Manfred Görg ist Fachmann für Kokosnüsse – und Fan von Bruce Springsteen und dem Dalai Lama: „Beide haben aus schweren Zeiten das Beste gemacht, sich ihren Optimismus bewahrt“, sagt Görg. Die Lage muss also ernst sein, wenn er wenige Sätze später schimpft: „Wenn man sieht, was am Ende des Tages von unserem Geschäft hängen bleibt, möchte man morgens nicht mehr aufstehen!“
Das Unternehmen von Görg importiert Kokosnüsse, einen zunehmend gefragten Rohstoff. Und es verarbeitet diese zu Produkten wie Öl, Raspeln oder Milch. Für Energie, Logistik und Löhne zahlt Görg heute weit mehr als noch vor Kurzem. Er plant deshalb, auch die eigenen Preise zu erhöhen. „Uns bleibt nichts anderes übrig.“ Und damit ist er alles andere als allein. Eine neue Inflationswelle setzt sich also in Bewegung.
Dabei wirkt die Lage im Moment doch entspannt: Im August verteuerten sich Nahrungsmittel laut Statistischem Bundesamt nur um 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Gleichsam die Ruhe vor dem Sturm ist das – wie auch aus einer Einschätzung der Europäischen Zentralbank (EZB) hervorgeht. Ihre Experten erwarten, dass die höheren Rohstoff- und Energiekosten zügig im Supermarktregal ankommen: Die Nahrungsmittelinflation im Euroraum werde im zweiten Quartal 2027 mit 3,7 Prozent ihren vorläufigen Höchststand erreichen, so die Prognose.
Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass deswegen neue Verteilungskämpfe zwischen Erzeugern, Industrie und Handel hochkochen werden. Bei welchem Akteur in der Lebensmittelkette sollen die steigenden Kosten hängen bleiben? Und wie wird der Kunde, der schon jetzt penibel auf den Preis achtet, reagieren? Droht das Szenario eines Supermarktregals, das noch stärker von Handelsmarken und Preisaktionen und weniger von Innovationen geprägt ist, weil Markenartikler diese nicht mehr stemmen können?
Auch bei der Welternährungsorganisation FAO in Rom schlagen die Analysten Alarm: Im Juli kletterte ihr Preisindex für Getreide, Fleisch und Milchprodukte auf den höchsten Stand seit 2023. Weil sich Weltmarktpreise mit Verzug im Supermarkt niederschlagen, gilt der Index als Frühwarnsystem. FAO-Chef Máximo Torero spricht von „einer weiteren Welle der Nahrungsmittelinflation“ – nicht nur angesichts der geopolitischen Krisen, sondern auch wegen ungünstigen Wetters in einigen Teilen der Welt.
Teures Öl, teurer Diesel
Timo Wollmershäuser, Konjunkturchef des Ifo-Instituts, ist überzeugt: Bei Lebensmitteln werden die gestiegenen Energiepreise schon gegen Jahresende sichtbar. Er erklärt: Durch die Eskalation im Nahen Osten würden wichtige Transportrouten wie die Straße von Hormus blockiert. Das mache Dünger, Treibstoffe und Energie knapp und teurer – Kosten, die sich zeitversetzt über die gesamten Erzeugungs- und Transportketten bis ins Supermarktregal durchfressen. Bauernpräsident Joachim Rukwied sieht die Folgen bereits bei den Landwirten: „Viele Betriebe passen ihre Planung an. Wir werden im kommenden Jahr möglicherweise eine geringere Ernte bei Brotgetreide sehen, aber auch bei Obst und Gemüse.“
Auch Spediteure leiden schon jetzt heftig: Der Dieselpreis bestimmt einen Großteil ihrer Kosten. Und seit der jüngsten Eskalation im Nahen Osten ist der Liter netto rund 60 Cent teurer. Das trifft die Branche, die alle Waren von der Fabrik ins Regal fährt, ins Mark. Ein Rechenbeispiel von Dirk Engelhardt, Sprecher des Bundesverbands Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL): Bei 50 Lkw, die jeweils 10.000 Kilometer im Monat fahren, summieren sich die Mehrkosten auf mehr als eine Million Euro im Jahr. Auch aus diesem Grund fordert der BGL einen „Gewerbediesel“. Bedeutet konkret: Die Energiesteuer für gewerblich genutzten Diesel würde auf das EU-Mindestmaß fallen. Andernfalls gerieten deutsche Unternehmen gegenüber der Konkurrenz im Ausland ins Hintertreffen, argumentiert der Verband.
