Britischer Branchenexperte im Interview Überraschungseffekt Abnehmspritze – viele Hersteller unterschätzen den Einfluss auf den Konsum

Hintergrund

Abnehmspritzen wie GLP-1-Medikamente verbreiten sich auch in Europa und beeinflussen das Konsumverhalten. Branchenexperte Jonny Forsyth spricht im Interview über Nutzerzahlen in verschiedenen Märkten, erste Reaktionen des Handels, mögliche Folgen für Sortimente und Wertschöpfung sowie offene Fragen zu langfristigen Auswirkungen.

Dienstag, 17. Februar 2026, 07:40 Uhr
Tobias Dünnebacke
Jonny Forsyth ist Senior Director Food & Drink beim Marktforschungsunternehmen Mintel mit Sitz in London. Bildquelle: eclectic-photography.co.uk

Wie viele Menschen nehmen die Abnehmspritze?

Aktuelle Daten zeigen uns, dass 7 Prozent der Bevölkerung in Großbritannien Medikamente zur Gewichtsreduzierung nutzen. In Deutschland liegt die Zahl leicht darunter. In beiden Ländern ist noch ein langsames Wachstum zu beobachten. In Europa sind wir sehr auf Sicherheit bedacht, anders als in den USA. Dort zeigen unsere Daten, dass derzeit 18 Prozent der Erwachsenen GLP-1-Produkte einnehmen, was erstaunlich ist.

Könnte in Europa dieses Niveau erreicht werden?

Ich sehe das Potenzial bei 10 bis 15 Prozent Nutzer. Im März laufen die Patente für den Wirkstoff in den Produkten von Novo Nordisk in Indien, China, Kanada und Brasilien aus. Indien und China haben eine florierende Pharmaindustrie und stellen viele Generika her, die sie auch exportieren. In den USA lag der Preis anfangs bei etwa 1.400 US-Dollar pro Monat und ist schon jetzt auf etwa 300 US-Dollar gefallen. Die Produkte werden mit mehr Wettbewerb noch günstiger. In den USA kommt außerdem eine GLP-1-Tablette auf den Markt. Das spricht jene an, die Angst vor Spritzen haben.

Was bedeutet das Ganze für die Konsumgüterindustrie?

Es gibt bereits viel Diskussion über stark verarbeitete Lebensmittel, und die Menschen machen sich Sorgen um ihre Gesundheit. Es gibt jetzt mehr Wissen darüber, wie die Ernährung die Langlebigkeit beeinflusst. Abnehmspritzen wirken wie ein Booster, der das Thema weiter vorantreibt. Ich denke nicht, dass es das Ende von beispielsweise Genuss- oder Fast-Food-Kategorien ist, aber die Hersteller solcher Produkte werden weniger Volumen verkaufen und müssen das durch hochwertigere Konzepte ausgleichen.

Wie reagiert der Handel in UK?

Der britische Einzelhandel reagiert schneller auf den Trend als die Marken. Er bietet Handelsmarken gezielt für Anwender der Abnehmspritze an. Hier geht es um kleinere Portionen und eine höhere Nährstoffdichte. Das ist neu. Wenn ich mit Markenherstellern darüber spreche, sind sie überrascht. Aber 7 Prozent der britischen Bevölkerung sind eine große Anzahl von Kunden. Ich denke, es ist auch Ausdruck eines intensiveren Wettbewerbs, besonders seit die deutschen Discounter da sind. Es geht also auch um Marketing.

Was sehen Sie kritisch an der Abnehmspritze?

Es gibt noch keine soliden Studien über ihre langfristigen Auswirkungen auf die Gesundheit. Diese Produkte werden überstürzt auf den Markt gebracht, besonders in den USA. Wir wissen, dass die Medikamente effektiv sind, um das Gewicht zu reduzieren, aber könnten später negative gesundheitliche Folgen auftreten? Viele Nutzer berichten zudem von Nebenwirkungen.

Das klingt nach ziemlich vielen offenen Fragen.

Ja. Aber auf der anderen Seite gibt es global dieses riesige Problem mit der immer stärker zunehmenden Fettleibigkeit. Das einzige Land, das jemals seine Fettleibigkeitsrate umkehren konnte, ist Japan.

Wie haben sie das geschafft?

Mit Bildung. Sie haben sich darauf konzentriert, Schulkinder über Ernährung aufzuklären. Es gibt in Japan auch eine kulturelle Gewohnheit, nur zu essen, bis man zu drei Vierteln satt ist. Das ist das Gegenteil zum Westen, wo man oft weiter isst, obwohl man eigentlich schon genug hat.