Filiallogistik Das ungenutzte Potenzial der letzten Meter

Der Großteil der Kosten in der Logistik-Kette entsteht nicht im Zentrallager oder auf der Strecke, sondern am PoS. Hier kann viel optimiert werden kann.

Freitag, 30. August 2013 - Management
Tobias Dünnebacke
Artikelbild Das ungenutzte Potenzial der letzten Meter
Bildquelle: Hoppen

Warenannahme, Qualitätskontrollen, das Verräumen der Artikel in Regale und das Leergut-Handling sind das „täglich Brot“ eines Lebensmittel-Einzelhändlers. Diese als Filiallogistik bezeichneten Arbeitsschritte erhielten im Vergleich zu anderen logistischen Herausforderungen bislang eine relativ geringe Aufmerksamkeit. Allenfalls bei der Out-of-Stock-Problematik rückten „die letzten Meter“ in den Fokus. Dabei ist es noch aus einem anderen Grund ratsam, die Prozesse genauer unter die Lupe zu nehmen, denn nach Angaben des Fraunhofer-Instituts entfallen bis zu 53 Prozent der Kosten in der Lieferkette für Konsumgüter auf die Logistik am Point of Sale (PoS).

Das Institut hat in Zusammenarbeit mit dem EHI eine Studie veröffentlicht, bei der Markt- und Logistikleiter zu Trends in der Filiallogistik befragt wurden und Optimierungsansätze aufgezeigt werden. Das Ergebnis: Sowohl die Handels- als auch Logistik-Experten erkennen Optimierungspotenziale bei den Prozessen in der Filiale. Automatische Dispositionssysteme beispielsweise sind mittlerweile ein weit verbreitetes Tool um eine möglichst perfekte Synchronisation zwischen Zentrallager und Markt zu gewährleisten.

Allerdings gilt es bei dieser Abstimmung Unterschiede zwischen dem filialisierten und dem selbstständigen Einzelhandel zu beachten: „Handelsunternehmen mit einem Filialnetz in Eigenregie haben in der Regel eigene Store-Konzepte oder zumindest Modulbausteine, aus denen eine Filiale gestaltet werden kann“, erklärt Christiane Auffermann, Gruppenleitung Handelslogistik beim Fraunhofer-Institut. Dies habe den Vorteil, dass man die logistischen Abläufe der Warenverräumung und Nachschubversorgung mit berücksichtigen kann. Selbstständige Kaufleute hingegen könnten ihre Filiale individueller gestalten, aber „eine Synchronisierung mit der Zentrallogistik ist dann schwieriger“, so Auffermann.

73 Prozent der im Rahmen der Studie befragten Logistikleiter und 64 Prozent der Marktleiter (wovon 71 Prozent der Teilnehmer aus dem Lebensmittel-Einzelhandel kommen) gaben an, Warenwirtschaftssysteme mit einer Software zur Bestellunterstützung zu verwenden. Wurden die Märkte durch automatische Dispositionssysteme unterstützt, hat dies bei den Teilnehmern der Trendstudie zu einer signifikanten Verringerung der Out-of-Stock-Rate geführt. Eine entsprechende Software ist aber vor allem für selbstständige Händler häufig zu kostspielig und daher in erster Linie für große Handelsketten interessant.

So spielt automatische Disposition beispielsweise bei der derzeitigen Implementierung des Warenwirtschaftssystems Lunar bei Edeka eine entscheidende Rolle. Laut Unternehmen ist dies die umfangreichste SAP-Einführung, die es im deutschen Handel bisher gegeben hat. Derzeit läuft der Roll-Out in der größten Region Minden-Hannover. Mehr als fünf Jahre hat die Edeka-Tochter Lunar an einer Software gefeilt, die die EDV vereinheitlichen und die Logistik der verschiedenen Regionen transparenter machen soll. Dr. Michael Wulst, seit Anfang 2013 Vorstand Logistik und IT bei Edeka und vorher Lunar-Geschäftsführer, sieht große Potenziale zur effizienteren Gestaltung der Filiallogistik: „Die Kaufleute profitieren von artikelgenauen Informationen über Abverkauf, Warenfluss und Bestand.“ Auf der einen Seite würden die Prozesse im Wareneingang deutlich vereinfacht und beschleunigt. Zum Beispiel durch eine warengruppenspezifische Kommissionierung im Lieferlager. Auf der anderen Seite ermögliche die automatische Warendisposition, die Bestellungen optimal am Kaufverhalten der Kunden auszurichten.