Wer groß genug ist, kann sich immerhin teilweise absichern. Die Nagel Group, mit 2,3 Milliarden Euro Umsatz Deutschlands größter Kühllogistiker für Lebensmittel, koppelt die Frachtpreise vertraglich über sogenannte Diesel-Floater automatisch an den Spritpreis. Zugleich investiert das Unternehmen in Elektro-Lkw, sparsamere Fahrzeuge und eine KI-gestützte Routenplanung, um schrittweise vom Öl loszukommen. Auch das kostet, und zahlen sollen es die Kunden aus Industrie und Handel. „Verhindern lassen sich Kostensteigerungen aktuell nicht“, räumt Nagel-Geschäftsführer Jens Klainer ein.

7.000 Euro je Container
Bei Kunden wie Manfred Görg kommen diese Kosten direkt an. Sein Kokosunternehmen mit rund 40 Mitarbeitern beliefert den Handel in ganz Europa, eine eigene Flotte hat er nicht. Görg setzt auf Dienstleister wie DHL oder Dachser, und deren Preise seien um „bis zu 50 Prozent“ gestiegen. Auf den Seewegen sieht es kaum besser aus: Für einen Container zahlte Görg früher rund 3.000 Euro, in der Coronazeit bis zu 20.000, heute wieder bis zu 7.000. „Das schlägt prozentual auf den Einstandspreis durch“, sagt er und nennt drei Gründe: weniger Schiffe, höhere Betriebskosten und gestiegene Löhne.
Lange können Lebensmittelhersteller solche Kostensteigerungen nicht alleine stemmen. Brauereien fressen Energie, Plastik-Verpacker sind auf das teure Öl angewiesen. Auch Görg will im nächsten Jahr mehr für seine Kokosprodukte verlangen. Wohl ist ihm dabei nicht zumute. „Wenn ich um 10 Prozent die Preise anhebe, dann ist ein Umsatzrückgang zwischen 20 und 30 Prozent garantiert.“ Trotzdem ziehen sich die Pläne für Preiserhöhungen durch die Lebensmittelbranche – und durch andere Wirtschaftszweige: Laut einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Simon-Kucher wollen 67 Prozent der Hersteller von Haushaltsgeräten, Unterhaltungselektronik, Möbeln und Spielwaren ihre Preise erhöhen, obwohl die Nachfrage schwächelt. Drei Viertel von ihnen haben in den vergangenen zwölf Monaten bereits aufgeschlagen. „Für Verbraucher ist die Botschaft bitter: Der nächste Preisschub ist keine Drohkulisse, sondern bereits eingeplant“, sagt Simon-Kucher-Partner Björn Dahmen.
Neue Verteilungskämpfe
Das weckt Erinnerungen an den Inflationsschub der vergangenen Jahre, der mit der Coronapandemie begann und sich mit dem Ausbruch des Ukrainekriegs verschärfte. Seit Januar 2020 sind die Lebensmittelpreise laut Bundeslandwirtschaftsministerium um rund 36 Prozent gestiegen. Barbara Kopske vom Marktforscher Nielsen IQ beobachtet derzeit noch ein widersprüchliches Bild bei den Kunden: Die Sparmechanismen aus den Krisenjahren – verstärkte Promotion-Orientierung, häufigere Discounter-Besuche – sind noch da, wirken aber schwächer als noch vor zwei Jahren. „Wir sehen aktuell, dass Käufer sich wieder mehr Erlebnisse oder auch Marken gönnen wollen“, so Kopske. Ihre Prognose: Sobald die Preise wieder steigen, dürften alte Reflexe zurückkehren – inklusive einer neuen Promotion-Welle, mit der Marken um die zurückhaltend gewordene Kundschaft kämpfen.
