Mobile Payment Großes Interesse am kontaktlosen Bezahlen

Wird Bargeld an der Kasse obsolet? Experten sind sich sicher: Das Bezahlen wird sich durch Smartphones bald stark verändern.

Dienstag, 12. Februar 2013 - Management
Tobias Dünnebacke
Artikelbild Großes Interesse am kontaktlosen Bezahlen
Bildquelle: EuroCis

Mobile Wallet, biometrische Zahlungssysteme und Near Field Communication (NFC) sind mit Sicherheit Begriffe, bei denen sich nicht alle Händler und noch wenige Verbraucher eine konkrete Vorstellung machen können. Und doch werden diese Technologien das Bezahlen von Waren und damit auch das Leben der Konsumenten in naher Zukunft grundlegend verändern. „Es ist Fakt: NFC wird kommen“, ist sich beispielsweise Ercan Kilic, Experte für mobile Bezahlmethoden bei GS1 Germany, sicher. Mithilfe eines NFC-Chips, der in einer Kreditkarte oder einem Mobiltelefon integriert ist, können via Funkverbindung Bezahlvorgänge ohne Bargeld abgeschlossen werden.

Zwei Drittel der von GS1 befragten Händler halten Mobile Payment für einen ernstzunehmenden und keinen flüchtigen Trend.

Aktuell gibt es noch zu wenig Endgeräte, die über den teuren Chip verfügen, was wiederum den Handel bei der Anschaffung der nötigen NFC-Terminals zurückhält. „Das klassische Henne-Ei-Problem“, konstatiert Kilic. Allerdings komme derzeit Bewegung in den Markt des Mobile Payment. „Jede Smartphone-Generation hat einen Lebenszyklus von etwa zwei Jahren. Wir prognostizieren, dass bis 2015 rund 50 Prozent aller angebotenen Endgeräte über NFC verfügen.“ Damit würde die Technologie dann auch für den Handel deutlich interessanter.

Doch schon jetzt treffen die Anbieter von Mobile-Payment-Lösungen auf offene Ohren. So zeigt die aktuelle GS1-Studie „Mobile in Retail 2013“, dass die befragten Händler davon ausgehen, dass bis 2015 die Hälfte aller Terminals in den entsprechenden Outlets NFC-fähig sind. Interessanterweise ist die Hauptmotivation für den Einsatz von Mobile Payment der Studie zufolge nicht die Erschließung neuer Kunden- und Käufergruppen oder die Verringerung der Bargeldabwicklung, sondern schlicht der Wunsch nach einem moderneren Image. „Das mobile Bezahlen ist in Deutschland angekommen und wird mehr und mehr die traditionellen Bezahlverfahren ersetzen“, konstatiert Ralf Opalka, Sprecher von Telefónica Germany.

Noch ist die bargeldlose Abwicklung an der Kasse allerdings Zukunftsmusik. So gibt es zu viele unterschiedliche Ansätze und Anbieter, die ihr eigenes Süppchen kochen. „Unsere Erfahrungen zeigen, dass die Akzeptanz von Mobile Payment vor allem davon abhängt, wie einfach es sich einsetzen lässt. Das bedeutet, dass wir eine branchenübergreifende, standardisierte Lösung benötigen, die nicht nur auf einen oder mehrere Anbieter beziehungsweise Plattformen und Geräte zugeschnitten ist“, erläutert Christine Bossak, Sprecherin der Metro AG. Zu nennen wären da beispielsweise Google, PayPal, Amazon und Mastercard, die derzeit alle an eigenen Lösungen für kanalübergreifende Zahlungsmöglichkeiten basteln. Das in Deutschland derzeit wohl interessanteste Projekt ist „mpass“, ein Gemeinschaftsprojekt von Telekom, Vodafone und O2. Der Trick: Da sich nicht alle Konsumenten ein neues, NFC-fähiges Smartphone kaufen wollen, erhält der Kunde nach der Anmeldung inn erhalb weniger Tage automatisch einen Sticker per Post, mit dessen Hilfe kontaktloses Bezahlen möglich ist. Die Abrechnung erfolgt dabei entweder auf Guthabenbasis (ähnlich einer Prepaid-Karte) oder per Lastschrift beim jeweiligen Kreditinstitut. Seit der Markteinführung im Oktober 2012 verzeichne man ein großes Interesse auf Kunden- und Händlerseite, heißt es bei Telefónica Germany. Zu den Akzeptanzstellen zählen derzeit u.a. Douglas, die Star-Tankstellen, Thalia, Christ und Vapiano. „Schon heute stehen den Kunden eine große Anzahl von Shops zur Verfügung, in denen mit mpass über das Mobiltelefon kontaktlos und mobil eingekauft werden kann. In Deutschland sind es mehrere Tausend Akzeptanzstellen, europaweit etwa 100.000 und weltweit ca. 500.000“, sagt Telefónica-Sprecher Opalka.

Als eine mögliche Alternative zum Bezahlen via Mobiltelefon könnte sich das sogenannte Finger-Payment entwickeln, eine Technologie, die alternativ zu Bargeld, Karte oder NFC einsetzbar ist. „Im Gegensatz zu allen anderen Bezahlmethoden braucht man beim Finger-Payment weder Portemonnaie noch Handy mitzubringen, sondern einfach nur seinen registrierten Finger“, sagt Günther Mull, Geschäftsführer der Dermalog Identification Systems GmbH. Ein weiterer Vorteil sei die Schnelligkeit, denn anstatt der sonst erforderlichen durchschnittlichen Prozesszeit von ca. 14 Sekunden für Barzahlung und 12 Sekunden für Kartenzahlung, benötige der Kunde beim Finger-Payment nur ca. 7 Sekunden. Im Einsatz ist die Technik beispielsweise in einem Rewe-Markt in Köln-Hürth. Die ungewohnte Zahlmethode würde laut Mull hauptsächlich von jüngeren, technik-affinen Personen angenommen. Aber auch ältere Personen, die sich damit das „Kramen im Portemonnaie“ ersparen wollen, zeigten Interesse.

Kontaktloses Bezahlen per Mobiltelefon oder Fingerabdruck hätten noch vor wenigen Jahren als Szenen in einem Science-Fiction-Film Eindruck gemacht. Dass diese Technologien kommen werden, darüber scheinen sich die Experten sicher: „Es liegt in der Natur der Sache, dass neue Technologien nicht sofort die breite Masse erreichen. Hätte man zur Einführung des Airbags im Automobilbereich gedacht, dass dieses Produkt schon bald in nahezu jedem Kraftfahrzeug wiederzufinden ist?“, stellt Ralf Opalka die rhetorische Frage.

Die virtuelle Geldbörse Mobile Wallet
Mit dem kontaktloses Bezahlen via NFC-Chip ist noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Bereits jetzt gibt es mobile Lösungen, welche die klassische Geldbörse bald völlig überflüssig machen könnten. Sogenannte Mobile Wallets (bspw. Google Wallet oder MyWallet von Telekom) sind Applikationen, welche Karten, die heute noch in physischer Form vorhanden sind, digital zusammenfassen. Dazu können EC-, Kredit- oder auch Krankenkassen-Karten gehören. „Wir gehen davon aus, dass in sieben Jahren nicht nur ein Großteil des Bargeld-Verkehrs verschwunden sein wird, sondern auch die meisten Karten durch Mobile Wallets digital verwendet werden“, sagt Ercan Kilic von GS1.