch in der anstehenden Reisezeit, sprechen für sie. Und eine vorausschauende Denke macht sich breit. Die Digitalisierung ploppt als zukunftsweisender Ansatz auf.

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