Bei der Bedeutung von Eigenmarken sieht die Marktforscherin in Deutschland trotz international schon hohem Niveau noch Luft nach oben, allerdings nicht in der Breite. „Es kommt darauf an, wie stark Marken sich positionieren und ihre treue Käuferschaft weiterhin begeistern können.“ Um immer neu zu begeistern, brauchen Markenhersteller aber immer wieder neue Produkte. Und die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) warnt: Wer höhere Kosten nicht weitergeben könne, dem fehle auch die Kraft für Innovationen.
Bei Eckes-Granini kennt man das Problem. Europas größter Fruchtsafthersteller setzt ausschließlich auf Marken. Die Preise für Energie, Verpackung und Rohstoffe wie Äpfel und rote Beeren haben sich seit 2021 nahezu verdoppelt. Ein Sprecher des Unternehmens aus Nieder-Olm fordert deshalb „wirtschaftlich tragfähige Partnerschaften“, sonst gerieten Vielfalt und Innovation im Regal in Gefahr. Der Saftkonzern kritisiert auch die hohe Konzentration im deutschen Lebensmittelhandel und damit einhergehend ein Ungleichgewicht bei den Machtverhältnissen.
Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland, sieht seine Branche als Inflationsbremse: Seit Monaten dämpfe der Einzelhandel die Preise, die harte Konkurrenz sorge für günstige Angebote. Dann folgt der Satz, der nach dem Ende der Waffenruhe klingt: „Gleichzeitig sehen wir uns teilweise Preisforderungen der Industrie gegenüber, die am Markt kaum abbildbar sind. Das nehmen offenbar auch die Kunden so wahr.“
Der Vorwurf, die Industrie überziehe, ist nicht neu. Auf dem Höhepunkt der letzten Teuerungswelle warfen Handelsmanager wie Markus Mosa (Edeka) und Lionel Souque (Rewe) den Herstellern immer wieder vor, die Inflation zur eigenen Bereicherung zu nutzen. Dass Mondelēz (Milka) oder Eckes-Granini Rezepturen und Packungsgrößen änderten, half dem Image der Branche nicht. Zuletzt, so schien es, hatten Handel und Industrie das Kriegsbeil begraben. Mit steigenden Kosten in der Lieferkette drohen aber die alten Konflikte wieder auszubrechen.
Die Industrie weist denn auch ziemlich deutlich zurück, sich an Inflationsschüben zu bereichern. Peter Feller, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der BVE: „Solche pauschalen Aussagen halten einem Blick auf die Zahlen nicht stand.“ Die Erzeugerpreise der Branche seien im ersten Halbjahr 2026 im Vorjahresvergleich um 2,1 Prozent gefallen, die Verbraucherpreise dagegen um 1,39 Prozent gestiegen. Das zeige, dass höhere Preise im Supermarkt nicht einfach höhere Herstellermargen bedeuten. Das gelte auch für eine kommende Teuerungswelle. Wer dann die Differenz einstreicht, bleibt offen.
Bei den Landwirten am Anfang der Kette, sagen deren Vertreter, komme sie jedenfalls nicht an. Bauernpräsident Joachim Rukwied fordert, dass die Abnehmer die höheren Kosten für Dünger und Diesel ausgleichen, vom Großhandel bis zum Supermarkt. Und er nimmt auch die Käufer von Fleisch, Käse und Gemüse in die Pflicht: „Es braucht ein klares Bekenntnis bis hin zu Verbrauchern, auf regionale Produkte zu setzen und für diese einen höheren Preis zu zahlen.“
Joachim Rukwied
Präsident des Deutschen Bauernverbandes
Wie wirkt der Ukrainekrieg als Inflationstreiber?
