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Lebensmitteltransparenz Transparenz beeinflusst die Kaufentscheidung

Sonja Plachetta | 11. Juli 2013
Lebensmitteltransparenz: Transparenz beeinflusst die Kaufentscheidung

Bildquelle: Belz

Um beim Verbraucher zu punkten, müssen Handel und Industrie offener werden. Doch es mangelt an einheitlichen Standards. Die Branche steht vor vier großen Herausforderungen.

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„Wer nicht transparent ist, macht sich verdächtig.“ Mit diesem Satz machte Krisenmanager Prof. Dr. Ulrich Nöhle, Moderator des Praxistags Lebensmitteltransparenz bei GS1 in Köln, deutlich, wie wichtig Offenheit für Unternehmen heutzutage ist. Das gilt umso mehr vor dem Hintergrund der rasanten Verbreitung des mobilen Internets (O-Ton Nöhle: „In sieben Jahren sind Sie ohne Smartphone überlebensunfähig.“). Damit geht einher, dass die Verbraucher mehr über die Lebensmittel wissen wollen. „Sie sind nicht mehr nur preisorientiert, sondern mehr und mehr auch qualitätsorientiert“, ist die Beobachtung von Jörg Pretzel, Geschäftsführer von GS1 Germany. Für fast die Hälfte der Konsumenten (47,4 Prozent) sind laut Pretzel transparente Produktinformationen schon ein Kriterium für die Kaufentscheidung. Besonders das Interesse an Inhaltsstoffen sei in den vergangenen zwei Jahren stark gestiegen. Herkunftsangaben seien den Kunden vor allem in den Frischewarengruppen Fleisch und Wurst (81,4 Prozent), Obst und Gemüse (76,1 Prozent) sowie Molkereiprodukte (66,8 Prozent) wichtig.

Nöhle hat vier große Herausforderungen ausgemacht, die Unternehmen in Bezug auf das Thema Rückverfolgbarkeit meistern müssen. Erstens steige wegen der globalisierten Warenströme die Wahrscheinlichkeit eines Kontaminanten aus Drittländern, vor allem aus Süd-Ost-Asien. Für die Warenbeschaffung aus Drittländern forderte er deshalb: „Wir dürfen nur vertragstreue Unternehmen in die Lieferkette aufnehmen, die mindestens zweimal im Jahr auditiert werden.“ Zudem müsse ein eigener Qualitätsmanager langfristig vor Ort sein.

Die zweite Herausforderung stellen laut Nöhle die verstärkten Veröffentlichungspflichten für Unternehmer gegenüber Behörden dar. Man müsse sich heutzutage „über alle Stufen hinweg rechtfertigen können“. Bernhard Kühnle, Ministerialdirektor im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, wünschte sich tatsächlich eine noch weiter reichendere Transparenz, nämlich „integrierte, stufenübergreifende Systeme mit Andockstellen für behördliches Management und für die Verbraucherstellen“. Zunächst einmal wird mit der EU-Lebensmittelinformationsverordnung Nr. 1169/2011 (LMIV) ein neuer Schritt der Konsolidierung des europäischen Lebensmittelrechts eingeläutet. Dr. Markus Grube, Fachanwalt für Lebensmittelrecht, sagte zu den ab Dezember 2014 geltenden neuen Rechtspflichten: „Die vorgesehenen Herkunftskennzeichnungen sind nicht verbraucherschützend, sondern handelshemmend.“

„Wir dürfen nur vertragstreue Unternehmen in die Lieferkette aufnehmen, die mindestens zweimal im Jahr auditiert werden.“
Krisenmanager Prof. Dr. Ulrich Nöhle

Als dritte Herausforderung muss Nöhle zufolge „totale Transparenz der Lieferkette auf Knopfdruck“ gegeben sein. „Wenn die Datenlage transparent ist, lässt sich ein gefühlter Skandal in der Öffentlichkeit erheblich verkürzen“, betonte er. Misstrauen lasse sich außerdem abbauen – und das ist die vierte Herausforderung –, indem der Verbraucher fair und offen über die Lebensmittelherstellung informiert werde, was derzeit kaum der Fall sei.

Hans-Jürgen Matern, Leiter Nachhaltigkeit und Regulierungen der Metro AG, machte klar, dass es die Branche selbst in der Hand hat, ihr Krisenmanagement zu verbessern (siehe auch Interview): „Wir brauchen einheitliche Programme zur Rückverfolgung.“ Handel und Hersteller müssten an einem Strang ziehen. GS1-Chef Pretzel schlug in dieselbe Kerbe. Bei allem Wettbewerb dürfe es nicht sein, dass einer noch schärfere Vorgaben mache als die Konkurrenz und z. B. den Gebrauch von Pestiziden im Alleingang noch mal um 20 Prozent verringern wolle. „Sie müssen sich auf klare Richtlinien einigen – auch, um Missbrauch vorzubeugen“, appellierte er. Matern zeigte sich zuversichtlich, dass das gelingen kann: „Das Thema ist komplex, aber die Menschheit hat schon Komplexeres gelöst.“

Bild: Mehr Transparenz durch klarere Angaben auf der Verpackung soll die neue EU-Lebensmittelinformationsverordnung garantieren.