Es beginnt mit sehr viel gutem Willen. Seit 1991 trennen die Haushalte in Deutschland Leichtverpackungen vom Restmüll. Verbraucher waschen teilweise sogar die Joghurtbecher aus, bevor diese in ihrem Gelben Sack landen. Ziel des Sammelns: Verpackungen sollen nicht länger bloßer Abfall bleiben. Der Kreislaufgedanke setzt sich fest: Ressourcen sollen geschont werden. Doch schon Ende der 1990er-Jahre zeigt sich: Die Wirklichkeit kann kompliziert sein. Bei einem Besuch einer Verwertungsanlage mit der damaligen rheinland-pfälzischen Umweltministerin Klaudia Martini kommt am Rande zur Sprache, dass Gelbe Säcke auch als Brennstoff in der Müllverbrennung dienen. Der Grund ist nachvollziehbar: Sie helfen dort mit ihrem Heizwert, den Restmüll überhaupt noch verbrennen zu können. Die Deutschen trennen nämlich zu gut, deshalb geht der Restmüll nicht mehr in Flammen auf. Wozu also der ganze Aufwand, wenn ein Teil doch wieder im Ofen landet? Diese Spannung zwischen Anspruch und Realität begleitet die Verpackungspolitik bis heute.
Die dualen Systeme sammelten in Deutschland laut Umweltbundesamt 2024 mehr als 2,63 Millionen Tonnen Leichtverpackungen. Das entspricht 31 Kilogramm pro Einwohner und Jahr. 43 Sortieranlagen sorgen bundesweit dafür, dass die Kreislaufwirtschaft gelingen kann. Aktuell verschärft die Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) den Druck auf Kunststoffverpackungen abermals: Ab 2030 gelten verbindliche Rezyklatquoten, die bei Kunststoffen je nach Anwendung zwischen 15 und 35 Prozent betragen. Doch Post-Consumer-Rezyklat ist knapp. Branchenkenner sehen eine Versorgungslücke von rund 3 Millionen Tonnen allein in Deutschland. Besonders kritisch ist die Lage bei Lebensmittelverpackungen.
Brüssel leitet einen Systemwechsel ein
Die Rezyklatfrage zeigt nur einen Teil des Umbruchs. Seit dem 12. August greift die europäische Verpackungsverordnung in ersten zentralen Punkten. Unternehmen müssen seither erstmals die Konformität ihrer Verpackungen erklären und technische Unterlagen vorhalten. Christoph Schork von der Wirtschaftskanzlei Heuking nennt das einen Systemwechsel. Früher richtete sich der regulatorische Blick auf Sammlung, Sortierung und Verwertung am Ende des Verpackungslebenszyklus. Nun greife Brüssel schon bei Entwicklung und Herstellung der Verpackungen ein, erklärt der renommierte Experte für regulatorische Lieferketten- und Verpackungsthemen. Die Konsequenz daraus: Jetzt stehen Material, Design, Inhaltsstoffe und Verantwortung besonders im Mittelpunkt aller Verpackungsbetrachtungen. Dieses neue Denken betrifft nun auch Händler, die Eigenmarken führen. Verpackung ist nicht länger nur Hülle und Logistikmittel, sondern ein Compliance-Objekt. Wer Form, Material, Druck, Klebstoffe, Barrieren oder Rezyklatanteile vorgibt, braucht dafür ab sofort Daten und Nachweise, eine Konformitätserklärung. Schorck hält die Grundidee für richtig. Die Verordnung schaffe mehr rechtliche Einheitlichkeit in Europa. Seine Kritik gilt weniger dem Ziel als der Konstruktion der PPWR. Damit steht er nicht allein.
Wer hat die Daten?
Die Konformitätserklärung wirkt wie ein Formular, ist aber eher ein technisches Dossier. Benötigt werden ab jetzt Angaben zu Materialien, Gewichten, Komponenten, Beschichtungen, Klebstoffen, Additiven, Farben und Rezyklatanteilen. Matthias Hauser, Gründer der Nachhaltigkeitsberatung Spectical, sieht bei Verbundmaterialien noch Lücken bis in die „Chemie“ einzelner Schichten. Viele Markeninhaber besäßen diese Angaben nicht selbst. Die Daten lägen oft beim Lohnhersteller oder den Verpackungslieferanten.
