Berufsbekleidung Kleider machen Leute

Die Wertigkeit von Berufskleidung ist gestiegen. Wo die Mitarbeiter gepflegt aussehen, kaufen die Kunden lieber ein.

Dienstag, 30. November 1999 - Management
Sonja Plachetta
Artikelbild Kleider machen Leute
Bildquelle: Alsco, Bardusch, DBL, Rewe Glu00fcck, Hoppen

Schon im 19. Jahrhundert wusste der Schweizer Dichter Gottfried Keller: Kleider machen Leute. Im deutschen LEH hat es etwas länger gedauert, bis sich diese Erkenntnis durchgesetzt hat. Doch inzwischen haben die meisten Händler erkannt, wie wichtig eine moderne Optik ist – nicht nur in Bezug auf den Ladenbau. Zur guten Einkaufsatmosphäre trägt auch das gepflegte Äußere der Mitarbeiter bei. „Die Mitarbeiter sind das Spiegelbild des Ladens“, sagt Tilo Lehmann, Marktleiter von Karstadt Perfetto in Wiesbaden. „Der Kunde soll ein Gegenüber vorfinden, das ihm ebenbürtig ist. Deshalb dürfen die Mitarbeiter nicht verkleidet aussehen.“ So heißt es denn auch bei der Deutschen Berufskleider-Leasing GmbH (DBL): „Der von schlichten Kasacks und Kitteln geprägte Look im Einzelhandel wandelt sich hin zu mehr Individualität.“ Die Kaufleute übertragen ihre Corporate Identity auch auf die Berufskleidung. Mindestens das Logo des Unternehmens ist immer präsent. Laut Andreas Schumacher vom Industrieverband Textil Service Intex wollen die Unternehmer mittels der Berufskleidung einen einheitlichen Auftritt garantieren, die Bekanntheit ihrer eigenen „Marke“ erhöhen, sich visuell von den Wettbewerbern abheben und den Kunden durch den Wiedererkennungseffekt die Orientierung im Markt erleichtern. Dass die Wertigkeit von Berufskleidung steigt, lässt sich auch am Beispiel von Kaufland ablesen. Dort ist in Planung, Führungskräfte mit besonderer Berufskleidung (Anzüge und Hemden) auszustatten, um ihr Image zu stärken.

Generell ist ein Trend, dass „mehr und mehr Aspekte der Freizeitkleidung in die Berufskleidung integriert werden, wodurch diese bequemer und lockerer wird“, sagt Schumacher. So hat Rewe-Händler Kai Scholand aus Mülheim an der Ruhr erst kürzlich entschieden, dass seine Mitarbeiter keine Krawatten mehr tragen müssen. „Wer sonst nie eine trägt und tagsüber eine tragen muss, dem sieht man sein Unwohlsein an“, begründet er den Schritt. In den beiden Rewe-Scholand-Märkten dürfen die männlichen Mitarbeiter von Ostern bis Oktober in kurzen, schwarzen Hosen arbeiten, damit ihnen nicht zu warm wird. Den Damen steht es frei, ob sie lange oder kurze Röcke oder Hosen tragen, nur dunkel müssen sie sein. Dazu tragen alle schwarze Hemden oder Blusen mit kleinem Rewe-Logo am Kragen.

Auch wenn Tragekomfort und Funktionalität im Vordergrund stehen: Die Kleidung soll auch chic und modern aussehen – und zwar auch in größeren Konfektionsgrößen. „Schicke Kleidung erhöht den Selbstwert der Mitarbeiter und stärkt den Teamgeist“, findet Tilo Lehmann. Individueller Chic ist auch der Anspruch von Edeka-Händler Stefan Ladage aus Hessisch-Oldendorf: „Die Kleidung muss zu uns und zum Produkt passen. Die Mitarbeiter dürfen also nicht wie Schuhverkäufer aussehen.“ Und sein Edeka-Kollege Jörg Klein aus Bad Honnef-Aegidienberg sagt: „Wir sind Dienstleister, deshalb gehen wir mit unserer Kleidung ein bisschen in Richtung Kellner.“ Seine Mitarbeiter präsentieren sich derzeit in Aubergine. Damit liegt Klein im Trend. Laut DBL werden im LEH aktuell gern warme Farben wie Bordeaux gewählt. Beim Textil-Mietdienst Bardusch ist auch Toffee eine Trendfarbe, Alsco hat viel Weiß und Pastelltöne im Programm. Als Materialien haben sich laut DBL im LEH hautfreundliche Mischgewebe mit einem Anteil von 65 Prozent Polyester und 35 Prozent Baumwolle bewährt, weil sie angenehm zu tragen, pflegeleicht und formstabil seien. Bei Alsco ist auch klassisches, 100-prozentiges Baumwollgewebe weiter gefragt. Bardusch verzeichnet eine erhöhte Nachfrage nach Materialien mit Stretch-Fasern, die die Passform unterstützen, und solchen aus bioaktiven Faserkomponenten, die geruchshemmend und besonders hygienisch seien. Bei Initial Textil Service kommt Kleidung mit Gewebe aus Cellulosefasern (Tencel) gut an. Durch die materialspezifische Klimaregulierung habe der Träger ein angenehm kühles Gefühl auf der Haut.

Laut Sabine Anton-Katzenbach, Autorin der Studie „Berufs- und Schutzkleidung 2011“, geht der Trend im LEH und in der Lebensmittelindustrie zu geleaster Berufskleidung. Jörg Klein nutzt einen Mietdienst und ist froh darüber, dass seine Mitarbeiter einheitlich aussehen, weil die Kleidung zentral gewaschen wird. Auch sämtliche Rewe-Filialbetriebe werden von einem Mitservice beliefert. Rewe-Händler Jürgen Mück aus Haßfurt least dagegen nicht mehr: „Mietkleidung hat den Vorteil, dass die Kleidung immer sauber, gebügelt und vor allem nicht kaputt ist. Finanziell ist es für mich besser zu kaufen.“ Auch Tilo Lehmann von Karstadt Perfetto erzählt vom Wechsel von gemieteter hin zu gekaufter Kleidung: „Die Mitarbeiter hatten ein ungutes Gefühl, Kleidung zu tragen, die jemand anders wäscht.“ Heute zahlt das Unternehmen ihnen monatlich ein Wäschegeld von 12 Euro, und sie waschen selbst. Auch bei Edeka Ladage und Rewe Scholand waschen die Mitarbeiter selb st. „Zu 98 Prozent klappt das gut“, sagt Ladage. Damit sie pfleglich mit den Sachen umgehen, müssen die Mitarbeiter von Kai Scholand 10 Euro pro Kleidungsstück zahlen. Die gehen allerdings in die Kaffeekasse. Von deren Inhalt feiert das Team dann mehrmals im Jahr kräftig gemeinsam. Das stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl mindestens genauso wie einheitliche, ansehnliche Berufskleidung.