Der Konflikt führt zu höheren Preisen an den Düngemittel- und Energiemärkten. Putin nutzt Weizen als Mittel, um dem Westen zu schaden, indem Russland Weizen sehr günstig anbietet. Ukrainisches Getreide drückt zudem auf den europäischen Markt.
Droht eine Liquiditätskrise?
Unsere Betriebe müssen beim Kauf von Betriebsmitteln in Vorleistung gehen. Die Erzeugerpreise liegen im dritten Jahr in Folge deutlich unter dem Durchschnitt, während die Betriebsmittelpreise weiterhin etwa 30 Prozent über dem Niveau von 2020 verharren.
Warum sehen Sie den Handel in der Pflicht?
Wer Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit bestellt, muss die Kosten dafür tragen und auf regionalere Erzeugnisse setzen.
Ärger über die Politik
Zurück in Montabaur, wo Manfred Görg zeigt, dass Innovation auch unter Kostendruck möglich ist. Der Manager holt ein Tetra Pak aus dem Schrank. Von der Packung mit der Aufschrift „Kinder Cocos Drink“ lächelt ein Pandabär, der es sich auf einer paradiesisch wirkenden Insel gut gehen lässt. Die Idee, ein gesünderes Kindergetränk mit wenig Zucker und einer hohen Nährstoffdichte auf den Markt zu bringen, kam dem Manager nach eigenen Worten, als er in der Kita seines Sohnes gesehen hat, welche Zuckerbomben dort teilweise mitgegeben werden.
Görg trifft sich noch an dem Tag, als er mit der LP spricht, mit Vertretern von Rewe, um solche und andere Neuheiten vorzustellen. Seine Einschätzung: „Es gibt viele Einkäufer beim Handel, die offen sind für Neuheiten und die auch unsere Situation aufgrund der Inflation verstehen.“ Görgs Ärger richtet sich also nicht in erster Linie gegen den Handel oder die Energie- und Rohstoffkosten, auf die er keinen Einfluss hat – er kritisiert die Politik. Beispiel Lohnnebenkosten: ein „absoluter Irrsinn“, wie er es formuliert. Hinzu kämen Steuern und Abgaben auf Energie.
Besonders ärgert ihn die neue EU-Verpackungsverordnung: Jedes Unternehmen sei angehalten, „einen Riesenaufwand für nichts zu betreiben“, etwa eine lückenlose Nachverfolgbarkeit für einen simplen Karton, „damit jeder weiß, das ist ein Karton“. Görg hat kein Verständnis dafür, dass die Bundesregierung in angespannten Zeiten nicht an den Stellschrauben dreht, an denen die Politik drehen könnte. Görg könnte sich sogar vorstellen, in ein anderes Land zu gehen. „Wenn ich bleiben soll, sollte sich die Politik ganz schnell etwas einfallen lassen!“, schimpft der Unternehmer. Von dem Optimismus seiner Idole Dalai Lama und Bruce Springsteen ist in solchen Momenten wenig zu spüren.
Inflationstreiber Tankrabatt?
Die Kostensteigerungen treffen Unternehmen auf jeden Fall. Welche Inflationszahlen einmal in der Statistik stehen, hängt aber auch von der Zahlungsbereitschaft der Kunden ab – und die ist momentan begrenzt, etwa wegen des eher schwachen Arbeitsmarkts. Ifo-Experte Wollmershäuser warnt davor, die Geldschleusen gewissermaßen zu öffnen: Er ist kein großer Fan von Konjunkturprogrammen wie einer Mehrwertsteuersenkung, einem Gaspreisdeckel oder dem Tankrabatt. Sie vergrößerten die Preisspielräume, die Folge wären höhere Lohnabschlüsse, weitere Preisanstiege und eine deutlich steigende Kerninflation.