Damit trifft die PPWR das Machtgefüge der Handelsmarken. Schorck trennt zwei Begriffe, die annähernd gleich klingen, rechtlich aber unterschiedliche Rollen bezeichnen: Erzeuger und Hersteller. Für die Erzeugerrolle zählt nach seiner Lesart, wer Gestaltung und Spezifikation kontrolliert. Bei Eigenmarken sieht er Händler oder Markeninhaber in der Verantwortung. Er sagt: „Wo die Handelsmarke draufsteht, ist in der Regel auch der Händler Erzeuger, auch wenn er nicht selbst herstellt.“ Der Lohnhersteller produziere zwar und halte technische Daten vor. Daraus folge aber keine Verschiebung der Verantwortung in seine Richtung.
Daran entzündet sich jedoch der Streit. Handelsunternehmen suchen noch immer Modelle, mit denen sie operative Aufgaben an Lieferanten weiterreichen können. Ein Verpackungsberater, der für Händler sowie Lohnhersteller arbeitet und deshalb nicht genannt werden will, sieht dahinter ein ökonomisches Motiv, das besonders bei Discountern immer der Treiber sei: „Kein Aufwand, keine Kosten. Die versuchen alles bestmöglich an Lieferanten abzudrücken.“ Das betont er unmissverständlich. Die gesetzliche Rolle aus der PPWR könne der Handel aber nicht wegdelegieren. Peter Feller, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), zieht dieselbe Linie. Der Erzeuger könne einzelne Aufgaben an den Produzenten vergeben. Im Außenverhältnis bleibe jedoch der Eigenmarkeninhaber verantwortlich.
Die großen Händler setzen in dieser Frage unterschiedliche Akzente. Edeka sieht sich auf Nachfrage der Lebensmittel Praxis für seine Eigenmarken als „Erzeuger und Hersteller im Sinne der PPWR“ und will diese Verantwortung ausdrücklich wahrnehmen. Kaufland erklärt ebenfalls, bei verpackten Eigenmarkenprodukten die Erzeugerrolle zu übernehmen. Lidl spricht enger von „definierten Eigenmarkenverpackungen“ und unterstützt zugleich die Forderung nach zwölf Monaten Übergangsfrist für die PPWR, die seitens des europäischen Dach- und Interessenverbandes für Einzel- und Großhandel, Euro-Commerce, ins Spiel gebracht wurde.
Aldi und Rewe treffen einen anderen Ton. Aldi Nord und Aldi Süd kündigen an, die Herstellerrolle für Eigenmarkenverpackungen und Verpackungen unter ihrer Marke „formell“ zu übernehmen. Zugleich betonen sie, dies ändere ihre bisherige Rechtsauffassung nicht. Bis zur Übernahme für ein konkretes Produkt sollten die bisherigen Pflichten beim Lieferanten bleiben, einschließlich technischer Dokumentation und Konformitätserklärung, heißt es auf Nachhaken der LP. Aldi stellt nach eigenem Bekunden schrittweise bis zum 1. Januar 2027 um. Rewe vermeidet eine klare Festlegung zur Erzeugerrolle. Die Kölner fordern Rechtssicherheit, praxistaugliche Spielräume und einen verhältnismäßigen Vollzug.
Lidl verschiebt Aufwand in die Lieferkette
Bei Lidl lohnt ein weiterer Blick. Mehrere Verpackungsberater verweisen auf frisch versandte Vertragsunterlagen seitens der Neckarsulmer. Nach dem Verständnis der Branchenkenner übernimmt Lidl darin nicht die komplette Erzeugerrolle. Ein großer Teil der operativen PPWR-Aufgaben verbleibe beim Lohnfertiger oder solle über Beauftragungen und Bevollmächtigungen dorthin wandern. Das belege keinen Rechtsverstoß, zeige aber, wie ein dominanter Discounter eigenen Aufwand weit in die Lieferkette schieben wolle.
