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Obst und Gemüse Frage des Vertrauens

Wibke Niemeyer, Sonja Plachetta | 06. November 2020
Obst und Gemüse: Frage des Vertrauens
Bildquelle: Sonja Plachetta

Edeka-Händler Marcel Schmidt (Foto) bietet Obst und Gemüse zum Teil in Bedienung an. Die Kunden – in Corona-Zeiten für Hygiene besonders sensibilisiert – nutzen den Service gern.

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Unter den Einkaufsstätten für Lebensmittel sind Wochenmärkte sehr beliebt. Sie vermitteln Frische und Regionalität, bieten vielfältige Obst- und Gemüsesortimente, sind Treffpunkt und Inspirationsquelle. Edeka-Kaufmann Marcel Schmidt hat sich diese Vorteile zunutze gemacht und die Obst- und Gemüseabteilung in seinem 2.500 Quadratmeter großen Markt in Backnang nach diesem Vorbild umgebaut. Inspiriert wurde er dabei vom Anblick der frischen Lebensmittel in den Markthallen von La Boqueria in Barcelona.

Statt wie früher von vier kleinen Truhen wird der Kunde in dem Markt, den Schmidt seit 2014 betreibt, nun von einer großen, runden Truhe mit dem Schriftzug „handmade“ (hausgemacht) empfangen. „Farbenfroh und regional“ ist laut Wandbeschriftung die Auswahl in den SB-Regalen. Und in der Mitte der 200 Quadratmeter großen Abteilung befindet sich, eingerahmt von zwei Baumimitaten, schließlich die Bedientheke mit dem Versprechen „Frisch wie auf dem Wochenmarkt“. Zum Mix aus Moderne und Nostalgie zählen auch Accessoires aus der Landwirtschaft, etwa ein Heuwagen oder ein Traktor. In den Umbau hat Schmidt einen sechsstelligen Betrag investiert.

Von den insgesamt 200 Artikeln bietet er 80 in Bedienung an. „Preiseinstiegsware und abgepackte Ware, für die die Edeka wirbt, bekommt der Kunde in SB, teurere Produkte wie Bio und Regionales bieten wir an der Theke an“, erklärt Schmidt. „Ich kann jetzt viel mehr Auswahl und Qualität zeigen.“ Früher habe er zum Beispiel nur Champignons angeboten, nun stünden in der Theke auch Austernpilze zur Wahl. Zudem gebe es mehr Exoten. Da flächenmäßig weniger Platz ist als früher, müssen die Mitarbeiter öfter auffüllen. „Dadurch ist die Ware immer frisch“, sagt Schmidt und ergänzt: „Wir haben so gut wie keine Verluste mehr.“

Das hat mehrere Gründe. Die Kunden wühlen nicht mehr in den Regalen und können die Artikel nicht mehr in die Hand nehmen. So bleibe gerade leicht verderbliche Ware vor Druckstellen geschützt und länger frisch. Außerdem kauften die Verbraucher an der Theke bewusster ein und nur so viel, wie sie wirklich brauchten, sodass weniger Lebensmittel verschwendet würden. „Manchmal wollen die Kunden zum Beispiel nur einen halben oder einen Viertel Kohl. Diesen Service bieten wir zur Kundenbindung gern an“, sagt Sandra Wurster, Abteilungsleiterin für Obst und Gemüse.

Wenn dann etwas Kohl übrig bleibt oder die Mitarbeiter Ware entdecken, die nicht mehr ganz frisch ist, wandern die Artikel in die hauseigene Convenience-Produktion. Unter der Eigenmarke „Emm Ess-Foodservice“, die sich aus seinen Initialien zusammensetzt, bietet Marcel Schmidt in der runden Truhe am Eingang und zusätzlich seit einigen Monaten in Verkaufsautomaten vor seinem Markt sowie in Fitnessstudios unter anderem frisch zubereitete Fruchtsnacks und zehn verschiedene Salate in nachhaltigen Verpackungen an. Fünf Mitarbeiter produzieren die Ultrafrische. „Inzwischen liegt der Convenience-Anteil bei 15 Prozent des Obst- und Gemüseumsatzes. Es sollen aber bis zu 25 Prozent werden“, kündigt der Edekaner an.

Schmidt sieht in der Obst- und Gemüsetheke auch einen wirtschaftlichen Vorteil. Zwar hätten sich die Personalkosten etwa verdreifacht. Umsatz und vor allem Rohertrag seien aber höher. „Wir haben die Gesamtspanne bei Obst und Gemüse um zehn Prozent gesteigert“, betont er. Zudem entstünden an der Kasse weniger Fehler als früher. „Der Kassierer musste schauen, welches Produkt auf dem Band liegt. Nun ist die Ware von der Theke in einer Papiertüte verpackt und mit einem Etikett versehen“, erklärt der Kaufmann.

Außerdem sieht Schmidt in dem Angebot einen Wettbewerbsvorteil. Zum einen spiele ihm die Corona-Pandemie in die Hände. „Da die Kunden verstärkt auf Hygiene achten, haben sie ein gutes Gefühl, weil wir die Ware hinter einer Glasscheibe präsentieren und sie niemand außer dem Mitarbeiter anfasst“, hat er beobachtet. Das schaffe Vertrauen und sorge für mehr Umsatz, weil die Kunden bereit seien, für hochwertige Ware mehr zu bezahlen. Des Weiteren schätzten viele die Beratung und den kurzen Plausch mit der Fachkraft. Zum anderen setzt sich der Edekaner mit der Bedientheke von den Discountern ab. Das muss er auch, hat er doch in Backnang allein zwei Kaufländer und nebenan einen Lidl. „Wir müssen immer einen Schritt voraus sein“, findet er. Gerade ältere Kunden habe er damit überzeugt. „Viele Kunden, die zum ersten Mal zu uns gekommen sind, als ein Kaufland wegen Umbau geschlossen war, kaufen nun weiterhin bei uns ein.“