Neben der Verhinderung von Regallücken durch automatische Bestellsysteme werden Optimierungspotenziale vor allem bei der aufgewendeten Zeit für Zweitplatzierungen, dem Leergut-Handling sowie die Stauraum-Lagerung erwartet. 82 Prozent der Marktleiter gaben an, dass sich der Aufwand für logistische Prozesse hier verringern wird. „Das ist die reine Wirtschaftlichkeit. Fläche kostet Geld und Lagerfläche sowie Stauraum sind nicht produktiv. Umsatz wird im Verkaufsraum erzeugt“, sagt Dr. Volker Lange, der Autor der Studie. Die befragten Marktleiter gehen davon aus, dass sich der Anteil von im Stauraum gelagerter Ware von derzeit 16,5 Prozent auf 9,7 Prozent verringern wird. Das Dilemma dabei: Eine Reduktion der Zwischenlagerung kann nur realisiert werden, wenn mehr Regalplatz zur Verfügung steht oder wenn sich die Anlieferfrequenz für den Markt erhöht, was angesichts von knappem Regalplatz realistischer wäre. Damit ergibt sich jedoch der Konflikt zwischen erh öhten Transportkosten und reduzierten Kosten in der Filiale.

Insgesamt wird deutlich, dass der Handel mehr Wert auf seine Kernkompetenzen legen will. So soll zum Beispiel die Vergabe von Verräumprozessen an externe Dienstleister zurückgehen (Anteil von durch externes Personal Verräumte Ware von 6,9 Prozent auf 5,4 Prozent in fünf Jahren). Das A und O bleibt das Thema Kundenbetreuung. Edeka beispielsweise sieht hier einen entscheidenden Vorteil für die neue Lunar-Software. Alle Peripherie-Geräte im Markt seien in das Warenwirtschaftssystem eingebunden – von den MDE-Geräten über Kassen, Waagen bis hin zum Leergutautomaten. Aufgaben, die vorher am PC umgesetzt werden mussten, liefen nun automatisiert ab oder werden auf der Fläche per MDE-Gerät abgewickelt. „Durch Lunar gewinnen die Mitarbeiter mehr Zeit für die Sortimentspflege und vor allem für die persönliche Beratung ihrer Kunden“, sagt Dr. Michael Wulst, Vorstand Logistik und IT bei Edeka.

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Bild öffnen Potenziale in der Filiale: Was Händler an ihrer Filiallogistik verbessern wollen. (Bildquelle: Hoppen)
Bild öffnen Trends in der Filiallogistik: Händler und Logistiker gehen davon aus, dass es in Zukunft mehr Self-Checkout-Systeme geben wird. (Quelle: Trendstudie Handelslogistik 2013 – Filiallogistik im Blick, Fraunhofer-Institut/EHI)
Bild öffnen Das Verräumen der Ware durch externes Personal scheint weniger beliebt und soll demnach abnehmen. (Quelle: Trendstudie Handelslogistik 2013 – Filiallogistik im Blick, Fraunhofer-Institut/EHI)
Bild öffnen Ursachen für Out of Stock (Quelle: Trendstudie Handelslogistik 2013 - Filiallogistik im Blick Fraunhofer-Institut/EHI)
Bild öffnen „Durch Lunar gewinnen die Mitarbeiter mehr Zeit fu?r die persönliche Beratung ihrer Kunden.