Die Überbürokratisierung trifft Deutschlands Wirtschaft in der Rezession schwer. BVE-Vertreter Feller kritisiert nicht nur Brüssel. Industrie und Handel beklagten zu Recht den „überbordenden Bürokratismus“, aber ein Teil davon sei selbst erzeugt, etwa durch zusätzliche händlerspezifische Audits. Die PPWR könne diesen Mechanismus vervielfachen, wenn jeder Händler weiterhin eigene Fragebögen, Nachweisformate und Vertragsklauseln von seinen Lieferanten verlange. In einem Entwurf einer Zusatzvereinbarung eines namhaften Händlers habe dieser für den zusätzlichen PPWR-Aufwand des Lieferanten keine Vergütung vorgesehen, berichtet Feller. Besonders kleine und mittlere Eigenmarkenproduzenten geraten so unter Druck. Sie müssen technische Daten beschaffen und die Systeme ihrer Kunden bedienen. Nachhaltigkeitsberater Hauser verweist auf rund 70 Fristen bis 2040. Er hält die PPWR für notwendig, sieht sie für Mittelständler jedoch als bürokratische und finanzielle Bürde. Schorck pflichtet bei: Das System sei zu kompliziert und „nicht für die Praxis gemacht“. Problematisch findet er, dass die EU Detailregeln, Methoden und Durchführungsakte teilweise erst nachliefert. Nach seiner Einschätzung lässt sich eine Konformitätsbewertung derzeit nur zu rund 75 Prozent durchführen, weil zentrale Fragen offen seien.
Wie weit Anspruch und Wirklichkeit auseinanderliegen, zeigt der Kunststoff Polyethylenterephthalat (PET). Die Branche brachte 2024 in Deutschland rund 144.000 Tonnen PET-Schalen in den Markt. Nur rund 18 Prozent davon werden heute werkstofflich zu neuem Rezyklat verarbeitet. Für Recycling im industriellen Maßstab bräuchte Europa ab 2035 laut Forum Rezyklat Inputkapazitäten von rund 697.000 Tonnen im Jahr. Heute stehen nur etwa 235.000 bis 250.000 Tonnen bereit. Wer Eigenmarken steuert, muss Verpackung künftig so ernst nehmen wie Rezeptur, Qualität und Einkaufspreis. Solange Brüssel jedoch Methoden nachliefert und Recyclingkapazitäten fehlen, bleibt der Verdacht, dass Europa einen Kreislauf per Aktenordner erzwingen will.
Gut gemeint, schlecht gemacht
Die Meinung von LP-Chefreporter Matthias Mahr
Seit Jahrzehnten werkeln praxisfremde Politiker und Bürokraten mit ihren Unterstützern aus Nichtregierungsorganisationen an nationalen und europäischen Verpackungsverordnungen. Die geforderte Nachhaltigkeit bei Verpackungen, die natürlich auch dem alles überlagernden Klimaschutz dient, sollte der deutschen Wirtschaft weltweite Wettbewerbsvorteile bringen.
Seit dem 12. August ist die Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) scharf gestellt. Streng genommen müssten alle Verpackungen ohne Konformitätsnachweis sofort aus den Regalen des Handels genommen werden. Irrsinnigerweise sind noch rund 40 Sekundärrechtsakte zur Präzisierung der PPWR offen. Oder klarer ausgedrückt: Die PPWR ist eigentlich noch gar nicht fertiggestellt. Experten gehen davon aus, dass aktuelle Konformitätserklärungen für Verpackungen zu 25 Prozent ungeklärt sind. Das alles sorgt für Verdruss. Fehlende Rechtssicherheit und Bürokratie schaden immer – aber besonders dann, wenn die Wirtschaft sich in einer Krise befindet. Auch unter Nachhaltigkeitsaspekten bleibt der ganze Aufwand mindestens fragwürdig: Denn noch immer werden mehr als 22 Prozent der gesammelten Verpackungsabfälle verbrannt. Seit 1991 hat sich da trotz aller teuren Mühen fast nichts bewegt.
